Draußen

Das Besuchstier und das Geheimnis ewiger Jugend

16. August 2026
Hund auf dem Sofa

„Die ist noch ganz jung, gell?“ Sätze wie diese höre ich oft. Leider werden sie nicht an den Mann neben mir gerichtet, sondern an mich. Denn sie meinen das Besuchstier. „Buojoah“, sage ich dann, weil Amy eine Dame ist und da will man ja nicht uncharmant sein und einfach „nö“ sagen. „Die ist noch ganz mitteljung. Aber sie kennt halt das Geheimnis ewiger Jugend.“ Und das ist wirklich wahr.

Bei Panini war das anders. Die wiederum kannte das Geheimnis ewigen Alterns. Man hielt sie für eine Seniorin, als sie zu mir kam, fünf Jahre später schätzte man sie weiterhin als „schon älter“ ein und als sie nach neun Jahren immer noch als Oma (oder wahlweise auch als Opa) angesprochen wurde, war es mir längst egal, was Menschen über meinen Hund sagen. „Du siehst schon wieder aus wie Lenin“, sagte ich manchmal zu ihr, wenn sie etwas zerzaust wirkte und das kleine Bärtchen langsam zu lang wurde. Das stimmte natürlich nicht, Panini sah nie aus wie Lenin. Aber dann sagte ich schnell: „Naain, das stimmt gaaar nicht“ und hatte einen Grund, sie zu trösten und zu herzen und mich zu entschuldigen, dass ich sie mit Lenin verglichen hatte. Das wiederum schätzte das Brötchen sehr, obwohl es den Grund dafür nicht ganz genau verstand. Man muss es sagen, wie es ist: Das Tier hatte erhebliche Lücken in Weltgeschichte. Auch wenn es offenbar alt und weise aussah. Wenn ich es recht überlege, ist es gar nicht so schlecht, früh für älter gehalten zu werden. Hätte man mir ab dem Alter von – sagen wir 27 – einen Sitzplatz in der Bahn angeboten, die Einkaufstaschen nach oben getragen und einen Rabatt auf Zugtickets oder im Museum gewährt, wäre das für mich vollkommen in Ordnung gewesen. Aber sowas passiert natürlich immer nur Hunden.

Amy jedenfalls bezaubert alle durch ihre jugendliche Ausstrahlung. Das Frauchen beteuert, Amy habe nie an Botox-Partys teilgenommen, keinerlei Hyaluron-Filler oder Lip-Injections genossen und auch ihre Jawline sei bereits von Natur aus so straff und konturiert. Das Besuchstier hat einfach das, wofür andere viel Geld ausgeben müssen. Wie Audrey Hepburn. Sie verkörpert welpige Lieblichkeit und zugleich gelegentlich die pubertäre Lust an einer gepflegten Rauferei (Amy, nicht Audrey). Während unsereins vom Leben zerwühlt, arthrotisch und sorgenzerklüftet den Weg entlang schluft, hüpft das Besuchstier nebenher, mit der unschuldigen Begeisterungsfähigkeit aller Wesen, die noch nie eine Steuererklärung abgeben mussten. Und die sich nicht einmal durch die eigene Shortevity auch nur einen einzigen Tag lang die Stimmung verderben lassen wollen. Falten sind Amy herzlich egal, ebenso wie die Farbe des Regenmäntelchens oder ihre Sichtbarkeit in den sozialen Medien. Stattdessen erscheint jeder Spaziergang wie ein wunderbares Abenteuer aus unvorhersehbaren Begegnungen und Gerüchen, an dessen Ende ein köstliches Essen oder zumindest ein kleiner Snack steht. Die Vor-, Während- und Nachfreude darüber hält ganz offenbar jung. Manchmal hat Amy natürlich auch mal Sorgen. Wenn irgendwo eine Straße aufgerissen wird und man muss auf dem Bürgersteig über eine kleine Brücke aus Holz und Metall laufen. Oder wenn man an der Müllabfuhr vorbeimuss. Aber das sind kompakte Sorgen, die offenbar dem Teint nicht schaden, ganz im Gegensatz zu der unübersichtlichen Sorgensorte, die länger bleibt. Aber die gibt es in Hundeleben nicht ganz so oft. In jedem Fall kann man als Hund „Ätsch“ sagen. Wird man für jünger gehalten, beneiden einen die anderen. Schätzen einen alle älter, kann man länger leben, als andere sich das vorstellen konnten. Ich merk mir das mal vor.

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