Drinnen

Krimi mit Hund.

27. Dezember 2018
Krimi mit Hund

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Wenn man Glück hat. Vielerorts mangelt es allerdings an Liebe und die Festlichkeit der Weihnachtszeit hält sich auch in Grenzen. Panini und ich hatten jedoch keinen Grund zu klagen, müde und satt kehrten wir am zweiten Weihnachtstag nach Hause zurück. Eine mehrstündige Autofahrt gab der Müdigkeit von uns beiden einen Grund. Zwar hatte das Tier nicht am Steuer sitzen müssen, aber lange hinausschauen und nicht wissen, wo man ist und wo es hingeht, ermattet auch – wie nahezu jeder Hund bestätigen kann.

Ich fiel also ins Bett, las noch einige Zeilen und löschte dann das Licht. Das Tier gesellte sich zu mir, drückte seinen Kopf erst kurz an mich und dann in sein eigenes Kissen an der Wand. Ich hatte an sieben bis acht Stunden unterbrechungsfreie Schlafzeit gedacht, doch mein Plan wurde vereitelt. Ein garstiges Rumpeln und Poltern riss mich hoch. Es schien sich direkt über meinem Kopf abzuspielen. Ich hatte große Mühe zu verstehen, was wo und warum geschehen war. Vielleicht hatte der Nachbar in der Wohnung über mir in der Dunkelheit etwas umgestoßen, das mit Gepolter umgefallen war? Panini war ebenfalls hochgeschreckt und spürbar beunruhigt. Ich streichelte das Tier und wollte es dazu bewegen, sich wieder hinzulegen und weiterzuschlafen.

Doch daraus wurde nichts. Es polterte abermals, dieses Mal direkt an der Wand zu meinem Schlafzimmer. Dazu knirschte es hölzern. Die Geräusche kamen offensichtlich nicht aus unserem Haus, sondern von nebenan. Ein Treppenhaus grenzt an die Wand, hinter der sich mein Schlafzimmer befindet. Die alte Holztreppe des Nachbarhauses knirscht häufiger und ich höre deutlich, wenn jemand spät und geräuschvoll nach Hause kommt. Das Gerumpel jetzt war aber viel lauter. Panini war aufgesprungen. Das Kissen an der Wand war immer ein Ort der Geborgenheit und Sicherheit, damit schien es nun vorbei zu sein. Hinter der Mauer erhob sich ein aggressives Geschrei. „Du Bastard!“ brüllte eine Männerstimme. „Jetzt sieh Dir an, was Du angerichtet hast! Du Drecksau!“ Bislang hatte ich angenommen, in einer halbwegs kultivierten Gegend zu wohnen, in der die Menschen das Fest der Liebe zu schätzen und mit dem eigenen Vorrat an freundlichen Emotionen anzufüllen wussten. Das hier klang nicht so. „Du Sau!“ Bis der Mann zu brüllen begonnen hatte, fühlte ich mich immer noch zu etwa 15% schlafend. Zumindest hatten mir 15% wachen Sinnes gefehlt, um die Situation überhaupt orten, verstehen und einschätzen zu können. Jetzt aber spürte ich mein Herz schneller schlagen und Adrenalin in mir aufsteigen. Dies hier war die Art Aggression, die großes Unbehagen verursacht, Wand dazwischen oder nicht. Den Hund zu beruhigen war endgültig nicht mehr möglich. Er spürte meinen Herzschlag und konnte sicher mein Unwohlsein riechen.

