Draußen

Social flaniering

11. Juli 2026
Chihuahua in Jeansweste

Flanieren ist das Größte. Das absichtslose, unproduktive Umherstreifen und Beobachten, das in der Literatur nahezu ausschließlich Männern vorbehalten ist – wie kommen viele Menschen nur ohne aus? Ich flaniere für mein Leben gern. Manchmal begleitet mich das Besuchstier, eine geborene Flaneurin. Nur Panini beherrschte das beobachtende Schlendern vielleicht sogar noch besser, da sie mit ihrer Kunst des Dödelns das Flanieren nochmal um eine Entschleunigungsstufe weiterdrehen konnte. Aber auch, wenn es etwas zügiger vorangeht, ist der große Spaziergang, meist am Morgen oder am Mittag, der Höhepunkt des Tages. 

Die Journalistin Andrea Hanna Hünniger nennt das Flanieren in ihrem 2022 in der ZEIT erschienenen Text „Streunen“, womit sie wiederum ganz nah an der Welt der Hunde ist. Mit dem Streunen, so schreibt sie, gelinge es, verschiedene Räusche abzuschütteln, „die wir jeden Tag verzweifelt suchen: den Like-Rausch im Netz, den Kriegsbilder-gucken-Rausch, den News-Rausch, den Amazon-Rausch …“. So wahr und so notwendig. Leider scheint das allerdings nicht jedem zu gelingen. Immer wieder sehe ich auf meinen Spaziergängen Menschen mit und ohne Hund, die gehend ins Handy starren. Aber vielleicht sind das dann auch keine echten Streuner.

Dabei gibt es so vieles jenseits des Bildschirms zu sehen, zumal in der Stadt. Ich dokumentiere innerlich die Fortschritte von Baustellen und Vorgartenarbeiten, von Kabelverlegungen und Graffiti-Entfernungen. Ich weiß exakt, an welchem Tag die große Magnolie am Parkrand blühen wird und wann die Pracht wieder vorbei ist. Ich weiß, welche der Rosen, die über den Bürgersteig ragen, zur duftenden Kategorie gehören und welche nur ambitions- und geruchlos blühen. Ich führe eine virtuelle Statistik über die beliebtesten Hunderassen in meinem Areal und registriere, wer zu welcher Uhrzeit mit dem Hund geht. Meist hängt morgens eine andere Person an der Leine als mittags oder nachmittags. Überhaupt ist es das Schönste, wenn man zufällig die Hunde-Rushhour erwischt und damit diesen magischen Moment, in dem sich überall Haustüren und Hoftore öffnen und Hunde aller Größen heraustreten. Begeistert streben sie nach vorn, in der unerschütterlichen Gewissheit, dass jetzt die großartigste Stunde des Tages gekommen ist. Während der Mensch an der Leine seine Gedanken zwischen Büro (Vergangenheit), Hund (Gegenwart) und Abendeinladung (Zukunft) zu sortieren versucht, ist das Tier ganz Ohr, ganz Nase, ganz Auge und atmet den Moment voller Freude ein. Der Beagle, der an der großen Allee wohnt, bellt regelmäßig eine imaginierte Meute herbei, einfach so, weil er’s kann. Der Malteser der alten Dame eine Straße weiter wuselt wie ein kleines Wischmöppchen um die Bäume. Der kleine niedliche Pudel, der nicht etwa einer Rentnerin, sondern einem lässig wirkenden jungen Mann gehört, verschnüffelt sich an einem Grasbüschel und vergisst dabei Zeit und Raum. Dazwischen bilden sich Schwätzchen-Inseln, Orte des „Wie geht’s?“, an denen nicht selten auch die dazugehörigen Hunde ihre Neuigkeiten via Piesel-Messaging austauschen. Dorf-Stimmung mitten in der Großstadt.

Wir oder ich streunen daran vorbei. Nur manchmal muss auch ich kurz stoppen, weil mich ein Tier besonders berührt. Neulich kam ich an einer Schwätzchen-Insel vorbei, die von einem älteren Chihuahua in Jeansweste bewacht wurde. Lässig, unbeeindruckt, weise. Er wirkte wie der Chef eines Clubs, der exorbitant hohe Anforderungen an potenzielle Mitglieder stellt. Ich war sofort beeindruckt und wollte nicht grußlos an so viel Autorität vorbeigehen. „Guten Tag“, sagte ich nach unten und ich bilde mir ein, gesehen zu haben, wie das Tier für den Bruchteil einer Sekunde seine großen dunklen Augen schloss und huldvoll seinen Kopf neigte. So geadelt setzte ich den Spaziergang beschwingt fort. Und das bewestete Tier bleibt für immer in der Galerie der herausragenden Begegnungen.

Manchmal werden aber auch wir angesprochen und es entstehen die Miniatur-Dialoge im Vorübergehen, die ich so sehr schätze. „Gell, dir ist auch ganz schön warm“, sagt beispielsweise eine Dame auf einer Parkbank, an der wir vorbeigehen, zum Besuchstier. „Was soll man machen“, antworte ich als autorisierte Sprecherin des Tiers, „Bewegung und Geschäfte müssen ja sein.“ „Wie bei uns auch“, sagt die Dame. Ich winke freundlich und schon sind wir an der nächsten Straßenecke. Solche Mikrobegegnungen sind das Sahnehäubchen, das Zitronencremebällchen auf dem Kosakenzipfel des Flanierens. „Du hast aber schöne Ohren“, ruft uns jemand zu und obwohl ich meine ganz ordentlich finde, habe ich den Verdacht, er meint die unnachahmlichen Radar-Öhrchen des Besuchstiers. „Danke im Namen des Tieres!“, rufe ich dann zurück und der Komplimentgeber lächelt. Schon als Läuferin habe ich solche Sekundengespräche geliebt. Ich erinnere mich, wie es einmal regnete – was sag ich: Es goss wie aus Kannen. Ich war im Marathontraining und das fragt nicht nach Sonnenschein. Also zog ich im Park meine Runden, ebenso wie eine einsame Hundebesitzerin, die bei dem grotesk nassen Wetter ebenfalls keine Wahl hatte, als dem Tier die Gelegenheit zu geben, alles Nötige zu erledigen. Als ich zum zweiten Mal an ihr vorbeiwatete, sagte ich: „Das haben wir nicht verdient!“ Sie hob überrascht ihren Kopf: „Genau! Was wäre der Park heute ohne uns!“ Ein Mikrogespräch, das mich problemlos über den nächsten Kilometer trug. Und übrigens einer der vielen Beweise dafür, dass Läufer und Hundebesitzer nicht per se natürliche Feinde sind.

Hundeschulen bieten „Social Walks“ an, um für Mensch und Hund einen Rahmen des Miteinanders zu schaffen. Wer möchte, kann jeden Tag einen Social Walk haben. Sogar ohne Hund, auch wenn es mit in der Regel leichter und in gewisser Weise geradezu unabdingbar wird. Absichtslos flanieren. Nicht produktiv sein, um überhaupt weiter produktiv sein zu können. Das Smartphone allerdings, fürchte ich, das muss dafür in der Tasche bleiben.

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2 Kommentare

  • Antworten Michael 11. Juli 2026 um 19:26

    Wunderbare Beobachtungen mal wieder. Danke, auch im Namen meines vierbeinigen Mitflanierers!

  • Antworten Ute 11. Juli 2026 um 22:41

    Hach!
    Bewesteter Chihuahua, allein dafür lohnte sich das lesen.

    Danke.

    Ich blogge gern und schon lang und lese auch viel, selten begegnet mir eine so bezaubernde, beschreibende Sprache.

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