Draußen

Weil Corona ist.

24. Januar 2021
Corona mit Hund

„Komm, ich geb dir noch einen Käsewürfel“, sagt die 83-jährige Nachbarin zu Panini. „Weil Corona ist.“ Sie sagt das, als sei Corona so etwas ähnliches wie Weihnachten, eine Art Feiertag, an dem man sich ruhig ein paar Extras gönnen kann. Ich kriege leider keine Extras – obwohl Corona ist. Sogar meine FFP2-Masken muss ich mir selbst kaufen, schließlich bin in einem Alter, in dem es nichts Besonders zu erwarten gibt. Ich bin zu alt, um mit „die armen Jungen“ gemeint zu sein, zu jung, um als „vulnerabel“ zu gelten. Ich bin also offenbar Teil einer unverwundbaren Zielgruppe, was ja auch mal gut zu wissen ist.

In meinem Wohnviertel muss man Masken tragen, wo man geht und steht. Brillenträger wie ich tasten sich täglich an Häuserwänden entlang und würden ihre eigene Mutter auf der Straße nicht erkennen, wäre die eigene Mutter nicht ohnehin vulnerabel und deshalb zuhause an den Fernsehsessel gefesselt. Frankfurt versinkt im Nebel beschlagener Brillen. Anhand der mitgeführten Hunde gelingt es dennoch gelegentlich, eine Gassibekanntschaft zu identifizieren und dann führen wir ein vliesgedämpftes, virentrockenes Gespräch im Flauschsound. Viele der entgegenkommenden Herrchen und Frauchen kann ich aber auch gar nicht erkennen, denn sie tragen diese heroischen Titel noch nicht lange. Sie hängen an ihren Leinen wie Kinder hinter der Drachenschnur, beseelt und stolz auf das Wesen, das vor ihnen über seine eigenen Pfoten stolpert. Hundewelpen sind wie Sahnebaiser auf dem Frischkornbrei des Alltags. Warum die neuen Mitbürger ausgerechnet Möpse, Französische Bulldoggen mit Merle-Färbung, Weimaraner oder Border Collies sein müssen, bleibt das Geheimnis ihrer strahlenden Besitzer. In meinem Viertel gibt es weder Rebhühner aufzustöbern noch Schafe zu hüten, aber vielleicht kommt das ja noch. Tierärzte gibt es schon mal einige, möglicherweise ist das ja auch das, was die Plattnasenfreunde zu ihrer Anschaffung motiviert. Immerhin treffe ich auch einige schwarze, mittelgroße, fröhliche Irgendwase, was mich dann wieder beruhigt.

Es ist gut, in diesen Tagen beruhigt zu sein, um der allgemeinen Gereiztheit entgegen zu wirken. Alle sind jetzt bluthochdruckgefährdet, Gereiztheit ist das neue „Must have“ unter den Gemütszuständen. Selbst bei den Hunden empfiehlt es sich, die Halsbänder etwas weiter zu stellen, weil viele von ihnen einen dicken Hals schieben. Kürzlich war ich mit dem Brötchen in einer Parkanlage spazieren, als ich bemerkte, wie eine Frau im unverwundbaren Alter von einem Terrier spazieren geführt wurde. Ganz offenbar war er auf der Suche nach irgendetwas, was man hassen kann – Mensch, Hund, Taube, Kaninchen – egal. Die kleinen Giftzähnchen fletschend steuerte er auf zwei freilaufende Hunde zu, Frauchen im Schlepptau einer Flexileine. Die beiden Hunde suchten das Weite vor dem Terrier, der versuchte, seinem Fletschen durch wütendes Geifern mehr Nachdruck zu verleihen. Mehrfach machte er Anstalten, nach den Hunden zu schnappen. Frauchen zeigte ein Gesicht, als wäre sie gerade bei einer delphingestützten Traumatherapie. In ihrer Mimik spiegelte sich eine Mischung aus Konzentration, Faszination und Gelöstheit, die ganz offensichtlich der völligen Verkennung der Lage geschuldet war.