An der Wand knirschte und rumpelte es wieder, was den Hund dazu bewog, umständlich über mich hinweg zu steigen. Vermutlich wollte er mich als Puffer zwischen sich und dem schreienden Monster jenseits der Wand bringen. „Sieh dir das an!“ schrie der Mann wieder. „Was du hier angerichtet hast, du elender Bastard, du Drecksau!“ Panini reichte es. Sie kroch an mich hin und presste ihren ganzen Brötchenkörper fest an mich. Mit dem Kopf schlüpfte sie unter die Decke und legte ihn auf meinem Bauch ab. Vielleicht konnte man sich so vor den Entführern verstecken, die sicher gleich durch die Wand brechen würden, um sie zu holen. „Du Bastard, was hat du angerichtet!“. Der Hund zitterte. Und auch mein Herzschlag ging noch immer schneller. Dennoch begann mich die Handlung des nächtlichen Hörspiels allmählich zu interessieren. Was hatte er denn nun angerichtet, der Bastard? Und was ist das überhaupt für ein Mensch, dem in höchster Erregung nur schlechte Filmsätze einfallen? Wer ruft „Bastard“, anstatt sich für das gute alte und bewährte „Arschloch“ zu entscheiden? Und warum erwiderte der so Angesprochene denn nichts akustisch Ebenbürtiges, damit man als nebenan im Bett Liegende auch eine Chance hatte, den Tathergang zu verstehen? Ich hatte bereits mehrfach etwas wie „Ich hol die Bullen“ verstanden, was ich einigermaßen beunruhigend fand. Wegen fallengelassenen Hausrats würde man zumindest nicht mitten in der Nacht die Polizei holen wollen. Vielleicht hatte der gute Bastard ja aber auch nur „Ich muss pullern“ gesagt, so ganz gewiss war das nicht.

Das Tier presste sich weiter an mich und ich hob ab und zu kurz die Decke, um sicher zu gehen, dass es noch atmete. Es war vollkommen eingegraben. Ein Blick auf die Uhr ergab, dass es 00:47 Uhr war. „Und jetzt, du Drecksau?“ brüllte es nebenan. „Was ist jetzt?“ Das hielt ich für eine wirklich berechtigte Frage. Musste ich vielleicht die Polizei rufen? Vielleicht hatte Bastard soeben seine Ex-Gattin im Zwist die Treppe hinunter gestoßen und ihr Blut überspülte längst die Stufen wie die Ebenen eines Schokoladenbrunnens. Akustisch würde alles passen. Und das wäre ja in der Tat ein gebührender Anlass, um ungehalten zu reagieren.

Aber erstens konnte ich nicht aufstehen und zum Telefon gehen, ich lag ja unter meinem verängstigten Hund. Zumindest mehrere meiner Körperteile taten das. Zum anderen bin ich zurückhaltend mit dem Benachrichtigen staatlicher Institutionen, seit ich einmal die Feuerwehr wegen nicht näher lokalisiertem Schwelbrandgeruch und Rauchentwicklung in der Nachbarschaft gerufen hatte. In der Folge standen nicht nur die Feuerwehr, sondern auch drei Mann der Polizei in MEINEM Schlafzimmer, wo sie MEINE Personalien aufnahmen und MICH fragten, ob ich einen Gasherd hätte und/oder rauchte. Vor meinem geistigen Auge sah ich wieder einige übernächtigte schlecht gelaunte Polizisten in meinem Schlafzimmer, die mich fragten, warum ich nachts rumpelte und wer dieser Bastard Drecksau sei. Das galt es zu vermeiden.

Nach einigen weiteren Minuten, in denen nicht erhellender Text gebrüllt wurde und Bastard oder eine weitere Person über Bullen oder das Pullern sinnierte, hörten das Brüllen und Knirschen auf. Ich nahm zwei Baldrian-Tabletten, die immer an meinem Bett liegen und lauschte weiter in die Nacht. Jetzt vor allem, um Paninis Atem zu kontrollieren. Eine Weile blieb es noch unruhig, doch nach etwa einer Stunde knirschten zwei Personen die Treppe nebenan hinunter und verließen das Haus. Ob sie eine in einen Teppich eingerollte Frau bei sich trugen, kann ich nicht sagen, Herr Kommissar. Mein Hund und ich, wir waren ja müde und wollten endlich schlafen. Auch das Fest der Liebe muss schließlich mal ein Ende haben.

 

Foto ©ferrantraite – istockphoto.de

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1 Kommentar

  • Antworten Sabine 1. Januar 2019 um 23:46

    Klasse. Panini begibt sich ins Suspense-Metier. Ich vermute, dass die Frau nicht in einem Teppich eingerollt weggebracht wurde, sondern zerstückelt in einem Reisekoffer. Das “Fenster zum Hof” lässt grüßen 🙂

    Euch beiden ein gutes 2019!

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