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Let’s talk about Librela

4. Februar 2024

Mein geliebtes Brötchen ist physisch nicht mehr bei mir, aber Themen rund um den Hund, insbesondere die Hundegesundheit, interessieren mich weiterhin. Eines sticht dabei besonders heraus und das ist das Thema “Schmerzen im Bewegungsapparat”. Für uns war es die Nummer 1, eine Herausforderung die Panini und mich ihr Leben lang begleitet hat. Aufgrund eines unbehandelten Kreuzbandrisses hatte sie bereits als junger Hund Arthrose, durch ihre frühe Kastration war ihr Bindegewebe sehr weich und locker, was sich auch auf die Bänder der Hüfte und überhaupt ihre gesamten Faszien ausgewirkt hat. Sie hatte Spondylosen am Übergang zur Rute (Cauda Equina Syndrom) und im Alter auch am Übergang zur Halswirbelsäule.

“Die Lebensqualität zählt, auf keinen Fall soll mein Hund Schmerzen leiden!” Das habe ich Menschen oft sagen hören. Aber so einfach ist es nicht. Es gibt kaum ein Leben ohne Schmerzen, weder bei Tieren noch beim Menschen. Es ist ein frommer Wunsch, jegliche Schmerzen vermeiden zu können. Tabletten sind auch keine Wunderpillen. Sie können lindern, aber oft nicht heilen. Die (temporäre) Abwesenheit von Schmerz ist meist nicht die Abwesenheit der Erkrankung. Panini bekam bei mir früh eine Goldimplantation und Physiotherapie, sie wurde ihr Leben lang osteopathisch behandelt und bekam im Aktutfall bzw. phasenweise Akupunktur und Schmerzmittel. Ihre Entgiftungsorgane ließen am Ende altersentsprechend etwas nach, aber nicht besonders besorgniserregend, dank angepasster Ernährung und Homöopathie haben sich die Werte wieder deutlich verbessert und lagen wenige Wochen vor ihrem Tod in der Norm. Es gab also keinen besonderen Grund, ihr in schwierigen Zeiten nicht eines der üblichen Schmerzmittel zu geben und das tat ich auch.

Librela – das Wundermittel “ohne Nebenwirkungen”

Trotzdem – und jetzt kommt meine lange Einleitungsschleife endlich auf die Zielgerade – wurde ich von einer Tierärztin und einem Tierarzt (zwei verschiedene Praxen) massiv bedrängt (man kann es nicht anders nennen), meinem Tier Librela spritzen zu lassen. Bei Librela handelt es sich um ein seit 2020 zugelassenes schmerzlinderndes Medikament, das anders funktioniert als Meloxicam, Carprofen, Metamizol oder andere Wirkstoffe. Hier wird ein monoklonaler Antikörper (Bedinvetmab) gegen den sogenannten Nervenwachstumsfaktor (NGF) eingesetzt und dieser neutralisiert. Der NGF steht in Verbindung mit Arthroseschmerzen, die durch das Blockieren des NGF ausgeschaltet werden können. Librela wird gespritzt und soll dann ca. vier Wochen lang wirken. Danach muss erneut gespritzt werden. Der Vorteil des Medikaments soll nicht nur seine zuverlässige Wirkung sein, sondern auch laut unseren beiden und vielen, vielen anderen Tierärzten DAS VÖLLIGE FEHLEN JEGLICHER NEBENWIRKUNGEN. Anders als andere Medikamente werden die Entgiftungsorgane nicht belastet, auch Magenprobleme sind angeblich gänzlich unbekannt. Zur Bekräftigung ihrer Begeisterung drückte mir die Ärztin eine Werbebroschüre des Herstellers ZOETIS in die Hand, der Arzt versicherte mir, er habe NIE VON IRGENDWELCHEN NEBENWIRKUNGEN gehört.

Panini wurde grundsätzlich naturheilkundlich und nach TCM behandelt, aber nicht ausschließlich. Ich weiß die Segnungen der Pharmaindustrie sehr zu schätzen. Trotzdem bin ich mir darüber bewusst, dass JEDES Mittel auch eine unerwünschte Wirkung haben kann. Trächtigen Hündinnen gibt man keine Kräutermischung, die Petersilie enthält, da sie Kontraktionen und damit Fehlgeburten auslösen kann. Niemand würde deshalb Petersilie für gefährlich halten, aber es ist nun einmal so, dass etwas, das eine Wirkung hat, auch unerwünschte Wirkungen haben kann. Warum ausgerechnet ein Langzeitmedikament, das ein Protein hemmt, das mannigfaltige, teils noch unerforschte Funktionen im Körper hat, keinerlei mögliche unerwünschte Wirkungen haben soll, erschließt sich mir nicht. Aber genau das wird Hundebesitzerinnen und -besitzern überall auf der Welt erzählt.