Ich musste mich abwenden, da mein Hund nun auch zur Gelöstheit entschlossen war, allerdings eher untenrum. Allen Nichtbrillenträgern sei gesagt, dass beim Aufsammeln des Outputs mit Brille und Maske die Sichtweite aufgrund des Atemnebels weniger als 7 Zentimeter beträgt, weshalb es sich anbietet, entweder Brille oder Maske zuvor vom Gesicht zu entfernen. Ich hatte meine Brille also elegant ins Haar geschoben, allerdings wohl nicht genug nicht auf die Haltbarkeit der Querverbindung aus Brillenbügel und Haar geachtet. Glücklicherweise gelang es mir, Paninis Ex-Futter mit einer Tüte zu bedecken, bevor die Brille aus meinem Haar ins nasse Gras fiel. Ich stieß einige gereizte (s.o.) Flüche aus und versuchte, die Brille notdürftig von Nässe und Dreckspritzern zu reinigen.

Als ich kurz aufschaute, sah ich mit einiger Verblüffung ein mir bekanntes Doppel auf uns zusteuern. Voraus der fletschende, grollende Terrier, dahinter, am gespannten Abschleppseil, die milde lächelnde Frau. Ich sah sie direkt an – wie man eben jemanden ansieht, wenn einem die Brille gerade beinahe in einen Hundehaufen gefallen ist und man nun versucht, sie zu reinigen, während man einen vollen Kotbeutel, Handschuhe und eine Hundeleine in den Händen hält. Ich dachte, der Blick würde wohl genügen. Doch die beiden liefen, fletschten und grollten weiter auf uns zu. „Gehen Sie bitte weg!“ brüllte ich schließlich. Etwas hübscheres fiel mir nicht ein. Manchmal sind Worte unzulänglich, wenn es darum geht, die aktuellen Gefühle schnell und passend auszudrücken. Eigentlich hätte ich „AAAAAaaaaaaaargh!“ rufen wollen, aber das hätte die Frau sicher nicht verstanden. So aber drehte sie ab, scheinbar innerlich schulterzuckend, aber immer noch milde lächelnd.

Wenn ihr nun wähnt, dass die Geschichte beendet ist, geht es euch wie mir. Wir drehten noch eine kleine Schleife und machten uns dann auf den Heimweg. Alles hätte gut sein können, hätte ich nicht an einer Weggabelung Groll- und Fletschgeräusche wahrgenommen, die mir irgendwie bekannt vorkamen. Nun ja, dachte ich, wir haben uns ja bereits ausgesprochen, die Frau mit dem verwunschenen Schlittenhund und ich. Was soll schon passieren? Doch dann bemerkte ich einigermaßen fassungslos im Augenwinkel, dass die beiden das Tempo erheblich beschleunigten, offenbar, um uns nicht zu verpassen. „Schnell weg“, sagte ich zu Panini, und wir legten einen Zahn zu. Wie aussichtslos unsere Lage war, erkannte ich erst, als die Terrierlady mit einem Klick den Spielraum der Leine vergrößerte und ein Gebiss auf Beinen auf uns zustürmte. „Können sich die beiden mal kennenlernen?“ rief das Frauchen nun munter in das Gegeifer hinein. Ich möchte meine Antwort hier nicht originalgetreu wiedergeben, da sie einen finsteren Schatten auf mein Image als stets höfliche und freundliche Hundehalterin werfen könnte. Meine Stimme hat sich überschlagen, soviel kann ich sagen. Und das milde Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Frauchens.

Zuhause angekommen nahm ich eine Baldriantablette, kochte mir einen Milchkaffee und aß eine sehr weiche, sehr große und sehr zutatenmächtige Zimtschnecke. Weil Corona ist.

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23 Kommentare

  • Antworten Alexandra 24. Januar 2021 um 21:35

    So schön wieder was von Euch zu hören.
    ❤️

  • Antworten Lena 24. Januar 2021 um 21:59

    …Finde ich auch! Danke, dass du dafür Zeit genommen hast und hoffentlich hast du bei deiner Wortwahl gegenüber der begriffsstutzigen Hindedame nicht gespart 😉

    LG

  • Antworten Lena 24. Januar 2021 um 22:01

    Sorry, ich meinte “Hundedame” 🙁

  • Antworten Marion 24. Januar 2021 um 22:25

    Köstlich! Danke, ich sitze hier und lächle immer noch vor mich hin, nachdem ich lauthals und herzhaft gelacht habe. Einfach klasse, wie humorvoll du schreibst.

