Aua Draußen Drinnen

Ein Jahr mit Panini

2. Dezember 2015

Nein, das ganze Jahr kann ich nun wirklich nicht Revue passieren lassen. Ein anstrengendes Jahr war es. Sehr anstrengend sogar. Zwei Operationen, ein Spondylose-Schub, Bauchspeicheldrüsenprobleme, schlaflose Nächte. Aber es war auch ungeheuer großartig, denn es gibt nicht ein einziges ihrer größeren und kleineren Probleme, das sich nicht deutlich verbessert hätte, viele Sorgen sind verschwunden. Sie ist jung und robust, entwickelt sich großartig und ist so lieb und unkompliziert wie man sich einen Hund nur wünschen kann. Sie wärmt mein Herz jeden Tag, macht mich ruhig und fröhlich. Sie bringt mich zum Lachen und gibt mir das Gefühl, ein tolles und wertvolles Zuhause zu haben. Unsere ersten Wochen waren schwierig und intensiv und zum Jahrestag habe ich diese Zeit nochmal rekonstruiert. Ich kann damit jeden nur ermuntern, es mit einem “gebrauchten” Hund zu versuchen, auch dann, wenn er vielleicht Probleme mitbringt. Ich wusste, dass Panini eine Operation brauchen könnte (dass es nun gleich zwei werden würden, habe ich natürlich nicht geahnt), ich wusste, dass sie Parasiten haben könnte, Durchfall und andere Probleme. Ich habe sie trotzdem genommen, weil ich sie nicht mehr im Stich lassen konnte, nachdem ich sie einmal kennen gelernt hatte. Und ich würde behaupten, dass es nicht der “Oh, wie süüüß!”-Effekt war, der sich bei der Begegnung mit Hunden schon mal einstellen kann, sondern, dass Panini mir bei den Stunden, die wir miteinander verbracht haben (und es waren wirklich Stunden) Gelegenheit gegeben hat, ihr Wesen zu erkennen und in ihre kleine Hundeseele zu schauen. Und das, was ich da gesehen habe, wollte ich für immer in meiner Nähe haben.

4. Dezember 2014

In meiner Wohnung sitzt seit gestern ein fremder Hund. Er ist eigentlich ganz ruhig. Die meiste Zeit sieht er mich fragend an. Ich habe Angst, dass er wegläuft, wenn ich die Tür öffne. Er könnte die drei Stockwerke nach unten fegen und auf die Straße laufen. Ich habe keine Ahnung, wie ich je die Wohnung wieder verlassen soll, ohne dass der Hund mir durch die Tür durchschlüpft. Immer wenn ich zur Tür gehe, kommt der Hund mit. Und was mag passieren, wenn ich sie allein lasse? Aber ich muss doch wenigstens mal die Wäsche aus dem Keller holen! Der Hund sieht mich fragend an. Und ich schaue zurück. Auch fragend.

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6. Dezember 2014

Heute haben wir einen langen Spaziergang gemacht. Ich wollte ihr die Enten zeigen und die große Grünanlage, durch die wir laufen werden. Jetzt humpelt Panini. Sie hat Schmerzen im Knie. Ich habe so sehr gehofft, dass es vielleicht nur eine kleine Verstauchung war, die der Tierarzt in Wiesbaden bei ihr fand. Außerdem kratzt sie sich dauernd an den Ohren. Ob das Milben sind? Ich fahre schnell in die Tierhandlung und kaufe eine orthopädische Hundedecke. War totaler Mist, was ich zuvor für sie gekauft hatte, darauf rutscht sie. Was ich noch nicht weiß: Ich werde von nun an immer wieder etwas kaufen, was besser ist als das Vorherige. Je mehr ich den Hund kennenlerne, desto mehr will ich ihr Gutes tun. Ich laufe jetzt übrigens nicht mehr wie auf rohen Eiern durch die Wohnung. Ich klappere mit Topfdeckeln und hantiere mit Haushaltsgeräten. Mein Hund hält das aus. Ich verlasse jetzt auch die Wohnung. Zuerst stand ich nur kurz in Hausschuhen auf der Straße herum, um dann schnell wieder nach oben zu laufen. Jault sie? Nein! Inzwischen gehe ich einkaufen und nichts passiert. Ich bin stolz auf sie. Am Montag gehen wir zum Tierarzt. Ich habe kein gutes Gefühl.

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8. Dezember 2014

Der Tierarzt tippt auf Kreuzbandriss. Aber für eine genauerer Diagnose muss ein Test gemacht werden, das geht nur mit Sedierungsspritze. Das machen wir am Donnerstag. Ihre Hüfte schmerzt auch. Was, wenn sie eine Fehlbildung hat? Sie hat außerdem Ohrmilben und vermutlich Darmparasiten. Ihre Augen tränen oft stark. Zuhause setzt sich Panini schief hin. Sie sitzt jetzt nur noch schief.

