Draußen

Wunden der Natur: Die Herbstgrasmilbe.

1. September 2019

Die Natur ist etwas Großartiges. Ich stehe der Schöpfung grundsätzlich positiv gegenüber. Allerdings – es gibt da einige Ausnahmen. Seit dieser Woche habe ich wieder eine neue Spezies auf meine persönliche rote Liste der leider nicht bedrohten Arten gesetzt. Und das kam so.

Das Brötchen ist ein begeisterter Flexitarier. Sie liebt pflanzliche Kost, vor allem Obst. Ich kann jeden Prey Barfer nur einladen, meinem Tier einmal dabei zuzusehen, wie es Früchte isst. Möglicherweise würde das beim Betrachter einen Grübelschub auslösen. Am oberster Stelle stehen Himbeeren, die sich Panini ungeachtet der Stacheln selbst vom Strauch zupft. Dahinter kommen Kirschen und Äpfel, gefolgt von Pflaumen, Aprikosen und Brombeeren. Heidelbeeren und Erdbeeren gehören nicht zu den Top 5, werden aber auch mal eben so mitgenommen. Exotische Früchte hat sie noch nicht gekostet.

Giftige Kirschlorbeeren im Garten: Das Brötchen in Gefahr.

Als mein Vermieter beschloss, in unserem Garten Kirschlorbeerhecken zu pflanzen, habe ich Bedenken angemeldet. Die Früchte des Kirschlorbeer (und nicht nur die Früchte) sind ausgesprochen giftig. Werden die kleinen Kerne zerbissen, wird Blausäure freigesetzt. Bereits 10 zerbissene Kerne können angeblich einen Hund töten. Mein Tier kaut gern gründlich und liebt es, wenn es knurpst. Ich kann nicht zählen, wie viele Obstkerne ich schon aus einem Hundemaul gefischt habe. Aprikosenkerne (auch sehr giftig) spuckt sie immerhin inzwischen auf Kommando aus. Ich bin eine enorm begabte Hundeerzieherin. Nun geht sie zwar seit Jahren achtlos an Kirschlorbeerhecken auf unserem Spaziergang vorbei, aber das heißt gar nichts. Würde sie das Zeug erst einmal entdecken und würde sie bemerken, dass ich etwas dagegen habe, dass sie es frisst, wäre ihr Sportsgeist geweckt. Ich kenne mein Tier.

Mein Vermieter bestand indes auf der unheilvollen Bepflanzung und so gediehen in unserem Garten in diesen Wochen zum ersten Mal abertausende kleine Zeitbomben. Und ich hörte es ticken. Panini hörte nichts, aber irgendwann roch sie etwas. Sie naschte die erste Beere und ein paar Tage später die zweite. Das geschah in Bruchteilen von Sekunden, ohne, dass ich nur den Hauch einer Chance hatte. Was tun? Entweder, der Hund kann nur noch mit Maulkorb in den Garten, was lästig und unpraktisch wäre oder aber ich entferne die Beeren. Und zwar alle, ausnahmslos. Die, die noch an den Sträuchern hängen und die unzähligen, die bereits auf der Erde liegen. Es würde Stunden dauern. Ich sah den Hund an und wusste, dass ich mich erst dann wieder entspannen konnte, wenn die Beeren verschwunden sein würden.

Beerenauslese: Weg mit dem Zeug.

Bevor nun die Erziehungsexperten tadelnd den Kopf schütteln: Ja, man kann einem Hund beibringen, nichts vom Boden aufzunehmen. Es ist mir aber egal, was man kann. Ich konnte bislang nicht. Das Kapitel ist nicht abgeschlossen, aber so lange das Brötchen noch zur emsigen Nahrungssuche neigt, muss ich anderweitig für seine Sicherheit sorgen. Kurz: Ich beschloss, die Beerenernte anzugehen. Das Sammeln und Schneiden war eine Schufterei und es dauerte tatsächlich mehrere Stunden. Die heruntergefallenen Beeren ließen sich nur einzeln mit der Hand auflesen, anders war es nicht zu machen. Ich durchkämmte die Erde und das sich anschließende Gras. Ich kroch unter den Büschen umher und eliminierte alles, was klein und rund war. Ich schnitt jede einzelne Dolde ab, an der noch Beeren hingen. Schließlich war es geschafft und der Garten wieder sicher.

Das Desaster: Frauchen wird zum Sams.

Am nächsten Tag erwachte ich in einem Inferno. Mein ganzer Körper brannte und juckte. Meine Schultern, meine Achseln, mein Rücken, die Leistengegend und die Oberschenkel waren übersät mit immens juckenden Quaddeln und roten Knötchen. Schon früher hatte ich immer mal wieder mit einzelnen Insektenstichen zu kämpfen, aber das übertraf alles. Ich begann zu zählen und kam auf 74 für mich sichtbare Stiche. Keine meiner üblichen Maßnahmen konnten den Juckreiz lindern, allenfalls Apfelessig brachte ein wenig Erleichterung. Ich setzte mich hin und googelte. Dieser Überfall war so charakteristisch, es musste herauszufinden sein, was mich so zugerichtet hatte. Nach verblüffend kurzer Zeit hatte ich Klarheit. Ich hatte mich mit meiner Lorbeeren-Ernte einer Horde Herbstgrasmilben lebendig zum Fraß vorgeworfen. Offensichtlich wohnen sie in großer Zahl mietfrei in unserem Garten. Um das Wichtigste gleich vorwegzunehmen: Das Tier hat nichts. Absolut nichts. Gottlob.

