Draußen

Das Tier wird gefoltert.

23. März 2018

Die wichtigste App auf dem Smartphone eines Hundehalters ist nicht etwa Pansly. Poopbook. Oder AppGeleint. Die wichtigste App ist der Regenradar. Damit weiß man schon vor dem Spaziergang, wie nass man wird. Und ob der Hund hernach eine Unterbodenwäsche braucht. Wenn man ganz viel Glück hat, kann man mit Hilfe des Regenradars auch das Schlimmste verhindern. Gestern versuchte ich genau das. Ich starrte auf das dunkelblaue Feld auf dem Display, was sich ruckartig über Frankfurt und dann hinfort bewegte. Dunkelblau bedeutet Wolkenbruch. Ich wartete das Dunkelblau ab, bis es sich in ein zartes Hellblau verwandelt hatte. Nur noch ein paar Tröpfchen. Da würden wir locker drüber stehen.

Wir stachen in See, wie so oft in diesem Winter, und ich freute mich über meine Raffinesse. Nur noch ein unbedeutender Staubregen behelligte uns von oben. Über das „von unten“ breite ich lieber den Mantel des Schweigens. Mantel ist ein gutes Stichwort, denn das Tier trug natürlich einen. Nichts konnte ihm oder mir noch etwas anhaben. Kaum erreichten wir den Grünstreifen, entledigte sich Panini eines großen Pipivorrats. Ich war verblüfft, normalerweise nimmt die Suche von geeigneten sanitären Grün-Anlagen bei Panini viel Raum ein. Wenn es nach ihr ginge, würden auf der Wiese etliche Drehkreuze zum Erwerb von Sanifair-Gutscheinen stehen, damit endlich die Qualität der Pipiflächen gesichert wäre. Zum Glück konnte sie sich mit diesem Bedürfnis bislang nicht durchsetzen. Ich hoffe, das Grünflächenamt Frankfurt liest hier nicht mit, sonst kommen die noch auf Ideen.

Die Tier ist nun also in Teilen entflüssigt und wir können in Ruhe den Spaziergang fortsetzen. Finde ich. Panini ist anderer Meinung. In Ermangelung eines Absatzes dreht sie auf dem Ballen um und will sofort nach Hause zurück. Panini? Ich bin besorgt. Das tut sie sonst nur, wenn der Regenradar eine sehr dunkelblaue Fläche über der Stadt zeigt. Ich ziehe sie vorsichtig weiter. Das Tier braucht schließlich Bewegung. Widerwillig trottet es mit. Panini schnüffelt halbherzig an einem Grashalm und dreht dann kurzentschlossen wieder um. Was hat sie nur? Ich ziehe wieder und beobachte sie ganz genau. Hat sie Schmerzen? Lahmt sie? Was ist bloß los? Üblicherweise hat das Brötchen Freude am Spaziergang. Nun gut, es regnet ein bisschen. Aber das kann ihr doch nichts ausmachen! Ich versuche es mit markigen Sätzen. Von Männern lernen heißt siegen lernen. „Du bist doch nicht aus Zucker!“ sage ich. Panini schaut mich flehentlich aus tellergroßen, tiefbraunen Augen an und sieht dabei so süß aus, dass ich an der Sache mit dem Zucker zweifle. Aber es hilft ja nichts. Das Tier scheint keine Schmerzen zu haben, es läuft ganz normal, nur eben widerwillig. Und es soll sich bewegen, wenigstens eine kleine Runde. An jeder Weggabelung versucht Panini, den jeweils kürzesten Weg nach Hause einzuschlagen. Wir diskutieren ein wenig. Nachdem wir in bilateralen Gesprächen einen Kompromiss ausgehandelt haben, gibt sie Gas. Ich stolpere hinterher, komme kaum noch mit. Nein, Schmerzen hat sie wirklich nicht.

Als wir wieder in unsere Straße einbiegen und mich das Tier, das sich offensichtlich für einen Husky hält, förmlich hinter sich her schleift, kommt mir ein Gedanke. Sollte es wirklich daran liegen? Das wäre mal wieder unglaublich. Panini und ich kommen zuhause an, beide fast außer Atem. Sie drückt sich durch die Haustür und rast die drei Stockwerke hoch wie ein TV-Kommissar, der verhindern will, dass sich oben jemand in suizidaler Absicht aus dem Fenster stürzt. Ich schließe die Wohnungstür auf und das Tier hechtet im Endspurt in die Küche, wo es stehenbleibt und den Hals reckt. Ich hatte recht. Panini hatte die letzten 20 Minuten an nichts anderes denken können, als an den Lammknochen, der in der Küche auf einem Teller für sie bereit lag. Sie war vor dem Spaziergang in der Küche gewesen und hatte ihn sofort gerochen.

Dass Vorfreude die schönste Freude ist, hat sich in Hundekreisen noch immer nicht herumgesprochen. Zumindest findet Panini, dass ein Vorfreude-Zeitraum, der 30 Sekunden übersteigt, nur ein Fall für Amnesty sein kann. Schwer lastet der Foltervorwurf auf meinen Schultern, während ich den Hund nötige, zum Ausziehen des Mantels und Geschirrs weitere Minuten still zu halten. Dann endlich, nach einer unnötigen Verzögerung durch einen nutzlosen Spaziergang, darf das Tier endlich seinen geliebten Knochen haben.

Nach wenigen Minuten ist das Lammgerippe weggeknurpst und Panini sieht mich an. Und was machen wir jetzt? Wir könnten ja vielleicht rausgehen! Nein. Sage ich. Das geht nicht. Jetzt ist es draußen wieder dunkelblau.

Diese und viele weitere Panini-Geschichten gibt’s jetzt auch in meinem Buch “Hunde, die nach hinten gucken” – zum Verschenken und sich selbst beschenken…

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1 Kommentar

  • Antworten Marvin Bergmann 27. März 2018 um 18:40

    Sehr Heidi, sehr schöner Artikel! Ich kann es auch überhaupt nicht leiden, bei Regen Gassi zu gehen. Wenn ich eine längere Runde etwas fernab plane, frage ich auch stets meine Wetter App bevor ich das Haus verlasse 🙂
    Viele liebe Grüße
    Marvin

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