    • Antworten Jenny 25. Januar 2021 um 10:43

      Dem kann ich mich nur anschließen.

  • Antworten Angelika Biebusch 25. Januar 2021 um 9:05

    Sehr schön dargestellt, was man als HundehalterIn alles so erleben darf, wenn man einfach nur in Ruhe mit dem Hund gemeinsam eine Runde an der frischen Luft drehen möchte. Diese Szenen kennen Bruno und ich zur Genüge. Letzte Woche war es wieder soweit, aber dieses Mal handelte es sich um ein ca. 70 Kg schweres, überdimensionales, knurrendes Fellknäuel (auch an einer Flexleine…..). Die Halterin befreite das Tier von der Schnur, als sie mich mit meinem Hund auf der Wiese sah. Nicht nur, dass ich sehr, sehr, sehr schlimme Worte rief, sondern zudem einen Tanz aufführte, als wäre ich gerade dabei, einen Außenworkout durchzuführen.
    Nichts unterlasse ich und sei es noch so beschämend, als meinen Hund von deutlich nicht freundlichen, anderen Hunden fernzuhalten!!!
    Immerhin brauche ich nur eine Lesebrille….

  • Antworten Elli 25. Januar 2021 um 10:07

    Weil Corona ist legen sich jetzt (leider) immer mehr Menschen einen Hund zu.
    “Hunde sind das neue Toilettenpapier” schrieb die Welt am Sonntag kürzlich in einer Glosse. Welche Auswirkungen das langfristig hat, werden wir dann nach der Pandemie sehen, wenn die Tierheime und Rastplätze voll sind, mit ausgesetzten Hunden – weil kein Corona mehr ist.
    LG

  • Antworten Anja Meiser 25. Januar 2021 um 11:34

    Vielen Dank für diesen humorvollen Text über so ein saublödes Erlebnis.

  • Antworten Irene 25. Januar 2021 um 13:43

    Endlich, endlich wieder etwas von Brötchen & Co zu lesen. Danke !

  • Antworten A. Barth 25. Januar 2021 um 17:03

    Oh, wie schön, dass Ihr wieder da seid! Liebe Grüsse und bleibt gesund und grimmig! : )

  • Antworten Eva 25. Januar 2021 um 19:47

    So schön, euch beide wieder zu lesen!

    Seit mein Gassihund riesengroß und schwarz mit gelben Bernsteinaugen ist (super lieber Labbimix, aber maaaan haben die Leute Respekt!) passiert sowas witzigerweise überhaupt nicht mehr.

    Zumindest die Sache mit den anderen Hunden.

    Die beschlagene Brille ist davon leider unberührt…ich fürchte, da kommt kein Hund gegen an. Nur der Sommer vielleicht 🙂

    • Antworten Jenny 26. Januar 2021 um 16:46

      Auf Empfehlung einer anderen Brillenträgerin habe ich mir beim Optiker ein Antibeschlagtuch besorgt. Sie nutzt das schon lange und schwört drauf. Ich habe es noch nicht lange, bin bis jetzt aber sehr angetan.

  • Antworten Sonja 25. Januar 2021 um 23:08

    Toll, dass Sie wieder hier sind. Ich habe so gelacht, dass mir meine bio- und ökologisch korrekte Wimperntusche ins und ums Auge gelaufen ist. Aua! 🙂

  • Antworten Angelika Hoyer 26. Januar 2021 um 12:17

    Endlich wieder mal – und dann noch so ein nettes – Lebenszeichen von Euch. Lese ich heute beim wöchentlichen (momentan illegalen) Hundetreff gleich den anderen vor.

  • Antworten Dörte Manthe 28. Januar 2021 um 16:59

    Wie schön wieder von euch zu hören. Schmunzeln und dankbar sein für Deine Art zu schreiben. Bitte nicht aufhören. Ihr beide, Brötchen und Du, ein Traumpaar.

  • Antworten Markus 5. Februar 2021 um 0:05

    Toller Beitrag tolle Seite!
    Vor allem in Zeiten von Corona braucht man eine gute Lektüre :-D. Ich kann mich meinen Vorredner nur anschliessen!