Unerwünschte Wirkungen dokumentiert

Schon bevor die beiden Ärzte ihre Verordnungen aussprachen, die eher wie Anordnungen klangen, hatte ich mich über Librela informiert. Ich war immer an allem interessiert, was Panini helfen könnte. Alles, was ich allerdings dazu las, war dazu geeignet, mich zu verunsichern. Das Medikament verbleibt mindestens 4 Wochen im System. Was, wenn sie es nicht vertragen würde? Anders als bei anderen Wirkstoffen könnte ich die Behandlung nicht einfach abbrechen und das Medikament absetzen. Panini hatte Spondylosen und damit verbunden auch Nervenschmerzen. Das ist etwas ganz anderes als Arthrose und Librela schien dabei sogar eher kontraindiziert zu sein. Ich trat zwei Facebook-Gruppen zum Erfahrungsaustausch rund um eine Behandlung mit Librela bei und las mich ein. Insbesondere die internationale Gruppe hatte viele Informationen zusammengetragen, zum Beispiel Packungsbeilagen des Herstellers aus verschiedenen Ländern. Und siehe da, die kanadische Packungsbeilage listete erhebliche und besorgniserregende Nebenwirkungen auf, darunter Ataxie, Krampfanfälle, Lethargie und Tod. Bei einem sehr neuen Medikament.

Nun gibt es bestimmt einige Leserinnen und Leser mit Einwänden. Allein die Erwähnung von “Facebook-Gruppen” lässt viele abwinken. Hörensagen, Gerüchte, Verschwörungstheorien, Hysterie, nichts Ernstes also. Und wissen wir nicht alle, dass selbst die Packungsbeilagen von Paracetamol bei Lichte besehen Grusel auslösen? Und trotzdem nehmen es die meisten bedenkenlos ein. Mag sein. Mag auch sein, dass Librela vielen Hunden zu mehr Lebensqualität und einer verlängerten Lebenszeit verhilft, auch das kann man in den Facebook-Gruppen lesen. Und gibt es die schlimmen Nebenwirkungen wirklich? Es sind ja meist alte Hunde mit Vorerkrankungen, deren Zustand könnte sich auch unabhängig von Librela schnell verschlechtert haben. Je länger ich die genannten Gruppen verfolge, desto größer wird meine Beklemmung. Jeden Tag gibt es Berichte, die sich seltsam gleichen. Hunde brechen plötzlich zusammen, entwickeln Krampfanfälle, ein Vestibularsyndrom, massive Hinterhandschwäche, Inkontinenz, werden apathisch, fressen nicht mehr. Hält der Hund durch, bessern sich die Symptome wieder, mit etwas Glück ist der Hund nach 4-8 Wochen wieder der alte. Viele schaffen es nicht bis dahin, sie müssen erlöst werden. Der Schmerz der Besitzer ist maximal, in die Ungewissheit, was die Symptome so plötzlich ausgelöst hat, mischen sich schwere Schuldgefühle. Häufig waren die Tiere vor der Injektion keineswegs todkrank, aktuelle Blutbilder lagen vor und sie hatten einfach “nur” Arthrose.

Eine Werbebroschüre als Entscheidungsgrundlage

Panini hatte nicht einfach nur Arthrose, ich fand das Risiko unkalkulierbar. Ich hätte einer Librela-Behandlung niemals zugestimmt. Natürlich kann ich aus der Ferne nicht beurteilen, was die Symptome von anderen Hunden ausgelöst haben könnte, ich kann nicht einmal sagen, ob alle Geschichten der Wahrheit entsprechen. Aber ich kann sagen, dass sie sich gleichen und dass häufig genau die Symptome genannt werden, die der Hersteller selbst in der kanadischen Packungsbeilage auflistet. Und was sich auch gleicht: Das euphorische Anpreisen des Medikaments durch die Tierärzte als NEBENWIRKUNGSFREI. Manchmal hatte der Hund zuvor nicht ein einziges Mal eine herkömmliche Schmerztablette bekommen, bevor er mit einem Medikament behandelt wurde, was mindestens vier Wochen im Körper wirksam ist. Wenn ich so etwas lese, wird mir schummrig.

Es gibt einen sehr guten Artikel eines Australischen Tierarztes mit dem Titel “Librela (Beransa) – Wonder Drug Or Disaster In The Making?”, der sich kritisch mit der neuen “Wunderspritze” auseinandersetzt. (Eine der zahlreichen deutschen Übersetzungen findet sich hier.) Dort lässt sich einiges nachlesen, was ich nicht so gut vorbringen könnte, da mir die fachliche Expertise fehlt. Trotzdem wollte auch ich meine Erfahrungen mit dem “Aufschwätzen” eines Medikaments berichten. Ohne mein Bauchgefühl und intensive Internetrecherche wäre ich nie in der Lage gewesen, eine INFORMIERTE ENTSCHEIDUNG zu treffen, da eine Information seitens der Tierärzte nicht stattgefunden hatte. Ich konnte keine Risikoabwägung treffen, da mir von keinem Risiko berichtet wurde. Die einzige Information, die ich bekam, war die Werbebroschüre des Herstellers.

