Drinnen

Die Welt der Hundebesitzer: Zwischen den Extremen

16. März 2024

“Das weiß man doch vorher!” Wenn ich diesen Satz in Hundegruppen auf Facebook lese, kriege ich immer öfter nervösen Hautausschlag. “Mein Hund ist 17 Jahre alt und dement, er tapert die ganze Nacht umher und macht in die Wohnung. Ich habe seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen und weiß nicht mehr, was ich tun soll”, schreibt jemand und bekommt als Antwort: “Das weiß man doch vorher!” “Ich habe keine Ahnung, wie ich all diese Tierarztrechnungen bezahlen soll, ich habe total schlechtes Gewissen, aber die Zahnreinigung muss noch warten” wird mit “Das weiß man doch vorher!” beantwortet. “Ich habe einen spanischen Hund aus dem Tierschutz und sein Jagdtrieb ist so stark, dass er sich auf den Runden im Feld nie entspannen kann und regelrecht durchdreht. “Das weiß man doch vorher!” Wenn es ganz blöd kommt, geht der Text weiter mit: “WIR haben damals …” und dann folgt eine selbstverliebte Auflistung der Entbehrungen und Heldentaten, die man für die eigenen Hunde auf sich genommen hat. Hundemenschen, die hadern, verzweifeln, in Notlagen geraten oder nicht weiter wissen, werden in der vermeintlich verständigen Hundecommunity nicht unbedingt mit Empathie überschüttet. Das hat sicher damit zu tun, dass sich viele selbsternannte Tierschützer auch deshalb den Tieren zugewandt haben, weil sie mit Menschen nicht zurecht kommen. Und wo ließe sich Menschenhass besser ausleben, als in einer Hundegruppe in den sozialen Medien? Mir stockt jedesmal der Atem, wenn ich lese, ein hilfesuchender Mensch hätte sich doch wohl besser ein Stofftier gekauft, denn: “Das weiß man doch vorher!”

Die Wahrheit ist, dass man erstaunlich viel nicht vorher weiß. Man kann 48 Hundebücher gelesen haben, aber keines vermittelt einem, wie dünn die Nerven werden, wenn man nicht mehr schlafen kann. Wie es ist, wenn der Hund auf nahezu alles allergisch reagiert und vor Juckreiz durchdreht. Oder einfach nur, wie es sich anfühlt, wenn einen das ganze Viertel hasst, weil man einen unverträglichen Hund hat. Niemand kann einen wirklich auf die Angst vorbereiten, den eigenen Hund zu verlieren, weil er alt oder krank ist. Auf gigantische Tierarztrechnungen. Es gibt so vieles, was man nicht vorher weiß, zumal als Ersthundehalter. Auch nicht mit der besten Vorbereitung. Und was, wenn sich die Lebenssituation ändert? Trennung, Umzug, Jobverlust, Krankheit – weiß man das immer alles vorher? Ich spreche hier nicht davon, dass Hundebesitzer Veränderungen zum Anlass nehmen, den Hund unter die Räder kommen zu lassen. Mir geht es um die, ihre Tiere wirklich und aufrichtig lieben. Warum Hundehalter dann über andere richten, die ihr Bestes geben, ist mir ein Rätsel. Da werden Hundemenschen angeranzt, weil sie keine Tierkrankenversicherung haben, dabei war die noch vor einigen Jahren weder besonders populär, noch für jeden Hund zugänglich. Propagiert wird der märchenhaft perfekte Hundemensch, der jeden Tag drei Stunden lang seinen Hund bespaßt, ihn nie länger als zwei Stunden allein lässt, für ihn die besten Zutaten kocht und regelmäßig ans Meer fährt. Und der natürlich auf alles immer ganz gelassen die richtigen Antworten hat. Das Geld reicht für die Hundeschule, die Physiotherapie, jede diagnostische Maßnahme, vierteljährliche Blutbilder, Dauermedikamente, Futterzusätze und Spezialfutter. Das weiß man ja vorher. Am Ende könnte man den Eindruck gewinnen, dass nur noch kerngesunde, steinreiche 40-Jährige mit Eigenheim im Grünen (aber nicht zu weit draußen, denn sonst ist die perfekte Hundeinfrastruktur aus Therapeuten zu weit entfernt), die nie wieder arbeiten müssen, einen Hund haben dürfen. Aber das Leben ist für die meisten von uns nicht so.

Während also die einen ihre eigenen Bedürfnisse für den Hund zurückstellen und sich mit (Selbst-)Vorwürfen und Schuldgefühlen plagen, weil es ihnen nicht gelingt, perfekt zu sein, schert das alles wiederum andere überhaupt nicht. Da werden Hunde aus illegalen Quellen gekauft und/oder munter Qualzuchten angeschafft, die man dann wegen akutem Desinteresse und mangelnder Empathie verwahrlosen lässt, misshandelt oder aussetzt, gern auch mal alles zusammen. In den USA ist es alles andere als selten, dass alte Hunde ausgesetzt werden, während noch am gleichen Tag ein Welpe einzieht. Als wäre ein Lebewesen so etwas wie ein Smartphone, das man gegen ein neues Modell mit cooleren Features austauscht. Verbrechen am Hund sind vielfältiger als die Phantasie von uns, die so etwas wie ein Herz haben, reichen könnte. Das kann nicht nur frustrieren, sondern auch regelrecht verbittern und einen an der Menschheit zweifeln lassen. Wenn wir deshalb aber anfangen, alle Menschen für Monster zu halten, uns nur noch als Anwälte für Hunde aufspielen und darüber die Menschlichkeit vergessen, dann läuft etwas ganz schief. Die Welt wird zum selbstgerechten Wutraum, in dem Leute ihre eigene Weltsicht zum Gesetz erheben. Und wie sowas aussieht, weiß man vorher.

Nachbemerkung: 2017 habe ich schon mal über ein ähnliches Thema geschrieben, damals ging es um die Gewaltphantasien von vermeintlichen Tierschützern im Netz. Bis heute glaube ich nicht, dass “Hunde die besseren Menschen” sind. Nicht mal meiner, der in mancherlei Hinsicht klüger war als ich.

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1 Kommentar

  • Antworten Claudia Ha 21. März 2024 um 0:00

    So wahr und auf den Punkt gebracht! Danke!

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