Das Besuchstier hat viele Hobbys. Herzhaft auf die Füße von Menschen niesen zum Beispiel. Oder Wasser nur dann trinken, wenn ein Teelöffel Joghurt drin ist. Am liebsten aber geht das Besuchstier wo rein. Auch mein geliebtes Brötchen hatte diese Neigung, vor allem in den ersten Wochen unseres Kennenlernens. Da bog es beim Spazierengehen gern unvermittelt in fremde Hauseingänge ein, um dort auf Einlass zu hoffen. Es hat eine Weile gedauert, ihr klarzumachen, dass ich als Carsharing-Nutzerin zwar vermeintlich reich genug bin, um über zahlreiche Autos zu verfügen, mir aber keineswegs eine große Auswahl an Häusern und Wohnungen gehört, die ich mal eben aufschließen könnte. Als ich Panini zum ersten Mal nach Hause brachte, war jede Eingangstür für sie interessant. Schließlich stoppten wir vor der richtigen und ich sagte zu ihr: „Hier wohnen wir.“ Nie könnte ich diesen Moment vergessen.
Wo-rein-Gehen muss toll sein, zumal für optimistische Hunde. Was immer auch drinnen wartet, es wird gut sein. Amy ist eine begeisterte Wo-rein-Geherin. Drinnen gibt es weder Laubbläser noch jemanden, der Gerüstteile aus dem vierten Stock in einen LKW wirft. Es gibt keine frisierten Motorräder und es stehen drinnen auch selten fremdartige Gegenstände wie E-Roller oder Farbeimer mitten im Weg. Besonders gern geht Amy in Autos. Da sie keine Unfallstatistiken liest, hält sie Autos für den Inbegriff von Sicherheit. Es ist wahlweise angenehm kühl oder warm, die Welt zieht an einem vorbei und man kann ein bisschen rausgucken oder auch schlafen. Neulich schlenderte das Besuchstier durch die Straße und reckte dabei den plüschigen Hals. Sie sah aus wie ich, wenn ich im Parkhaus vergessen habe, ob ich auf Deck E oder F geparkt habe. Dadurch wurde mir irgendwann klar, dass Amy nach einem Auto Ausschau hielt, in das man reingehen könnte. Sie hatte einfach große Lust auf eine kleine Spritztour. Oder auch einfach nur aufs Wo-rein-Gehen, das weiß man nicht immer so genau.
Eine andere, ebenfalls sehr geliebte Variante des Wo-rein-Gehens ist der Cafébesuch. Hier kann man sich an oder unter einen Tisch kringeln, die Szenerie beobachten (oder auch nicht), es riecht nach Kaffee und Kuchen und voraussichtlich wird einem nicht der Himmel auf den Kopf fallen. Die Furcht vor Letzterem hat Amy mit den Galliern in Asterix-Comics durchaus gemein. Kommen wir auf unserer Runde an bestimmten Cafés vorbei, wird auf den Eingang zugesteuert. „Geh du ruhig noch ein bisschen Gassi“, sagt ihr Blick, „du kannst mich ja dann hier wieder abholen.“ Aber natürlich möchte sie in Wahrheit lieber mit mir zusammen einkehren. Das erhöht die Chance auf einen möglicherweise mittransportierten Snack. Dann könnten wir beide etwas naschen und das wäre doch auch nur fair. Das Besuchstier kehrt so leidenschaftlich gern ein, dass es schwer ist, ihrem Impuls nicht nachzugeben. So mancher Cappuccino – und ich gebe zu, auch das ein oder andere Stück Kuchen – ging schon auf ihre Initiative zurück.
Amys Café-Begeisterung erinnert mich an einen Hund, über den man in Heidelbergs Altstadt sprach, als ich Studentin war. Es war ein Pudel namens Buffy und obwohl ich ihn nie kennengelernt habe, weiß ich seinen Namen noch. Den Erzählungen nach wurde er spätabends regelmäßig von seinem Frauchen losgeschickt, um das Herrchen in einer der Altstadtkneipen aufzuspüren und nach Hause zu bringen. Mehrere Menschen, die Buffy kannten, darunter auch das Herrchen selbst, beteuerten, der Hund habe die jeweilige Kneipe betreten, Ausschau gehalten und auch gelegentlich an der Bar „nachgefragt“. Auf die Antwort: „Nee Buffy, der Rolf ist nicht mehr da“, sei der Hund umgedreht und habe die nächste Gaststätte angesteuert. Dabei habe er nur solche Lokalitäten gewählt, die ins Zech-Portfolio des Herrchens passten. War der Gesuchte schließlich gefunden, wusste der, dass es Zeit war, die Tour zu beenden. Herr und Hund gingen zusammen nach Hause. Die Geschichte hat meine Sicht auf Pudel nachhaltig geprägt. Buffys Nachfolgerin war ein riesiges, schwarzes Tier, das aussah wie eine Dogge, aber einer anderen Rasse entstammte, an die ich mich nicht mehr erinnere. Sie hieß Saska und es kostete ihren Besitzer viel Mühe, die Leute zu korrigieren, die „Da kommt ja wieder die Saskia“ riefen. Wenn man mit Saska Heidelbergs Hauptstraße entlanglief, teilte sie die Menschenmengen wie Moses das Meer. Alle gingen ihr aus dem Weg, weil sie schwarz war und so groß wie ein Kalb. Die Hündin hatte aber keine Ahnung davon, dass sie gefährlich sein sollte. Sie war in jeder Hinsicht ein Sensibelchen, das sich für einen Schoßhund hielt. Sie hatte einen nervösen Magen und vertrug angeblich nur Katzenfutter. Für eine Mahlzeit von Saska wurden sehr viele Verpackungen geöffnet. Aber wie kam ich drauf? Richtig, wo-rein-gehen.
Amy hat im Grunde völlig Recht. Wo-rein-Gehen ist schön. Zum Beispiel abends, wenn es dämmert, man ist müde und hungrig und es riecht nach Feierabend. Morgens, wenn man von der Laufrunde zurückkommt und sich auf die Dusche freut. Aber auch einkehren ist fein. Den letzten freien Platz ergattern. Durst stillen, etwas essen, was man selbst nicht herstellen kann. Plaudern oder Zeitung lesen, dabei ab und zu dem Hund zunicken. Und natürlich: bei Regen das Auto erreichen. Im Trockenen sitzen. Dahin fahren, wo es besser ist. Sicher, man muss erst mal rausgehen, damit man wo-rein-Gehen kann. Aber das liebt Amy ja auch. Ein kluges Tier.





3 Kommentare
Fritz ist ebenfalls ein großer Rein-Geher. Es sei denn, es handelt sich um das eigene Zuhause. Da kennt man ja schon alles. Vielleicht kann er das Besuchstier bei Gelegenheit einmal auf ein Prosecco einladen? Oder auf eine Rinder Bratwurst!
Rein und raus, schnüffeln und sogar Autofahren. Die Jungs hier sind ab 25 Grad lieber drin, der Kleine auch im Auto, der Große nicht so.
Danke für die gewohnt wunderbar geschriebene Geschichte.
So liebevoll und wunderbar ge- und beschrieben.
Dankeschön, es war die reine Freude!