Draußen

Gute Hundeerziehung vortäuschen – so geht’s!

20. Juli 2019
Erziehung vortäuschen

Ich will offen sein: Das Tier ist mäßig erzogen. Es frisst immer noch Dinge, die es nicht fressen soll, es will immer noch da hin, wo ich nicht hinwill und es leidet noch immer unter Schwerhörigkeitsattacken. Oder nein, ich leide darunter, das Tier leidet kein bisschen. Das alles liegt daran, dass ich Panini nicht erziehen konnte, als ich noch dazu motiviert war bis in die Haarspitzen. Denn damals war Panini krank. Einen lahmenden Hund in die Spur zu bringen ist aus unterschiedlichen Gründen sehr schwer.

Inzwischen geht es dem Brötchen gut, aber meine Erziehungspower hat ebenso gelitten wie mein Geldbeutel. Ehrgeizige High-Performance-Seminare mit den weltbesten Hundemurmlern sind nicht drin. Deshalb fühle ich mich immer ein bisschen schlecht, schließlich ist mir eigentlich wichtig, dass das Brötchen alles lernt, was nötig ist. Aber statt kurz vor dem Abitur zu stehen, haben wir noch immer Mühe mit dem Hauptschulabschluss. Die meisten Menschen, denen ich das erzähle, verstehen meine Pein überhaupt nicht. „Panini ist doch super erzogen!“ sagen sie dann. Inzwischen weiß ich auch, woher das kommt: Das Tier und ich sind Meister im Vortäuschen guter Erziehung. Menschen, denen es ebenso geht wie mir, weihe ich hiermit gern die Geheimnisse des Erziehungsvortäuschens ein.

1. Gehen an lockerer Leine

Das Tier geht nicht an lockerer Leine. Oder sagen wir, nur aus Versehen. Dieser Makel lässt sich aber problemlos ausgleichen. Denn wie der Begriff schon sagt, kommt es auf die lockere Leine an. Warum sie locker bleibt, ist ja zweitrangig. Also gehe ICH an lockerer Leine. Mein Hund macht das Tempo und ich hechte einfach so schnell nebenher, dass die Leine nie gespannt ist. Dass das Tier zieht und sich nicht die Bohne um mich kümmert, fällt überhaupt nicht auf. Wir sind einfach ein dynamisches Gespann! Als Läuferin bin ich konditionell einigermaßen auf der Höhe, das wäre natürlich die Voraussetzung.

2. Hören aufs Wort

Meiner Erfahrung nach kann jeder Hund, der schon geraumer Zeit in einer Familie lebt, irgendwas. Meist etwas Nutzloses, wie „Peng“ oder „Rolle“. Aus unerfindlichen Gründen bringen viele Menschen ihren Hunden alberne Sachen bei, bevor sie sich an die nicht albernen Dinge machen. Mein Hund kann ganz toll „Sitz“, wenn die Wahrscheinlichkeit auf ein Leckerli groß ist. Sie kann auch mustergültig vor ihrem vollen Napf warten, bis das Okay kommt. Mit beiden Dingen können wir Besucher beeindrucken. Der Hund hört aufs Wort! Allerdings vor allem in diesen Situationen. Weiß ja aber keiner.

3. “Der ist aber brav!”

Das Tier lässt sich sehr gut in ein Café oder Restaurant mitnehmen und liegt dort ruhig im Weg herum. Auch damit können wir Eindruck machen. Allerdings marschiere ich mit ihr gern eine Runde (an lockerer Leine), um sie etwas müde zu machen. Sonst wird es ihr im Café bald langweilig und sie findet, es ist Zeit zu gehen. Dann beauftragt sie ihre feuchte Nase mit Stupsen, was zwar liebreizend, aber nicht unbedingt gut erzogen wirkt. Also: Hund scheuchen, dann essen gehen ist die richtige Reihenfolge.