Darf ich vorstellen: Milbe. Herbstgras Milbe.

Herbstgrasmilben sind kleine rote Spinnentiere, die niemand braucht. Zumindest niemand, der nicht masochistisch veranlagt ist. Ihre Blütezeit ist August und September, sie lieben Sonne und Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad. Sie hängen nutzlos auf Gräsern rum, zwischen den Pflanzen und auch mal unter der Erde. Dort warten sie, bis irgendein argloses Tier vorbei kommt, um sich drauf zu stürzen. Mäuse, Katzen, Hunde und sogar Vögel: Herbstgrasmilben nehmen alles. Der Mensch ist für die Milbe das, was für mich eine Rauchersportkneipe mit Spielautomaten, Faschingsdeko und Mikrowellencurrywurst ist: ein Fehlwirt. Naschen sie Mensch, gehen sie hinterher ein. Da die Herbstgrasmilbe intellektuell stark unterbelichtet ist, weiß sie das nicht.

Anders als ihre ebenfalls nutzlose Freundin, die Zecke, saugt die Milbe kein Blut. Sie verrichtet Laubsägearbeiten an der Haut, löst sie auf und mixt sich zusammen mit ihrer Spucke eine leckere Zellsaft-Schorle. Je nachdem, wie lange sie bleiben darf, dauert diese Beschäftigung bis zu mehreren Stunden. Anschließend lässt sie sich vermutlich rülpsend nach hinten fallen. Ab dann ist mit ihr nichts mehr los. Am liebsten sucht sie sich Stellen mit dünner Haut. Sie ist also nicht nur doof, sondern auch noch faul. Eng anliegende Kleidungsstellen wie Hosenbund, BH-Träger oder Gummizüge findet die Milbe prima, wahrscheinlich ist es da weniger anstrengend, sich festzuhalten. Tatsächlich ist es risikoloser, nackt in den Garten zu gehen, als mit einem Bikini. Zumindest in Bezug auf die Herbstgrasmilbe. Übrigens sehen nicht alle Opfer der Milbe so aus wie ich. Manche spüren die Bisse auch nach Tagen nicht. Die Glücklichen. Ich reagiere auf die Dinger offenbar allergisch. In jeder Hinsicht.

Was man gegen Herbstgrasmilben tun kann.

Ich habe viel gelesen und bin zu dem Schluss gekommen: Nichts. Man kann sie so gut wie nicht aus dem Garten vertreiben, alles was sie trifft, würde auch andere Insekten treffen. Wenn man Pech hat, verjagt man die natürlichen Feinde, wie die Tausendfüßler und die Milbe kichert sich eins. Man kann sich natürlich mit handelsüblichen Insektenmitteln einsprühen, bevor man in den Garten geht. Einen Versuch ist es wert. Hier bin ich aber auch zurückhaltend, da ich mein Brötchen nicht mit giftigen Stoffen konfrontieren will. Das leckt mir ja auch mal über die Füße oder legt ihre Schnauze auf meinem Bein ab. Also bin ich da eher für die Kindervariante der handelsüblichen Mittelchen. Aber ob das hilft? Einen Versuch ist es wert. Es wird empfohlen, sich nach jedem Gartenaufenthalt umzuziehen, die Kleidung zu waschen und zu duschen. Aus meiner Sicht wenig praktikabel und nur teilweise machbar. Ich gieße schließlich auch einfach mal schnell ein paar Pflanzen oder lasse Panini mal zum Pipimachen runter. Ich würde nur noch Wäsche waschen und unter der Dusche stehen. Ich muss es einfach mal ausprobieren, wie es gehen kann. Längere Gartenarbeiten ohne Schutzmaßnahmen sind jedenfalls ab jetzt tabu.

Mein Tier weiß von alledem nichts. Es buddelt vergnügt unter Sträuchern herum und bleibt bissfrei. Vielleicht sollte ich in Zukunft einfach mehr Pansen essen. Und ab und zu eine Himbeere dazu.

 

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1 Kommentar

  • Antworten Socke-nHalterin 2. September 2019 um 18:40

    Es tut mir sehr leid für Dich und ich hoffe, dass der Spuk für Dich bald vorbei ist. Gute Genesung. Ich wusste gar nicht, wo diese Milben überall sitzen… Zum Glück haben wir damit keine Probleme. Aber das ist auch nur fair, nachdem der Eichenprozessionsspinner mit zwei Monate böse ärgerte….

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

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