Draußen

Perpetuum Gassi

18. April 2018

Mein Alltag ist klar strukturiert. Entweder sitze ich vor dem Rechner und bringe Buchstaben in die richtige Reihenfolge oder ich „bin Gassi“. Gefühlt spielt sich beides etwa zu gleichen Teilen ab. Gelegentlich habe ich gar den Eindruck, ich bin häufiger mit Gassigehen beschäftigt als mit jeder anderen Tätigkeit in meinem Leben. Gassi ist so selbstverständlich wie Zähneputzen, dauert aber viel länger als 2 Minuten. Dabei ist der Begriff ganz schlecht gewählt. Zumindest für uns. Wir sind ja immer nur kurz auf Gassen unterwegs. Wir gehen eher Feldwegi oder Waldwegi. Oft auch Grünstreifi.

In Familien teilen sich Menschen die anspruchsvolle Aufgabe des Hund ausführens. Dieser Begriff gefällt mir übrigens gleich besser. Den Hund ausführen. Das klingt so, als ginge man mit dem Hund ins Kino und danach in ein schickes Restaurant. Für Panini ist es ja auch irgendwie so. Es gibt spannende Sachen zu sehen und sie frisst sich dabei durch. Aber zurück zu dem Gedanken mit den Familien: Üblicherweise geht mal der eine, mal der andere mit dem Hund. Paninis Familie bin ich. Ich gehe immer. So kann sich mir schon mal das Gefühl aufdrängen, dass sich das Tier in einem oft erstaunlich schnell wiederkehrenden Zyklus leert und wieder füllt. Kaum bringt man ein innerlich an entscheidenden Stellen hohles Tier nach Hause, krönt es den Spaziergang mit einem köstlichem Tropfen aus dem Vogelsberg, den ich zuvor in seinen Napf gefüllt habe. Panini verfügt zuweilen über Trinkrituale, die Burschenschaftler und Oktoberfestbesucher respektvoll erblassen lassen würden. Noch während ich das charakteristische Schlabbergeräusch höre, schaue ich auf die Uhr und denke: Bald müssen wir wieder raus. Und so ist es dann auch.

Sicher. Ich gehe auch mehrfach am Tag wohin. Aber nach wohin ist es für mich nicht weit. Ich muss dafür auch nie Gummistiefel anziehen. Außerdem ist mir mein wohin auch grundsätzlich immer recht. Ich suche nicht alle Kneipentoiletten des Viertels auf, bis mir eine behagt. Panini hingegen ist äußerst wählerisch mit ihren sanitären Grünanlagen. Auch vor dem Schlafengehen. Auch um 23 Uhr.

Wenn wir gerade nicht Feldwegi oder Waldwegi gehen können, machen wir auch die lange Mittagsrunde in der Stadt. Inzwischen trete ich vor das Haus und weiß ziemlich genau, was passieren wird. Gassi hat etwas beruhigend Gleichförmiges. Zunächst gehen wir die Grünanlage an der großen Straße entlang. Es wird dort mindestens ein nicht zugeknoteter Kotbeutel an einen Baum gelehnt herumliegen. Jemand bei uns im Viertel leidet an einer ungünstigen psychischen Störung. Zwei Phobien kommen kumulierend zusammen: Die Angst vor dem Zuknoten und die Angst vor Abfalleimern. Deshalb hat der bedauernswerte Mensch, der sicher Schreckliches durchmachen muss, keine andere Wahl: Er muss die benutzten Kotbeutel an einen Baum ablegen, anstatt sie in einen der 4–15 Gehsekunden entfernten Abfalleimer zu werfen. Ich verstehe das natürlich. Nachdem wir mindestens einen dieser Beutel passiert haben, wird mein Hund zum ersten Mal kauend neben mir her laufen. Denn hier macht täglich jemand mit seinem minderbegabten Hund Suchspiele. Ich denke nicht, dass der Hund viele Leckerchen findet, wenn noch so viele für Panini übrig bleiben. Sie findet sie immer. Ich natürlich nicht, weshalb mein Hund kaut, bevor ich auch nur: „Es wäre irre toll, wenn du dieses Mal diesen Trainingskeks, der sicher aus den gruseligsten Nebenerzeugnissen besteht und gegen den ein Frolic ein natürliches Öko-Produkt ist, liegenlassen könntest“ sagen kann. Neulich lag tatsächlich das eben genannte Frolic mitten auf dem Weg. Vermutlich hätte selbst ich es mit etwas Anstrengung erschnuppern können. Hunde, die an Frolics vorbeiriechen, sind mir sehr suspekt.

