Draußen

Und – wie alt?

2. April 2022

Bevor ich so richtig zu schreiben beginne, vorweg eine wichtige Frage: Wie alt seid ihr so? Ich muss das wissen, sonst kann ich mich keinem anderen Thema widmen. Diese Erkenntnis ist das Ergebnis unzähliger Begegnungen in den letzten Jahren, die immer mit den Worten „Wie alt …?“ beginnen. Ohne diese Einleitung geht nichts mehr. Ich gebe zu, die Frage betrifft eigentlich meinen Hund. Aber warum sollte es bei Menschen nicht genauso sein? Also: Heidi Schmitt (54) möchte von ihren Leserinnen und Lesern (zusammen ca. 522) wissen, wie alt sie sind. Nachdem ich diese entscheidende Frage gestellt habe, fühle ich mich entlastet und kann weiter schreiben.

Das Tier lebt nun seit über 7 Jahren bei mir und das ist ein großes Glück, weil wir so gut zueinander passen. Panini ist von enormer Sanftmut und Zugewandtheit, ruhig und tolerant und zugleich eigensinnig, schelmisch und lustig. Sie hat sehr viele Charaktereigenschaften eines typischen Segugio abbekommen, eines italienischen Laufhundes, der, wie viele Jagdhunde, draußen vielseitig interessiert und eigenständig ist, drinnen aber unkompliziert und beinahe unsichtbar. Keiner der Nachbarn weiß, wie es klingt, wenn Panini bellt, denn sie tut es praktisch nie. Vielleicht lässt sich der Charakter der Rasse mit dem des Galgo vergleichen, auch wenn der Menschen gegenüber zurückhaltender und sensibler ist. Was die Ruhe, Anhänglichkeit und Verträglichkeit betrifft, sind sie einander aber ähnlich. Ich schreibe das alles, weil der Segugio hierzulande nahezu unbekannt ist und es wird im Folgenden noch eine Rolle spielen. In jedem Fall ist eine Freude, mit Panini zu leben.

Zugleich müssen wir aber auch viel Pech verwinden, was des Brötchens Gesundheit betrifft. So robust sie charakterlich ist, so sensibel ist ihre Gesundheit. Im Bewegungsapparat kämpft sie mit zwei Kreuzbandrissen und den entsprechenden OPs, den Spondylosen und einer Weichteil-HD. Die Schilddrüse schwächelt und die Bauchspeicheldrüse ist auch nicht so 100ig auf der Höhe. Die Augen tränen chronisch und seit einem Jahr zwingt uns eine chronische aggressive Rhinitis in die Knie, die nur äußerst schwer zu behandeln und nicht heilbar ist. All das wirkt sich zwar gottlob meistens nicht auf ihre Lebensfreude und ihren Appetit aus, wohl aber auf ihre Leistungsfähigkeit, die über die Jahre stark schwankend war und seit dem letzten diagnostischen Tiefschlag sehr gedimmt ist. Wir sind langsam unterwegs. Nun ist sie etwa 10 Jahre alt, bei ihrer Gewichtsklasse also ungefähr 70 und wir müssen auch nicht schnell sein. Hauptsache, wir gehen überhaupt.

Das Gesprächsthema Nummer 1 – seit sieben Jahren.

Es gibt nur eine Sache, die ich dabei immer nervtötender finde, vermutlich weil sie seit über 7 Jahren nervt. „Wie alt?“ rufen mir Leute schon von weitem zu. Menschen, die weder mich, noch Panini kennen. Wahlweise auch: „Oje, der ist aber schon RICHTIG alt!“ Oder: „Oh, eine graue Schnauze, ein kleiner Opa. WIE ALT ISSER DENN?“ Vielleicht hört man da leichter drüber weg, wenn man irgendwann einmal, nach einer langen Phase anerkannter Jugendlichkeit mit der Frage konfrontiert wird, nicht, wie wir, schon immer. Obwohl ich auch das nicht glaube. Warum sollte man gerne darüber berichten, dass der eigene Hund alt sei und damit das Ende der gemeinsamen Zeit nahe? Warum sollte man, unabhängig von der eigenen aktuellen Befindlichkeit, auf einem Spaziergang mit Fremden ständig darüber reden wollen? Ich wage die Behauptung, dass niemand das will. Ich selbst werde in jedem Fall mit der Zeit immer dünnhäutiger. Bereits vor vier Jahren habe ich schon einmal über die seltsamen „Altersfragen“ geschrieben und das deshalb, weil ich es damals schon über einen längeren Zeitraum erlebt hatte.