17. Dezember 2014

Am 22. Dezember wird Panini operiert. Endlich mal ein wirklich sinnvolles Weihnachtsgeschenk. Wir gehen jetzt nur noch eine Viertelstunde Gassi. Seit heute will sie nicht mehr die Treppe runter laufen, es ist ihr trotz Schmerzmittel zu beschwerlich. Hoch getragen habe ich sie schon öfter, aber runter ist es wirklich unangenehm. Man sieht nicht, wo man hintritt und hat eine ganz andere Balance als sonst. Ich habe Angst, ich könnte stolpern und mit dem Hund stürzen. Um mich mache ich mir dabei weniger Sorgen. Ich habe sie ausgemessen und eine maßgeschneiderte Tragehilfe bestellt. Hoffentlich kommt die noch rechtzeitig vor der OP. Ich bin schwer erkältet. Immer wenn ich niese, sieht mich Panini verblüfft an. Aber meistens schaut sie mich an, als würde sie fragen: “Wer bist du? Wo kommst du plötzlich her?” Manchmal schaut sie mich 20 Minuten ohne Unterbrechung so an.

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22. Dezember 2014

Die Wohnung ist leer und kalt. Panini wird gerade operiert und ich kann nichts tun. Ich vermisse ihr tapsen auf dem Laminat, die Art, wie sie vorsichtig um die Ecke schaut und mich beobachtet. Ich habe zwei Teppiche gekauft, damit sie mit dem schlappen Bein weniger rutscht. Die Tragehilfe ist gekommen und wir kommen beide nicht gut damit zurecht. Ich muss es irgendwie so versuchen. Später werde ich sie vom Tierarzt abholen, es sind nur 5 Minuten zu Fuß. Der Tierarzt wird mir sagen, dass sie das schafft und ich kein Auto brauche. Aber sie wird nach wenigen einbeinig hüpfenden Schritten immer wieder benommen stehen bleiben. Ich trage sie 50 Meter, bis ich nicht mehr kann, dann hüpft sie drei Schritte, dann trage ich sie die nächsten 50 Meter. So werden wir uns nach Hause kämpfen. Als ich sie auf der Decke zurecht legen will, bin ich ungeschickt. Sie jault auf. Ich gehe ins andere Zimmer und heule. Sie soll es nicht merken.

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23. Dezember 2014

Ich habe ein Känguruh an der Leine. Panini hüpft vor sich hin. Sie soll nur zum Pieseln und Lösen raus. Aber sie braucht ewig, um sich zu entschließen. Sie ist sehr müde und bedröppelt. Ihren Plastiktrichter bekommt sie in Windeseile wieder ab. Ich habe schon alles versucht. Ich habe Angst, sie knibbelt sich die Naht auf und versuche, sie nicht aus den Augen zu lassen. Heute verlasse ich die Wohnung nicht ohne sie. Manchmal legt sie sich jetzt in den Flur. Dort zieht es. Ich decke sie mit einer Decke zu. Sie nimmt es hin.

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25. Dezember 2014

Heute blieb der Trichter zum ersten Mal nachts dran. Der Hund weckte mich trotzdem fünf Mal. Ich habe Fieber und bin erschöpft. Wir hören Schumann von Marta Argerich. Panini seufzt.

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26. Dezember 2014

Panini trifft die Familie. Sie ist noch ein einbeiniger Bandit, aber charmant und höflich mit allen. Sie legt sich auf ihre Decke und staunt. So viele Menschen. Am Abend sind wir beide kaputt. Das mit dem Trichter habe ich aufgegeben. Er bleibt einfach nicht dran und so quäle ich sie nicht länger. Sie schläft jetzt meistens auf der Couch. Das soll nicht so bleiben.

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31. Dezember 2014

Wenn sie langsam geht, humpelt Panini fast nicht mehr, sie nutzt alle vier Beine. Sie hat jetzt auch fast ganz damit aufgehört, ihre linke Hinterpfote zu lecken. Davon hatte sie schon eine aufgescheuerte Stelle an der Nase, die heilt jetzt wieder. An den Ohren kratzt sie sich aber immer noch. Wenn sie an ihre Naht am Bein gehen will, schaue ich sie scharf an. Das genügt fast immer. Sie weiß ja, dass sie nicht dran darf. Ihr borstiges Fell auf dem Rücken ist weicher geworden. Irgendwie sieht sie gepflegter aus. Seit der OP fällt mir das Tragen auf der Treppe sehr schwer. Ich habe die Technik geändert, damit ich das Bein nicht berühren oder drücken muss. Das hat aber zur Folge, dass die ganze Grifftechnik nicht mehr stimmt und sie ist schwer wie Blei. Mit Hals und Brustkorb liegt sie auf meinem Unterarm, das ist ihr nicht besonders angenehm und schmerzhaft für mich und es fühlt sich für mich nicht so sicher an. Besonders treppab ist das eklig. Ich bin froh, wenn ich ihr Bein wieder normal anfassen kann. Um 19:30 Uhr gehe ich mit ihr zum letzten Mal raus. Überall knallt es schon. Sie steckt es noch ganz gut weg. Ab jetzt darf ich schon etwas Alkohol trinken. Ich trinke nichts, wenn ich noch den Hund tragen muss. Hund tragen ist wie Auto fahren. Wie wird es sein, um 0 Uhr?