Ich hab die Broschüre aufgehoben.

Ein bestens untersuchtes Mittel. Oder etwa nicht?

Nochmal: Librela hilft vielen Hunden. Aber es gibt Hunde, die in engem zeitlichen Zusammenhang mit der Injektion auf den Tod erkranken. Die Zusammenhänge sind längst nicht ausreichend untersucht. Man weiß nicht, welchen Hunden es hilft und welche von fatalen Nebenwirkungen betroffen sein können. Und wie oben bereits gesagt: Auch der NGF ist Gegenstand der Forschung und vieles weiß man heute noch nicht. Das mindeste, was man sagen kann, ist, dass nicht alle Hunde auf das Medikament ansprechen. Manche reagieren erst nach der zweiten Dosis, manche gar nicht. Nicht selten wird Librela zusammen mit herkömmlichen Schmerzmitteln gegeben, um die Wirkung zu steigern bzw. eine nachlassende Wirkung aufzufangen. Bei Studien mit Menschen, die ebenfalls mit monoklonalen Antikörpern behandelt wurden und Schmerzmittel bekamen, führte das zu einer rasch fortschreitenden Arthrose, die Ursache der Schmerzen verschlechterte sich deutlich und schnell. Dies ist übrigens einer der Gründe, warum ein vergleichbares Medikament für Menschen bislang keine Zulassung erhielt. Bei Hunden gibt es keine Langzeitstudien zu diesem Thema – “Studien” werden einfach durch die Patienten im richtigen Leben durchgeführt. Apropos: An der Europäischen Studie waren 287 Hunde mit Arthrose beteiligt, wie üblich erhielt etwa die Hälfte ein Placebo. In einer vergleichbaren US-Studie bekamen 135 Hunde mit Arthrose Librela. Wir sprechen also über knapp 300 Hunde, an denen Librela getestet wurde. Der richtig große Test läuft jetzt. Ob man seinen Hund daran teilnehmen lassen will, muss jede und jeder selbst entscheiden. Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass die Studienteilnehmer bzw. ihre Besitzerinnen und Besitzer von denjenigen, denen sie in Fragen der Hundegesundheit am meisten vertrauen, zuvor keine angemessene Aufklärung erfahren.

Mehr Info:


Facebook-Gruppen:

Librela Experiences (ca. 32.500 Mitglieder)

Librela Reviews & Feedback (ca. 4.800 Mitglieder)

Librela ® Zoetis Erfahrungen (ca. 8.500 Mitglieder)

Update 14.2.2024:

Vetlessons on Librela® (Informationsgruppe eines britischen Tierarztes, keine Diskussion, dafür toll aufbereitete Infos)

Librela Class Action & Support Group (Zusammenschluss von Hundemenschen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, ca. 580 Mitglieder seit Nov. 2023)

Titelbild: © Mikhail Nilov – pexels.com

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7 Kommentare

  • Antworten Anja 4. Februar 2024 um 22:19

    Sehr interessant, und es bleibt schwierig.
    Meine Hündin altert vor sich hin, ich kann nicht alles verbieten, was Freude bringt, und egal, wie schlank sie ist, wie gut ich mit Kraft- und Koordinationsübungen dabei bin: Die Hinterhand wird wackliger. Auch die Halswirbelsäule ist nicht mehr wie neu. Schmerzmittel haben wir inzwischen immer zuhause. Ich hoffe, die “Librela-Phase” ist noch eine Weile entfernt. Danke für den Link!

  • Antworten Elli 5. Februar 2024 um 8:27

    Auch von mir Danke für den Link.
    Meine Hündin ist jetzt 8 und hat aus ihrer langen Straßenhundezeit Arthrose und diverse Gelenkprobleme mitgebracht. Ich halte es wie Anja. Wir können weder Alter, noch Krankheiten oder Schmerzen gänzlich verhindern.
    Ich selbst versuche auch damit klarzukommen, dass sich neuerdings bei mir eine schmerzhafte Arthrose bemerkbar macht. Also Änderung der Lebensumstände (Ernährung, Bewegung, Stress und Naturheilmittel). Schmerzmittel müssen manchmal sein.
    Interessant ist, dass Hope und ich uns “spiegeln”. Es ist paradox, aber seit ich selbst Arthrose habe, weiß ich, wie meine Kleine sich fühlt. Bei “Rheuma-Wetter” laufen wir beide ein wenig unrund. Dann machen wir es uns besonders gemütlich und werfen im schlimmsten Fall ein Schmerzmittel rein. Niemand muss leiden. Mehr kann man eigentlich nicht machen. Das ist halt das Leben. Auf “Wundermittel” verzichte ich.

