Drinnen

Wer wir sind

2. Juli 2023

Es ist Sonntag. Ich habe letzte Nacht nicht gut geschlafen und so lege ich mich etwas hin. Ich liebe diese Couch. Ich liebe diese gemütliche Decke und ich liebe diesen Hund, der jetzt zu mir kommt und sich vor die Couch in eines seiner Hundebetten legt. “Ein Haus wird doch erst ein Zuhause, wenn eine Wiege darin steht.” Das sang Reinhard Mey im Jahr 1978. Ich fürchte, ich muss ihm widersprechen. Ein Haus wird auch ein Zuhause, wenn ein Hundebett darin steht. Anders als Wiegen vermehren sich Hundebetten allerdings stetig, vermutlich durch Zellteilung. Innerhalb kürzester Zeit befindet sich in jedem Zimmer mindestens eine ausladende Liegefläche und das ab der Rudelstärke eins. Ich drehe mich auf dem Sofa zur Seite, schaue an die Wand und denke ein bisschen an die Raufaser hin. Als Panini bei mir einzog, überlegte ich, wer ich künftig sein würde. Ich wollte nämlich kein Frauchen sein. Aber wer war ich dann, wenn ich kein Frauchen war? So richtig weiß ich es immer noch nicht. Heute überlege ich, was wir eigentlich sind, Panini und ich. Denn ein Rudel sind wir nicht. Aber was dann? Eine Familie? Eine einzelne Person und ein Kind sind zweifelsohne eine Familie, auch wenn es Menschen gibt, die der Meinung sind, zu einer “richtigen” Familie gehören mindestens drei, und die sollten auch noch unbedingt verschiedene Geschlechter haben. Also, zwei davon zumindest. Das teile ich nicht. Aber eine einzelne Person und ein Hund? Nein, Panini und ich sind vermutlich keine Familie. Was dann? Bemüht man die einschlägige Hund-Mensch-Literatur, findet man am häufigsten das Wort “Sozialpartner”, Panini und ich leben also in einer “Sozialpartnerschaft”. Das klingt nach Gewerkschaft, Tarifvertrag und Lohnausgleich, aber nicht nach Hundebettenschwemme.

Seit Panini eine Seniorin ist, schläft sie sehr viel und tief, ich kann mehr in der Wohnung herumlaufen, räumen und Krach machen, ohne, dass sie mir hinterherläuft und aufgeregt miträumen will. Manchmal bekommt sie nicht mit, in welches Zimmer ich gegangen bin, weil sie schlecht hört. Dann sehe ich, wie sie mich nach dem Erwachen sucht. Keine Marmelade, kein Schaumkuss, nicht einmal Baklava ist so süß, wie mein Hund, der um die Ecken in die Zimmer schaut. Zögerlich, fragend. Jetzt liegt sie hier bei mir und alles ist so, wie es sein soll. Dass wir zusammen sind und aufeinander aufpassen, ist unser Urzustand. Sie wuffelt ein bisschen im Schlaf, der Hund der sonst niemals bellt, erlaubt sich in seinen Träumen etwas Rabbatz. Wie gern wüsste ich, welcher Kinofilm gerade in diesem kleinen Plüschkopf abläuft! Aber zurück zur Definitionsfrage: Sozialpartnerschaft, nein. Rudel, nein. Familie, nein. Und ja. Denn das Zuhause, der privateste Raum, ist geprägt von ihr. Ihre Betten, ihre Haare, die kein Staubsauger länger als zwei Stunden fernhalten kann. Ihre Medikamente in der Küche, ihre Pflegeprodukte im Schlafzimmer. Als Martin Rütter Harry Wijnvoord in der Sendung “VIP Hundeprofi” fragte, ob seine Westie Dame Luna auf den Fernsehsessel dürfe, sagte Harry so etwas wie: “Ja natürlich, die wohnt doch hier.” So ist es bei uns auch. Panini wohnt hier und darf überall sein. Sind wir eine WG? Nein, bestimmt nicht, Panini hat schließlich keinen Putzdienst und Herrenbesuch bringt sie auch nicht mit nach Hause.
Wenn wir also all das nicht sind, dann ist es wohl so, dass es kein Wort gibt für das, was wir sind. Vielleicht, weil es für die steuerliche Veranlagung keine Rolle spielt. Und das ist ja in unser aller Leben vermutlich das Wichtigste.

Bleibt also ein Verbund aus Mensch und Tier, familiäre Fürsorge, Freundschaft. Unauflöslich, in gegenseitiger Loyalität und Liebe. Das ist viel. Man hat Glück, wenn ein Hund vor dem eigenen Sofa schnarcht. Großes, namenloses Glück.

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6 Kommentare

  • Antworten Roithmeier Eva 3. Juli 2023 um 6:07

    das ist so grossartig! Mir aus der Seele gesprochen, Ich kann es nur nicht so toll ausdrücken.

  • Antworten Elli 3. Juli 2023 um 7:32

    Wie schön, Heidi. Danke für den Beitrag.
    Wir wünschen euch noch viele glückliche Jahre.
    Elli – mit Hope und 5(!) Hundebetten in 4 Zimmern.

  • Antworten Renate Reinbold 3. Juli 2023 um 8:08

    Voll und ganz meine Meinung. Amen

  • Antworten Lena 7. Juli 2023 um 11:11

    Toll, wie du es schaffst, Gefühle so schön zu beschreiben. Danke dir dafür 🙂

  • Antworten Sonja 12. September 2023 um 22:54

    Genau das und so! 🥰

  • Antworten Anke 17. März 2024 um 22:26

    Liebe Heidi,

    Was für ein wundervoller, aus tiefstem Herzen kommender Text, der mich gerade an meine beiden Fellnasen erinnert hat, die ich beide im Laufe der letzten 3 Jahre gehen lassen musste. Auch du hast Panini inzwischen gehen lassen müssen, wie ich gelesen habe. Mein herzliches Beileid ❤️ Ein großer Verlust!

    Liebe Grüße, Anke

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