Seit geraumer Zeit hat sich die Lage noch einmal verschärft. Ich versuche Altersgesprächen auszuweichen, aber das klappt nicht. Man insistiert. „Wie alt?“ schallt es mir entgegen. Und ich antworte: „Sie kommt aus Italien, so genau weiß man das nicht.“ „Aber ungefähr? Das wissen Sie doch bestimmt!“ Dann sage ich – meist schon fast unwirsch – „Irgendwas um die 10.“ Und nun kommt das Irrsinnige. Es wird nicht mehr hingenommen. „Nein, nein!“ sagte mir neulich ein Passant. „Glauben Sie mir, der ist schon viel älter!“ (Hunde sind grundsätzlich immer männlich). Ich sage dann nichts. Oder so etwas wie „Wie Sie meinen.“ Dann bekomme ich erklärt, warum mein Hund schon viel älter sei und woran man das sähe. Zum Beispiel daran, dass mein Hund (weiße Beine, weiße Rute, weißer Bauch, weißer Nacken, weiße Flecken am Rücken) ja schon eine ganz weiße Schnauze habe. Es folgen dann auch oft wertvolle Tipps, wie ich meinen alten Hund zu behandeln habe, zum Beispiel „Gutes Futter geben!“

„Ich sag Ihnen was!“

Gestern aber trieb es eine Dame auf die Spitze. „Wie alt?“ rief sie, zwei Flexileinen mit kleinen Hunden an deren Ende vor der Brust. Ich sagte lustlos wieder meine Sprüche auf. Wir waren auf dem Weg zum Tierarzt und ich nach einer aufreibenden Nacht in Sorge um das schwächelnde Tier, das sich gerade intensiv durch das nicht-heimatliche Terrain schnüffelte. Ich ließ es in Ruhe Zeitung lesen. Ich hatte keine Lust auf Konversation, aber ich wollte auch nicht zu unhöflich sein, nur in Ruhe gelassen werden. „Was, zehn?“ rief die Dame. „Das kann nicht sein! Der ist doch älter! Ich sag ihnen was: Meiner ist 17 Jahre alt! Und der rennt und flitzt und ist sooo fit! Nicht so wie der hier!“ Sie deutete auf Panini. Der 17-jährige Wunderknabe, optisch eine Mischung aus Pinscher und Jack Russell, fand Gefallen an Panini und beschnüffelte sie ausgiebig. Die schnüffelte freundlich zurück. Plötzlich kam der Dame ein Gedanke und sie zog ihren Hund abrupt zurück. „Geh mal weg da!“ sagte sie. Ich fand das alles unangenehm und wandt mich heraus. „Komm“, sagte ich zu Panini, „wir gehen weiter.“ „Jaja“, sagte die Dame. „Gehen Sie besser mal.“. Aus ihren Worten sprach die Sorge, mein Vereckling könne Methusalem mit irgendeiner schwächenden Seuche anstecken. Für mich war das der (vorläufige?) Höhepunkt aller „Wie alt?“-Begegnungen.

Obwohl das alles so unschön ist und ich eigentlich lieber schöne Dinge aufschreibe, will ich meine Erfahrungen teilen, weil ich glaube, dass die meisten Menschen nicht wissen, was sie da tun. Ich bitte deshalb alle Hundehalterinnen und Hundehalter, alle tatsächlichen und gefühlten Hundeexperten:

Bitte fragt Menschen mit Hund, denen ihr zum allerersten Mal begegnet, nicht anlasslos (und schon gar nicht als allererste Wortmeldung), wie alt deren Hund ist. Macht auch keine Bemerkungen über das Alter des Hundes, sofern es nicht ganz natürlich zum Gesprächsverlauf passt.

