Drinnen

Brief an meinen fressenden Hund.

20. September 2017
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Es wäre sicher poetischer, würde ich „an meinen schlafenden Hund“ schreiben, wie es Reinhard Mey mal getan hat. Aber wenn ich an Panini denke, dann mampft sie. Es gibt nichts, was sie so sehr liebt wie fressen.

Liebe Panini,

wie du weißt, verpasse ich nie, wenn du deinen Napf leerst. Ich will wissen, ob es dir schmeckt. Das tut es zwar immer, aber wer weiß! Sollte etwas im Napf sein, was du nicht magst, will ich es sofort wissen. Dein Leben soll eine Ansammlung von Lieblingsessen sein. Von Dingen, die stinken und saftig sind. Du sollst auch die weichsten Decken haben und das bequemste Körbchen. Ich habe dich schließlich zu mir geholt und das verpflichtet.

Ich wollte einen Hund, mit dem ich laufen gehen kann. Einen richtigen Laufbuddy. Wir versuchen das auch immer mal, aber dann macht dir dein Bewegungsapparat wieder einen Strich durch die Rechnung. Ich weiß nicht, ob du mich jemals regelmäßig beim Laufen wirst begleiten können. Es ist so seltsam – Millionen heimatloser Hunde wären glücklich über Laufeinheiten und ich nehme ausgerechnet dich, einen Hund, der nicht laufen kann. Warum haben wir beide uns nur getroffen?

Es war mir nicht wichtig, einen besonders nähebedürftigen oder verschmusten Hund zu haben. Aber genau das bist du. Und jetzt? Jetzt bin ich plötzlich nähebedürftig, es ist deine Nähe, die mir fehlt, wenn ich ohne dich unterwegs sein muss. Ich habe nach einem Laufpartner gesucht. Bekommen habe ich ein Herzenswesen, das mich in jeder Stunde begleitet, mir beisteht, obwohl es selbst so viel Unterstützung braucht. Was war ich nur ohne dich?

Jeder bekommt den Hund, den er braucht – ich habe das immer für eine Überhöhung gehalten, für eines dieser vielen Dinge, die man in die Mensch-Hund-Beziehung hinein interpretiert. Aber was wäre, wenn es stimmt? Habe ich dich gebraucht? Ein Tier, dessen Bewegungsapparat mich an den Rand meiner finanziellen Möglichkeiten bringt und darüber hinaus? Das mich nachts weckt, weil es bekuschelt werden will? Dessen knapp 18 Kilo ich jeden Tag vier Mal in den dritten Stock trage? Braucht man das? Warum bist du nicht zu einer netten Familie mit Häuschen im Grünen gekommen? Mit einem dieser starken Männer, die du so toll findest? Warum ich? Bin ich das Frauchen, was du brauchst?

Wir haben uns kennengelernt, bevor du eingezogen bist, ausgiebig. Wir waren sogar zusammen beim Tierarzt, zweimal. Wir wussten beide nicht, wie Tierarzt geht. Heute sind wir abgebrühte Tierarzt-Profis. Ich hätte dich zurücklassen können, als ich erfahren habe, dass du ein Problem mit dem Knie hast. Was wäre gewesen, wenn ich es getan hätte? Vielleicht hätten sie dich operieren lassen und dann wärst du zu einer Familie gekommen. Wahrscheinlich hätte es aber auch erst niemand bemerkt und dann wäre die Familie genervt gewesen von ihrem kaputten Hund und hätte dich zurück gegeben. So etwas kommt öfter vor, sagen die Leute vom Tierschutzverein.

Die Wahrheit ist, dass ich dich nicht hätte dort lassen können. In der Pflegestelle mit den vielen Hunden, in der niemand Zeit für dich hatte. Ich war viel zu verliebt, schon nach dem ersten Besuch. Du hast so getan, als würden wir uns schon immer kennen, als hättest du auf mich gewartet. Als ich ging, wolltest du mitkommen. Ich werde keine Antwort mehr darauf finden, wer wen ausgesucht hat. Und warum ausgerechnet wir beide zusammen gefunden haben, die Läuferin und der Hund, der nicht laufen kann. Wenn du dich an mich drückst, stimmt einfach alles, du bist der wunderbarste Hund, den man sich nur vorstellen kann. Du bist mein Hund und ich hab dich ungeheuer lieb. Ich dachte nicht, dass man einen Hund so lieb haben kann.

Aber nein, es gibt trotzdem keinen Nachschlag.

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5 Kommentare

  • Antworten Brigitte 20. September 2017 at 11:01

    … wie immer aus dem Herzen geschrieben! Vielen Dank für diese schönen Worte und genauso ist es und nicht anders! Mein Herzens- und Seelenhund hat mich (damals noch wir) auch ausgesucht und sie war das Beste, was mir passieren konnte. Nachdem mein Mann verstorben war (knapp ein halbes Jahr, nachdem sie zu uns kam) war ich sicherlich nicht ds passende Frauchen, ich kam ja kaum mit mir selbst zurecht! Aber sie war immer an meiner Seite, ohne Wenn und Aber, hat mich gefordert und gefördert, hat mich vieles lernen lassen und hat mir Liebe gegeben. Einfach so! Und ich habe ihr all meine Liebe gegeben, derer ich fähig war, damals und später. Alles Gute weiterhin für Sie und Panini …. und wenn das süße Viech treuherzig guckt, lassen Sie sich erweichen und geben Sie ein wenig Nachschlag! 😉

  • Antworten christiane 20. September 2017 at 12:07

    Liebe Heidi,
    du spricht mir aus der Seele,deine Worte berühren mich ganz doll.Und ich bin froh meine Jamie bei mir zu haben.
    Es war auch Liebe auf den ersten Blick und ich lächele jeden Tag und freu mich sie immer zu sehen.Ich glaube manchmal das sie denkt …jetzt kommt sie schon wieder und will schmusen.Ich freu mich nur jeden Tag das sie bei mir ist.
    Ich bin unendlich glücklich darüber.
    Liebe Grüße
    Christiane & Jamie

  • Antworten Stefanie 20. September 2017 at 13:16

    Der Text berührt zu tiefst. Vielen Dank für deine unglaublich schönen und gut geschriebenen Texte.

  • Antworten Andrea 20. September 2017 at 22:35

    Mit einem Krabbelkind ist es auch ein bisschen problematisch, das Laufen, also könntest Du vielleicht auch so einen Laufbuggy anschaffen und Panini einfach reinsetzen.
    Alles Gute!
    Andrea

  • Antworten Claudia Signitzer 24. September 2017 at 14:33

    eine schönere Liebeserklärung für Panini gibt es nicht und den Grund, warum gerade ihr beide zusammengekommen seid, den wirst du erst viel viel später verstehen, weil es wirklich stimmt, dass jeder den Hund bekommt, den er braucht. Genießt eure Zeit miteinander.
    Ich bin selber Hundehalterin seit über 50 Jahren und jedes Hundetier, das ich hatte, war etwas besonderes für micht und hat mich vieles gelehrt. Jetzt aber habe ich eine Seelenhündin, Retrieverin, die mir gerade sehr abgeht, weil ich 200 km entfernt von ihr auf Kur bin.
    Macht es weitr gut ihr beiden, ihr habt einfach zusammengehört.