Draußen

Das Gesetz.

19. August 2017
Gesetz Hund

Ich freue mich. Ich wollte schon immer mal einen Beitrag schreiben, der einen Titel trägt wie die Bücher von John Grisham. Die Firma. Die Akte. Das Urteil. Und jetzt ich: Das Gesetz.

Es gibt viele Gesetze, die das Zusammenleben von Hunden und Hundehaltern, vor allem aber das Zusammenleben von Hundhaltern und Hundehaltern regeln. Doch keines ist so wichtig wie dieses eine. DAS Gesetz. Schon Mose pickte es noch in der Wüste in Steintafeln, es ist auf den Schriftrollen von Qumran zu lesen, Luther schlug es an die Schlosskirche zu Wittenberg und im Amulett von Ötzi fand sich ein kleiner Zettel, auf dem es stand: „Hunde, die an der Leine sind, dürfen keinen Kontakt miteinander haben“. Genau so wird es auch heute noch in Foren proklamiert. Und doch gibt es ein Problem mit dem Gesetz. Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, das sonst nahezu das gesamte Bundesrecht im Internet zur Verfügung stellt, hat ausgerechnet dieses Gesetz vergessen. Und so kommt es, dass unzählige Hundehalter nichts davon wissen. Also ist das Desaster vorprogrammiert: Streng Gesetzestreue treffen in der freien Wildbahn auf Hundehalter, die noch nie von einer derartigen Vorschrift gehört haben. Sie wissen auch nicht, dass man bei Übertretung mit einem hysterischen Ausbruch nicht unter 13 Minuten bestraft werden kann.

Das Chaos des Stadtlebens.

Hier bei uns in der Stadt herrscht allerdings die totale Anarchie, kaum jemand schert sich um das Gesetz. Tagtäglich laufen Menschen mit angeleinten Hunden aufeinander zu. Sieht einer der beiden Hunde aus, als wäre mit ihm nicht gut Kirschen essen, schlägt sich der Mensch mit dem anderen Hund in die Büsche. Oder der Mensch mit dem Hund, der das Problem mit dem Steinobst hat, schlägt sich in die Büsche. Manchmal ruft der auch: Obacht, mein Hund frisst andere Hunde mit einem Haps! Und dann ruft der andere möglicherweise: Glückwunsch! Meiner hasst auch alles, was sich bewegt! Beide Hundehalter lassen dann ihre Hunde mit Helikoptern nach oben liften, einen Kilometer in entgegengesetzte Richtungen verbringen und erst dann wieder auf dem Boden absetzen. Das klappt eigentlich ganz gut.

Der Normalfall ist allerdings, dass einer der beiden Hundehalter „Rüde?“ brüllt, womit er das Geschlecht des anderen Hundes meint und nicht etwa den erwünschten Grad der Höflichkeit in der Kommunikation. Der andere Hundehalter brüllt dann entweder „Ja“ oder „Mädchen“ zurück. Wird letzteres gerufen, tritt meist augenblicklich Entspannung ein, andernfalls greift wieder die Helikoptermethode. Es gibt allerdings auch den Fall, dass bei „Mädchen“ die Verspannung zunimmt, dann ruft der Fragende, dass er eigentlich gar keinen Hund an der Leine habe, sondern eine Zicke und deshalb könne es zu Rechthabereien unter den Tieren kommen, zum Beispiel um die Frage, wem von beiden denn nun der Weg, das Viertel, die Stadt und die Welt gehört. Das sei akustisch belastend, erklärt meist der Fragende, schlägt aber dann in der Regel vor, man könne einfach mutig aneinander vorbei gehen und gar nicht hinhören. Auch das funktioniert gut.

Kommunikation ist alles.

Am allerbesten aber funktioniert hier das: Zwei Hundehalter gehen tiefenentspannt aufeinander zu, die Hunde tun es ihnen gleich. „Wer bist du denn?“ eröffnet dann der eine Hund das Gespräch und noch bevor der andere antworten kann, fährt er fort „Sag nichts, ich riech es sowieso. Weibchen im besten Alter. Hochinteressant!“ Der andere sagt dann zum Beispiel „Wenn ich eins nicht leiden kann, dann diese aufgeblasenen Jünglinge, die einem an den Popo wollen. Frauchen, ich will weiter und zwar sofort!“ Oder er sagt: „Danke fürs Kompliment, Sie riechen aber auch ganz gut! Darf ich noch mal kurz an ihr Poloch?“ Nach solcher oder ähnlicher Konversation, die oft in ca. 5 Sekunden erledigt ist, geht jeder seiner Wege. Länger dauert es nur dann, wenn die Hundehalter ihrerseits eine Konversation beginnen, die üblicherweise allerdings Themen wie Gerüche im Bereich des Hinterteils ausklammert, zumindest solange man sich noch nicht so gut kennt. Stattdessen geht es um augenfällige Besonderheiten bei den Hunden, etwa Verletzungen und Verbände, schicke Halsbänder oder Geschirre, Bezugsquellen für Hundemäntel, Herkunft, Fellfarbe oder Rasse der Hunde. Solche Gespräche langweilen die anwesenden Hunde zu Tode, für die Hundebesitzer sind sie aber gelegentlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Auch hier gibt es Gesetzestreue.