Ihr wisst möglicherweise nichts über die Rasse und schon gar nichts über die Vorgeschichte des Hundes. Manche Hunde sind ruhiger als andere (und wollen auch NICHT mit jedem Hund spielen!), manche haben eine geringere Lebenserwartung als andere. Es gibt hundert Gründe, warum ein Hund langsam geht, humpelt oder eine schlechte Körperspannung hat.

Er könnte vom Tierarzt kommen und sich gerade von einer Sedierung erholen.

Er könnte rekonvaleszent sein.

Er könnte nach einem Autounfall körperbehindert sein.

Er könnte traumatisiert und/oder ängstlich sein.

Er könnte eine Hormonschwäche haben.

Er könnte Schmerzen haben.

Er könnte Muskelkater vom Vortag haben.

Er könnte Wärme nicht gut vertragen.

Er könnte auch einfach nur ein gemütlicher Typ sein.

Oder er könnte jemand sein, dem das Alter aus unterschiedlichen Gründen mehr zu schaffen macht, z. B. weil er bzw. sie aus einer Vermehrerhaltung stammt.

In all solchen Fällen ist das ständige „Wie alt?“ nervtötend und unpassend.

Kein Mensch kann einem Hund bei einer flüchtigen Begegnung ansehen, ob er 10, 12 oder 14 ist, wenn er nichts über ihn weiß. Die Begegnung ist immer eine Momentaufnahme. Davon abgesehen ist es übergriffig und unhöflich, jemandem zu sagen, dass er zu blöde ist, das Alter seines Hundes einzuschätzen. Darüber hinaus lässt es jegliche Empathie vermissen, wenn man gegenüber einem Hundehalter eines wie auch immer eingeschränkten Hundes vergleichend (!) die Fitness des eigenen Hundes preist. Panini ist eine Hündin, die vorbehaltslos und neugierig auf andere zugeht, ihr zauberhaftes Wesen hat sich in den letzten 7 Jahren nicht verändert. Aber manche sehen es gar nicht, weil sie sich nur für ihr Alter interessieren. Vielleicht ist es ja eine Projektion der Menschen, die ihre eigene Altersobsession verfolgen? Vielleicht wird es ja künftig Bauchdeckenliftings und Faltenunterspritzung für Hunde geben. Trüber werdende Augen könnte man vielleicht mit Kontaktlinsen kaschieren. Das graue Schnäuzchen ist schnell eingefärbt, das ein oder andere Hormon oder Aufputschmittel lässt auch bestimmt die Lebendigkeit zurückkehren. So könnte man immer sagen, dass der eigene Hund ja erstaunlich fit geblieben sei und viel jünger aussehe als andere. Alter ist ja so wichtig. Vor allem bei anderer Leute Hund. Die Dame war übrigens um die 60. Vielleicht aber auch deutlich älter. Ihrem Gewicht nach bekam sie viel gutes Futter. Ich denke, das solltet ihr unbedingt wissen.

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9 Comments

  • Reply Inge Hammeran 2. April 2022 at 22:32

    Liebe Heidi, ich habe mich ertappt gefühlt! Mich beschäftigt die Alterfrage doppelt, unbeugsam auf mich selber (ungefähr so alt wie Panini), aber auch inbezug auf meine vierbeinige Freundin! Ich freue mich immer, wenn ich ältere Hunde treffe, das macht irgendwie Mut! Aber ich habe verstanden, dass es für andere unangemessen sein kann, wenn ich nach dem Alter des Hundes frage, werde es also in Zukunft unterlassen! Bei mir in der Gassi Nachbarschaft leben einige ältere Hunde und ich freue mich immer, wenn ich sie mal wieder sehe! Ich wünsche euch viele freudvolle Spaziergänge miteinander!

    • Reply Sissi-Sophia Schmidtke 23. April 2022 at 10:59

      Seit dem ich diesen Artikel gelesen habe, begegnet mir die Frage nun auch ständig 😛
      Ich bin aber noch nicht abschließend zu einer Entscheidung gekommen, ob sie mich nervt oder ich es als Aufhänger für den Start einer Konversation als ok betrachte ….

  • Reply Liz 3. April 2022 at 8:47

    Ach du Arme. Gut für dich, dass du das Erlebte beim Schreiben humoristisch ein bisschen verarbeiten kannst. Ich bekam beim Lesen gerade „Blutdruck“.