  • Antworten Marion 5. Februar 2024 um 10:45

    Mich würden Alternativen zu Librela interssieren. Librela wird ja in der Regel erst dann gegeben, wenn Schmerzmittel, Nahrungsergänzungen und Co. nicht mehr helfen.

    • Antworten Heidi 5. Februar 2024 um 11:45

      Das ist ja eben leider nicht so. Manchmal wird eben gleich scharf geschossen, weil Librela als “natürlich und nebenwirkungsfrei” vermarktet wird. Meiner Erfahrung nach ist es total individuell, welches Mittel hilft. Nicht nur bei Futterergänzungen, sondern auch bei den klassischen Schmerzmittel-Wirkstoffen. Ich habe viele Hundebesitzer betroffen, die auf CBD-Öl schwören, Panini hätte ich darin baden können und es hätte nichts gebracht. Vielleicht mach ich mal eine Liste mit allem, was wir ausprobiert oder dauerhaft gegeben/genommen haben, die wäre lang … Besonderes Augenmerk würde ich nochmal auf PEA lenken, weil das wenig bekannt ist. Dabei handelt es sich um eine Substanz, die auch im menschlichen (und tierischen) Körper vorkommt. Hier werden großartige Erfolge vor allem bei Pferden genannt, weil es unter Pferdebesitzern viel weiterempfohlen wird. Ich habe es auch schon selbst mit Erfolg eingenommen. Panini hat es auch bekommen, aber erst in den letzten Wochen als sie schon sehr schwach war, deshalb kann ich nicht viel sagen.

  • Antworten Simone 5. Februar 2024 um 11:02

    Vielen Dank, Heidi! Ich brauchte bisher für meine Hündin keinerlei Schmerzmittel, aber ist gut, so informiert zu sein.

  • Antworten Heidi 7. Februar 2024 um 20:14

    Für alle, die sich noch weiter einlesen wollen, empfehle ich diese umfangreichen Nachforschungen einer Tierärztin (in engl. Sprache) https://drjosie.substack.com/p/librela
    Die Zusammenfassung in deutsch: “Monoklonale Antikörper sind eine wirksame zielgerichtete Methode. Die Tatsache, dass sie an und für sich eine Immunreaktion auslösen können, die eine Vielzahl von Nebenwirkungen hervorrufen kann, von denen einige vorhersehbar sind, die meisten aber nicht, bedeutet, dass sie verantwortungsbewusst und mit der vollen informierten Zustimmung des Patienten oder seines Vormunds eingesetzt werden müssen. Die Fälle, in denen sie eingesetzt werden, müssen sorgfältig ausgewählt werden, wobei Komorbiditäten, die Dauer der Verabreichung, andere praktikable Behandlungsmöglichkeiten und die Lebensqualität des Patienten zu berücksichtigen sind.
    Dieses spezielle Produkt sollte nicht bei Tieren eingesetzt werden, die derzeit Cytopoint einnehmen, die geimpft wurden (kürzlich oder jemals??) oder die NSAIDS (Schmerzmittel) einnehmen.
    Wir wissen nicht, ob es nach der dritten Injektion oder nach 9 Monaten nach der Injektion irgendwelche Nebenwirkungen oder Langzeitprobleme gibt. Es wurden keine Studien durchgeführt.
    Und es wird für wiederholte monatliche Injektionen vermarktet.
    Aufgrund der Tatsache, dass es an NGF bindet und diesen blockiert, unabhängig von der Lage des Organs oder des Gewebes, sollten ältere Tiere mit dem Risiko eines kognitiven Rückgangs, peripherer Neuropathien, Herzerkrankungen, Allergien, eines geschwächten Immunsystems und/oder Krebs besonders vorsichtig sein.
    Werde ich Librela empfehlen? Oder es meinem eigenen 85 Pfund schweren deutschen Schäferhund-Mix mit schwerer Hüftarthritis geben?
    Nein, nicht, wenn ich so viele andere Mittel zur Behandlung von Arthritis zur Verfügung habe, die meinen Patienten nicht schaden.”

  • Antworten Heidi 7. Februar 2024 um 20:36

    Und noch was: Wenn es sich schon lohnt, für ein Hundemedikament einen eigenen Jingle erstellen zu lassen und einen Werbespot zu produzieren, dann muss richtig viel Asche damit zu machen sein. https://www.youtube.com/watch?v=dYL3g0m7mfQ

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