Allerdings ist solcherlei nur möglich, weil sich hier zwei Hundehalter strafbar gemacht haben. Sie übertreten DAS Gesetz, das besagt, dass sich Hunde an der Leine NIEMALS begrüßen dürfen. Gelegentlich trifft man allerdings hier in der Stadt auch Gesetzestreue. Ob sie tatsächlich einen Hund haben, der andere Hunde an der Leine nicht ausstehen kann, bleibt unklar. „Wenn mein Hund einen anderen begrüßen will, ist mir das egal. Ich bestimme!“ heißt es in Foren. Das Problem ist allerdings, dass der Hund das oft nicht weiß. Die Meinungsverschiedenheit ist damit offensichtlich. Manchmal sehe ich einen freundlichen, entspannten Hund auf uns zu kommen, der einen sehr gestressten Hundehalter an der Leine führt. Schon von Weitem hört man eine Kanonade von Kommandos, die klingt wie „NeinAusFußHierNeinGehstDujetztFuß!“ Über dem Hund sieht man eine kleine Denkblase, in der steht: Wie soll man sich bei diesem Lärm auf einen entgegenkommenden Hund konzentrieren können? Ich möchte mit den Gesetzestreuen keinen Ärger haben. Nachher zeigen sie einen an oder tun andere schlimme Dinge. Ich versuche Panini dann an dem Wortdurcheinander vorbei zu lotsen. Nicht selten erkenne ich freundliches aber oberflächliches Interesse auf Seiten beider Hunde. Dreht der andere Hund den Kopf in Richtung meines Hundes, wird er harsch zurecht gewiesen. Dreht mein Hund den Kopf, höre ich ein Knurren. Es ist nie der Hund, der knurrt, sondern der Mensch, der sein Missfallen darüber äußert, dass ich so einen unerzogenen Hund habe, der es wagt, sich für einen fremden Hund zu interessieren. Und das an der Leine! Ich bin froh, dass es hier nicht so viele Gesetzestreue gibt.

Mit Abstand am Garstigsten sind ohnehin diejenigen, die das Gesetz auf die denkbar saublödeste Art umgehen: Sie lassen den Hund von der Leine, ungeachtet der Umgebung, der Empfindlichkeit oder des Zustandes des anderen Hundes. In unserer Straße galoppierte einmal ein solches Exemplar auf uns zu (der Hund, nicht sein Halter), um Panini mit geballter schlechter Laune zu stellen. Fletschen, drohen, ausrasten, das ganze Programm. Der Besitzer des Hundes kam sehr gemächlich und kopfschüttelnd hinterher. Bei uns angekommen, stellte sich heraus, dass das Kopfschütteln nicht seinem Hund, sondern uns galt. Das Problem sei, klärte uns der Hundehalter auf, dass mein Hund an der Leine liefe. Hätte ich ihn von der Leine genommen, so wie er seinen Hund, würde alles friedlich bleiben. So aber … Kein Wunder. Aber so sei es nun mal, wenn Hundehalter keine Ahnung hätten. Diese Begegnung liegt schon Monate zurück, meine Verblüffung dauert an. Ich habe auch gegoogelt, ob Mose möglicherweise auch die Worte: „Wenn du irgendwo einen freilaufenden Hund siehst, nimm deinen sofort auch von der Leine, vor allem an vierspurigen Straßen“ in ein Steintäfelchen gepickt hat, aber ich bin nicht fündig geworden. Es ist eben manchmal gar nicht so einfach mit den Gesetzen, die kaum jemand kennt.