    Liebe Grüsse
    Markus

  • Antworten stefan 5. Februar 2021 um 12:35

    Nun ja… die eingangs von Dir beschriebene Gereiztheit als das neue „Must have“ unter den Gemütszuständen, scheint auch von Dir Besitz ergriffen zu haben 😉

    Das eine Frau, die frisch zum Hunde gekommen ist, noch viel zu lernen hat, wird sie im Laufe der Zeit bemerken. Das Dein herzliches “Gehen Sie weg” beim ersten Treffen nicht Deiner misslichen Situation, sondern ihrem geifernden Hund galt, hat sie möglicherweise gar nicht bemerkt, sondern wollte Dir eine zweite Chance für den ersten Eindruck geben.
    Das muss natürlich nicht ihre Intention gewesen sein, aber möglich wäre es schon. Allerdings hätte das dann vermutlich keine runde Geschichte ergeben…

    Also bitte: Weiter positiv bleiben (außer beim Corona Test!)

    • Antworten Heidi 5. Februar 2021 um 13:21

      Hallo Stefan,
      dazu will ich ein paar Anmerkungen machen. Das “Gehen Sie weg” bezog sich auf die Kombination aus geiferndem Hund und meiner misslichen Situation. Um beides nicht zu bemerken, muss man schon außerordentlich unsensibel sein. Es stimmt, als Neuhundehalter hat man viel zu lernen, ich habe auch anfangs doofe Sachen gemacht, die ich heute nicht mehr machen würde. Allerdings: Es ist absolut nicht gesagt, dass diese Dame eine Neuhundehalterin war und zudem ist bei einem aggressiven Hund der Spaß grundsätzlich vorbei. Wer einen Hund an der Leine hat, der andere ernsthaft angehen will und das nicht nur übersieht, sondern im Gegenteil diesen Hund anderen Hunden zuführt, findet bei mir kein Verständnis, sondern macht mich sauer. Mein Hund ist bereits schon mal blutig gebissen worden, ich brauche das nicht nochmal. Kein Mensch und kein Hund braucht das. Diese Dame hat offenbar keinerlei Gespür für irgendwas – weder für ihren Hund noch für andere Hunde, die vor ihm flüchten, noch für die Halter, die das überhaupt nicht witzig finden (der Halter der beiden anderen Hunde zu Beginn der Geschichte übrigens auch nicht). Wenn so jemand so unwissend, unsensibel und egozentrisch mit einem aggressiven Hund durch die Gegend torkelt, dann bin ich in der Tat gereizt.

  • Antworten Irene 5. Februar 2021 um 13:30

    👍👍👍

  • Antworten Maria 11. Februar 2021 um 16:18

    Tipp: wenn die die FFP2 Maske im Nasenbereich richtig anliegt, bietet sie guten Fremd – und Eigenschutz und die Brille beschlägt nicht.
    Bin Brillenträgerin und trage die Maske gantags bei der Arbeit im Krankenhaus und in der Freizeit, wo erforderlich
    liebe Grüße Maria

    • Antworten Heidi 11. Februar 2021 um 17:03

      Hallo Maria, ich höre das immer wieder mal, muss aber leider den Kopf schütteln. Vielleicht hat es etwas mit der Nasen- oder Brillenform zu tun – ich kann nur sagen, dass es nicht funktioniert. Meine FFP2-Maske liegt so dicht an, dass sie schon einschneidet, aber die Brille beschlägt trotzdem. Im Innenraum kriege ich es manchmal hin, dass es klappt, draußen sind offenbar die Temperaturunterschiede so groß, dass die Brille beschlägt, je länger ich gehe, desto schlimmer wird es. Und ja, ich setze die Brille etwas nach vorne, was für die Brille ziemlich gefährlich ist, weil sie an dem glatten Stoff weiter rutscht, aber es hilft trotzdem nicht.:-(

      • Antworten Jenny 14. Februar 2021 um 7:13

        Wie weiter oben bereits erwähnt, bei mir leistet ein Antibeschlagtuch vom Optiker sehr gute Dienste.

  • Antworten Irene 11. Februar 2021 um 17:29

    Ich habe auch gehört, die FFP2 Masken seien für uns Brillenträger besser, weil die Brillen nicht
    beschlagen. Diese Erfahrung kann ich leider nicht machen. Die Brille beschlägt weiter.
    Wenigstens das bleibt Hunden erspart.

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