    Also ehrlich, die Welt wäre um soviel schöner, wenn die Menschen einfach mal nicht so viel quaken würden, wenn sie keine Ahnung haben. Dafür müssten sie aber auch mal mit dieser irrigen Selbstüberzeugung aufhören. Und ganz bestimmt fühlen sich davon gerade auch nicht die Gemeinten angesprochen *seufz*

  • Reply Tatjana Bühn 3. April 2022 at 10:06

    „… für das Alter ist er (stimmt, immer männlich) aber noch gut drauf.“ 😉

  • Reply Socke-nHalterin 4. April 2022 at 5:18

    Ich bin genauso empfindsam, wenn man meinen Hund ungefragt, laut, aus dem Nichs heraus und unter vielen Menschen als Wischmopp bezeichnet.
    Auf Sockes Alter hingegen bin ich stolz. Socke ist 15Jahre alt.

    Vor wenigen Wochen trafen wir eine Hundehaltern mit ihrem Hund, der seinen dritten Geburtstag feierte. Sie zeigte auf Socke und meinte, dass Jenny, Ihr letzter Hund zum Schluss auch so langsam war. Mir gab es einen Stich im Herzen. Was für ein Sehen, dass wir kurze Zeit Pudel Willi trafen, den Socke wild anspielte und die Dame eingestehen musste, dass Jenny doch nicht so war…..
    Gut gemacht, Socke dachte ich mir.

    Meinungsfreiheit ist nicht immer gut und ein bisschen Respekt täte so manchem Menschen gut.

    Ärgere Dich nicht.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

    • Reply Socke-nHalterin 4. April 2022 at 5:20

      Es sollte „Segen“ heißen…..

  • Reply Socke-nHalterin 4. April 2022 at 5:19

    Es sollte, was für ein „Segen“ heißen…..

  • Reply Ines 4. April 2022 at 9:46

    Ich, 50, habe dir ganze Zeit beim Lesen mit dem Kopf genickt. Erlebe ich seit 7 Jahren, seit wir einen Hund mit schwarzer Maske haben, die vorne grau ist. Er war damals mindestens 3,5 Jahre alt (als erwachsener Hund ins Tierheim gekommen, also mindestens 2, und war 18 Monate dort). Alle immer so: Oh, der ist aber schon alt, oder? Nein …

    Heute ist da vorne kaum noch was schwarz und alle so: Oh, der ist aber schon alt, oder? Heute sage ich einfach ja und gehe weiter. Sie aber auch – sollte ich vielleicht beim nächsten Mal sagen.

    Alles Gute für des Brötchens Gräten!

  • Reply Conni 7. April 2022 at 13:05

    Liebe Frau Schmitt, als „stille Mitleserin“ seit langer Zeit habe ich mich zum einen über einen neuen Beitrag gefreut – auch wenn die Vorkomnisse die zum Artikel geführt wirklich nicht toll sind. Als langjährige „Second-Hand-Meute-Halterin“ ist uns diese Unart nicht fremd.
    Was mich aber einem mehr berührt hat ist wie Sie über Panini im speziellen und über die Rasse Segugio schreiben. Aktuell bereichern zwei „reinrassige“ Segugio Italiano (Mädchen und Bube) und eine gelungene Segugio-Jagdpinscher Mischung (Mädel) unseren Alltag und sind damit bereits Segugio Nr. 2-6 (unsere erste Hündin war ein Windhundmix). Das Wesen dieser Rasse ist unserer Erfahrung nach wirklich zum Verlieben und genau so wie Sie Panini beschreiben. Sanft, Zugewand, etwas schelmisch, sensibel….und draußen voller Energie, super mit Artgenossen, Jagdsau aber meist kooperativ und für fast allen Blödsin zu haben. Wie Sie richtig beschreiben eine hier eher unbekannte Rasse – aber wir werden mehr und hoffen dabei trotz allem, dass sie nicht „in Mode“ kommt.
    Ganz liebe Grüße von Segugi Amelie, Gina und Nino an das Brötchen und alle Pfoten gedrückt fürnoch ganz viele schöne Tage, Wochen, Monate, Jahre ….

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