 

Bild © kallejipp – photocase.de

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4 Kommentare

  • Antworten Inken 20. August 2017 at 11:33

    Liebe Heidi,

    ich, das Ende der Leinen von 2 unkastrierten Rüden, bin großer Fan von DEM Gesetz. So im Allgemeinen zumindest. Denn: Meine beiden Jungs sind aus unterschiedlichen Gründen keine grossen Fans von Hundebegnung an der Leine. Voltaire, der prinzipiell kein grosser Freund von Hundebegegnungen ist, hat das Gefühl, dass er nicht ausweichen kenn und wird deswegen unleidlich. William, der ein grosser Freund von Hundebegegnungen ist, glaubt, dass er mit mir am Ende der Leine so eine Art Unsterblicher ist – und zeigt das anderen Rüden auch gerne.

    Ich bin allerdings auch großer Fan der menschlichen Kommunikation. Nicht, dass mir Dein beschriebenes Gebrülle nicht wohl bekannt ist, aber manchmal läuft man tatsächlich auf Menschen zu, die ihren Hund an der Leine haben und freundlich rufen: Ihre dürfen gerne rankommen, meiner haut einfach ab, wenn ich ihn losmache.

    Insgesamt danke ich Dir jedoch wieder einmal für einen wundervollen Artikel, in dem ich mich zum Teil grinsender Weise wiedererkennen (muss).

  • Antworten Bernd 21. August 2017 at 17:41

    Meisterhafte Leistung wie du die “kran…” Verhaltensweisen von Menschen in diesen paar Worten untergebracht hast. Ich musste so lachen. Vor allem da es in Deutschland wirklich so zu sein scheint, dass man ganz wahnsinnig auf Gesetzte ist diese aber nur dazu benutzt um andere einzuschränken ohne diese selbst einzuhalten.
    Letztendlich tut wieder jeder was er will, leider!

    Was für ein Glück das der ein oder andere Mensch wenigstens durch seinen Hund aber etwas normaler wird. Menschen ohne Haustiere sind nach meiner Erfahrung noch verkorkster.

    Danke für diesen tollen Bericht!

    Bernd

  • Antworten Monika 23. August 2017 at 13:04

    Danke, Danke, Danke!!! Und ich dachte schon, ich wäre die einzige Gesetzesbrecherin. Auch ich verstehe diese Grundsätzlichkeit DES GESETZES nicht. Meine Hunde müssen leider an der Leine gehen, da der Jagdtrieb sie ansonsten außerhalb meines Einflussbereiches verschlägt. Andere Hunde mögen sie mal, mal auch nicht. Aber wenn uns andere angeleinte Hunde entgegenkommen, sieht man doch eigentlich schon, ob es passt oder nicht. Da die Menschen ja der Sprache (manchmal) mächtig sind, können sich die Leinenhalter ja abstimmen, ob es okay ist oder nicht, die Hunde zusammenzulassen. Für mich ist es meistens okay, für meine Hunde auch. Wenn ich von weitem abgeleinte Hunde sehe, die dann eiligst an die Leine genommen werden, wenn wir im angeleinten Anmarsch sind, rufe ich meistens schon vom Weitem “Sie brauchen Ihren nicht anleinen, wenn er meine nicht frisst”. Denn dann sind die meinen viel friedlicher, als wenn sie nicht mal “guten Tag” sagen dürfen. Es ist wie mit so vielen Dingen: Reden hilft manchmal!

  • Antworten Johanna 4. September 2017 at 10:16

    Ach, ein schwieriges Thema. Ich glaube das hat jeder einen anderen Blick drauf, je nachdem wie entspannt der eigene Hund ist.

    Meine Hündin Aileen hat auch schon mit Schleppleine gespielt und darf durchaus aus mal an der Leine Kontakt haben, wenn man sich kurz abspricht, dass es ok ist. Evtl. kann ich sie dann aber auch losmachen. Wenn jemand seinen Hund im Griff hat muss er den auch nicht anleinen, wenn sie an uns vorbeigehen.

    Aileen ist aber ein skeptischer Hund und fremde Hunde sind (meistens) erstmal schwierig. Das Geschlecht ist dabei völlig egal, auch wenn ich das am häufigsten gefragt werden “Ist das ein Mädchen?”. Und oft kommt dann “ach dann geht das ja”, wenn es ein Rüde ist…. ich glaube das nächste mal frage ich irgendwas wie “Ach sie kennen meinen Hund?” xD

    Mich stören vor allem in der Stadt (auf dem Dorf habe ich das noch nicht erlebt) die freilaufenden Hunde, die ohne ein Wort des Halters auf uns zu stürmen. Gerade erst wieder gehabt. Ich würde mir dann schon wünschen, das die Halter fragen würden ob Kontakt ok ist und ihren Hund eben so lange nicht auf uns zustürmen lassen.