 

2. Januar 2015

Hurra, die Fäden sind gezogen! Jetzt kann an der Naht kaum noch Schlimmes passieren. Der Tierarzt ist sehr zufrieden mit dem Bein, es ist gut abgeschwollen. Doch mehr als 15-20 Minuten sollen wir immer noch nicht gehen. Panini hat in vier Wochen so viel bewältigt, zuletzt sogar Silvester. Erst schien sie es gelassen zu nehmen, aber als die Lichtblitze zur Knallerei dazu kamen, war es vorbei. Für fast eine Stunde hat sie sich im Bad verkrochen und war nicht zu überreden, rauszukommen. Doch dann schlich sie schließlich zu mir auf die Couch und schlief erschöpft ein. Jeden Tag macht sie Fortschritte. Sie macht „Sitz“, obwohl es für sie beschwerlich ist, wegen des Beins. Sie versteht „Nein“. Sie bettelt nicht. Sie kommt, wenn ich sie rufe. Langsam lässt sie sich vorsichtig die Pfoten anfassen, das ging anfangs nicht. Auch das empfindliche Ohr darf ich anfassen und Ohrentropfen sind kein Problem. Noch immer schläft sie meistens auf der Couch. Wir müssen da was tun.

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Und hier sehen wir Panini acht Monate später. Dauert ein bisschen bis sie auftaucht. 😉

Diese und viele weitere Panini-Geschichten gibt es jetzt auch im E-Book “Ein Hund namens Brötchen”

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8 Kommentare

  • Antworten Henrik 2. Dezember 2015 um 23:36

    Eine sehr, sehr schöne und anrührende Geschichte. Da haben sich zwei gefunden. Freut mich sehr für euch. Ich hab ähnliches durch und hätte mir auch vorher niemals vorstellen können, was so ein Hund mit einem macht. Ich wünsche euch ganz viele weitere, gemeinsame Jahre.

    • Antworten Heidi 3. Dezember 2015 um 0:46

      Danke Henrik! Das wünsche ich euch auch.

  • Antworten Blumenmond 3. Dezember 2015 um 6:42

    Och, und jetzt muss ich ein wenig weinen. So toll, sie so laufen zu sehen. Danke fürs Aufrollen der Geschichte. Was für ein schöner Hund und was für ein Glück – ich erwähnte es ja schon.

    • Antworten Heidi 3. Dezember 2015 um 11:30

      Dankeschön zurück! Ja, ein großes Glück. Und sie wird immer schöner. 🙂 Die Augen tränen nur noch ein bisschen. Ihr Fell ist jetzt, um genau die gleiche Jahreszeit, viel kürzer als damals, aber viel weicher, glänzender und dichter. Ihre Nase wurde fast vollständig rosa und bleibt bis jetzt so. Wir sind noch immer mit dem Muskelaufbau beschäftigt, sie hat sehr schwaches Bindegewebe. Aber sie ist heute so stabil, dass sie auch nach einem richtig anstrengenden Tag, auch nach 2 1/2 Stunden Spaziergang nicht mehr humpelt. Yeah.

  • Antworten Ella 3. Dezember 2015 um 21:27

    Ich lese so gerne über euch und freue mich mit. Ich wünsche mir ein Buch über das Leben mit dem kleinen Brot 🙂

    • Antworten Heidi 3. Dezember 2015 um 21:51

      Danke, das ist lieb! Und ach, … wer weiß … 🙂

  • Antworten Christiane 3. Dezember 2015 um 22:57

    ❤️❤️❤️ Sooooo schöööön… Schnüff…

  • Antworten Tom Fedler 4. Dezember 2015 um 6:18

    Danke für den Rückblick. Das war ja eine bewegende Zeit die ersten Wochen. Und so lange ist das schon her. Wie die Zeit vergeht. Wie ich schon “drüben” schrub, besser hätte es die Süße nicht treffen können 🙂

    Liebe Grüße an euch zweie vom Tommi

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