Manchmal treffen wir dann den ersten Hund. Vielleicht sogar den Dienstältesten des Viertels, der fast 18 Jahre alt ist und nicht mehr an Panini schnüffeln darf. Er könnte sich sonst Krankheiten holen, sagt sein Herrchen. Dann werde ich erleichtert sein, weil der Hund noch lebt. Nicht wegen des Hundes, der hatte ein gutes Leben und in diesem Alter darf man auch gehen. Aber um das Herrchen mache ich mir Sorgen. Vielleicht treffen wir auch Freddy, den Hund, der Leishmaniose hat und der die Lefzen so hochziehen kann, dass es aussieht, als ob er lacht. Wahrscheinlich aber begegnet uns als erstes der walkende Mann mit der schüchternen Viszla Hündin. Der ist hier mittags fast immer.

Zuerst müssen wir aber über die Straße. An der Fußgängerampel werden Menschen stehen, die darauf warten, dass die Ampel grün wird. Das wird sie aber nicht, denn wie immer hat keiner der Ampel mit Hilfe des dafür vorgesehenen Drückers Bescheid gesagt, dass er gerne grün hätte. Also werde ich drücken müssen. Nachdem wir eine weitere Ampel mit der gleichen Versuchsanordnung hinter uns gelassen haben, wird Panini rechts abbiegen wollen. Ich will aber geradeaus und so werden wir unsere Divergenz kurz ausdiskutieren. Ich werde gewinnen, weil ich die Leine und damit das stärkere Argument in der Hand habe. Wir werden den hübschen Park rechts liegen lassen, weil wir dort nicht hineingehen dürfen. Sicher unter anderem wegen der Menschen mit Knot- und Abfalleimerphobien. Uns werden Babys begegnen, die „Wau Wau“ rufen und ihre etwas älteren und deshalb eloquenteren Kumpels werden: „Guck mal Mama, der Hund ist so süüüüß“ sagen. Wenn wir schon etliche Schritte weiter gegangen sein werden, wird der Wind ein paar Wortfetzen der Mutter zu uns tragen und es wird sich anhören wie „Geht nicht“ und „kann nicht“ und „mit ihm rausgehen“.

Dann kreuzen wir die grotesk kleine Hundewiese, auf der Abfall verstreut sein wird. Wir werden den kleinen Jack Russell Mischling treffen, Panini wird sich mächtig freuen, ihn zu sehen und er wird sofort huldvoll markieren. Vielleicht ist auch Kira dabei, die Bulldogge, die alles hasst, was wie ein Hund aussieht. Dann werden wir schnell weiter gehen.

Ich werde hoffen, dass wir den alten Mann treffen, der mit seinem Fahrrad Bahnen fährt, wie andere schwimmen. Immer hin und her, am Friedhof entlang. Er fährt bis zu dem kleinen Betriebshof, wendet, fährt zur Straße, wendet und so fort. Ich habe ihn länger nicht gesehen und deshalb hoffe ich. Er soll doch fit bleiben. Ich möchte viel lieber ihn treffen als die beiden Damen mit ihren großen Hunden, die Panini immer „Hallo sagen“ möchten. „Hallo sagen“ geht so: Man macht sich steif, fixiert meinen Hund und gibt dann Gas. So zieht man Frauchen an der Leine hinter sich her, die dabei mit überschlagender Stimmer „Aber nur kurz Hallo sagen!“ ruft. Zuvor ruft sie „Neinausbravliebseinhierneinhaltlangsamausneinliebsein!“ Panini und ich versuchen, so viel Luft wie möglich zwischen uns und das Horrorteam zu bringen. Zuhause google ich dann regelmäßig, ob die Sache mit der Tarnkappe nicht endlich bald spruchreif ist. Wir leben im Zeitalter der digitalen Transformation. Kühlschränke sprechen, Autos fahren auch ohne mich einkaufen und bald bezahle ich mit meinem Fingerabdruck. Da kann es doch nicht mehr so schwer sein, eine Tarnkappe herzustellen, die mich und meinen Hund unsichtbar werden lässt! Von mir aus auch erst mal nur meinen Hund. Wie herrlich wäre das! Aber nichts. Keine Tarnkappe bei Zalando. Nicht mal bei Amazon und die haben doch immer alles. Also müssen wir weiter mit „Hallo sagen“ fertig werden.

Auf dem Rückweg gehen wir den schmalen Weg hinter den Häusern entlang, auf dem nur Fußgänger vorgesehen sind. Es wird uns ein Fahrradfahrer entgegenkommen und wir werden uns in die Brennnesseln drücken, um ihn vorbei zu lassen. Er wird nicht „Danke“ sagen. Wenig später werden wir das kalte Buffet rund um den Abfalleimer vor dem REWE-Supermarkt passieren und Panini wird versuchen, es zu entern. Ich werde es verhindern. Die umherliegenden Reste von Sandwiches, Chipstüten, Smoothies und Salzstangen sind ohnehin bereits fest in der Hand von Mikroorganismen.

Jetzt nur noch die Straße hinunter, vorbei an dem türkischen Supermarkt. Panini wird dort wieder auf irgendetwas herumkauen und ich werde nicht wissen, ob es sich dabei um eine heruntergefallene Cocktailtomate oder einen Hustenbonbon mit Papier handelt, das Fundstück also dem besagten Supermarkt oder der daneben liegenden Apotheke entstammt. Erst seit Panini bei mir lebt, weiß ich, wie viele Menschen das Gekaufte unmittelbar vor einem Geschäft öffnen. Ungeschickt öffnen.
Wir überqueren noch eine große Straße, an der ich die Leine mit zwei Händen an vier Stellen festhalte und dann stehen wir auch schon wieder vor der Haustür, etwa 70 Minuten, nachdem wir gestartet sind. Das Tier hat viel geschnüffelt und deshalb großen Durst. In Windeseile füllt es schon mal einen seiner wichtigen Hohlräume wieder auf. Danach legt es sich schlafen und ich muss mich mit meiner Arbeit jetzt beeilen. Denn bald müssen wir wieder „Gassi“. Und alles beginnt von Neuem.
Diese und viele weitere Panini-Geschichten gibt’s jetzt auch in meinem Buch “Hunde, die nach hinten gucken” – zum Verschenken und sich selbst beschenken…

* Im Falle eines Kaufs über diesen Link werden mir von Amazon ein paar Cent gutgeschrieben

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7 Kommentare

  • Antworten Menschin 18. April 2018 um 20:45

    Oh ja. Das Gefühl kenne ich. Vor allem morgens habe ich manchmal das Gefühl, dass mein Leben aus einer nie endenden Morgenrunde besteht, seit Tiffi in mein Leben getreten ist. 😉

    Liebe Grüße,
    Karen und Tiffi

    P.S.: Tiffi hat auch dieses AnnyX Geschirr. Sogar in der gleichen Farbe. 🙂

  • Antworten Ulrike 18. April 2018 um 22:56

    Bei “ausführen” fällt mir ein: wollen Sie den Hund speichern oder ausführen? 🙂
    Lesen tu ich alles morgen, muss nu ins Bett. Gassi war ich schon, also so Menschengassi… Kloi?

  • Antworten Yvonne 19. April 2018 um 8:39

    Ach Heidi, ich finde Deine Texte köstlich! 😀
    Ich darf berichten, dass solcherlei Gassi Gegehe sich vervielfacht, wenn noch Tageshunde und ZuHauseAbzuholenHunde mit ins Spiel kommen.
    Die Sonne scheint, meine beiden Hundches waren grad – die Tageshündin fragt……Wir lesen uns später! 🙂

  • Antworten Isabella 19. April 2018 um 8:53

    Vielen Dank für diesen so wunderbar lebhaften Bericht … ein Gefühl, als wäre man wirklich dabei 🙂 Auch wenn ich nicht alleine leben, die meiten Hunderunden sind doch meine Aufgabe – und ich muss zugeben, wenn man mal wieder einen Welpen im Haus hatte, dann ist man nach einigen Monaten froh, dass die Anzahl der Gänge vor der Tür wieder auf ein normales Maß sinkt. Egal wie schnell sich der leere Hund wieder füllt … Welpen füllen sich schneller 😉

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Cara und Shadow

  • Antworten Irene Pospisil 19. April 2018 um 17:05

    Ich hoffe wirklich sehr, es kommt bald wieder ein Buch über das Leben mit Panini.
    Liebe Grüße
    Irene

  • Antworten Lea 4. Mai 2018 um 12:34

    Danke für den netten Beitrag 🙂 Gassi gehen kann schon was aufregendes sein. Ich erinnere mich noch wie wir das Skateboard in unserer Jugend benutzt haben und wir mit 100 Sachen die Alee entlang gezogen wurde. Ein intensiver Auslauf für den Hund und ein riesiger Spaß für uns – eine Win-Win-Situation für beide Seiten! 😀

  • Antworten Lennart 5. Mai 2018 um 13:40

    Ein klasse Beitrag!!!

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