4. Der perfekte Rückruf

Das Tier hört. Fast immer. Manchmal. Am besten hört das Tier, wo es wenige oder keine Kaninchen und Rehe gibt, wenn ich mit einer Pfeife herumtiriliere und wenn ich „Meaty to go“ dabei habe, eine schlonzige Pampe aus Hühnchenfleisch und –Leber. So kommt Panini wie der Blitz, während sie sich ohne Pfeife und Meaty, dafür aber mit Feldhase grußlos entfernt und sich und ihren Namen vergisst. Mein Tipp für einen gelungenen Erziehungsvortäuschungsakt wäre also: Idealisierte Bedingungen wählen!

5. “Der ist aber lieb!”

Viele Menschen scheinen zu glauben, dass Hunde ohne Erziehung jedermann ansatzlos zu Hackfleisch verarbeiten würden. Sind sie hingegen vertrauensselig und zugewandt, muss es an langem und harten Training liegen. Mein Brötchen liebt Menschen. Sie liebt es, neue Freunde zu machen, sie ist neugierig auf Leute und darauf, ob sie wohl etwas zu Essen dabei haben. Das hat sie in Italien so gelernt, aber es entspricht auch ihrem Wesen. Geht sie freundlich auf Menschen zu, sanft und geduldig mit Kindern um, wird sie automatisch für einen gut erzogenen Hund gehalten. Wenn ihr auch so einen Hund habt – Glückwunsch! Nie war das Erziehungvortäuschen einfacher.

Das ist natürlich alles nur für den Übergang gedacht. Eines Tages werden unsere Hunde irrwitzig gut erzogen sein. Ganz bestimmt.

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15 Kommentare

  • Antworten Kirsten 21. Juli 2019 um 7:17

    Habe heute beim Lesen deines Beitrages wieder sehr schmunzeln dürfen! Auch ich habe einen dieser „wohlerzogenen“ Hunde. Aber weißt du was? Ich liebe sie genauso wie sie ist. Sie lebt ihr unbeschwertes Hundeleben an meiner Seite und wir genießen unsere gemeinsame Zeit! Ich möchte gar keinen anderen Hund haben! Liebe Grüße und deinen schönen Sonntag!

  • Antworten Erwin Polreich 21. Juli 2019 um 8:24

    Hallo Heidi, so gehts mir mit meinem Milow auch. Ich war heuer drei Wochen mit ihm in Deutschland und in der Schweiz unterwegs.Und meine Schweizer Verwandten sagten “Der Milow ist der bravste und problemloseste Hund den sie jemals gesehen hatten”. Ich dachte mir “Aha, reden wir vom gleichen Hund?” Aber genaugenommen stimmts. Er kann sich ausgesprochen fein benehmen wenns drauf ankommt. Sonst ist er ein Dickkopf, der sein Ding durchzieht. Aber wenn mir was wirklich wichtig ist, dann ist er da.
    Und wenn ich mir in diversen Facebook-Hundegruppen durchlese, was die Leute mit ihren Hunden für Probleme haben, dann denk ich mir “Was hab ich für ein Glück mit meinem Milow!”
    LG, Erwin

  • Antworten Martina 21. Juli 2019 um 8:26

    Darf man sich für andere, hier nicht erläuterte Situationen, in denen potemkinsches Wohlverhalten gefragt ist, vertrauensvoll an dich wenden? Interessanterweise gleichen sich Zia und Panini im Umgang mit gewissen Anforderungen meinerseits auf’s Haar. Dabei ist Zia – entgegen ihrem Namen – eine vermutete Osteuropäerin. Was mich vermuten lässt, dass es eine Art europäischen Verhaltenskodex unter Hunden mit Strassenerfahrung gibt. Grundsatz 1: Die Freiheit des Hundes ist unantastbar. Ausser durch Meaty.

  • Antworten yra våge 21. Juli 2019 um 9:34

    oder: “das ist aber ein Ruhiger” wenn er sich hinlegt waehrend Mutter mal wieder ein Schwaetzchen haelt…neee, der ist nur zu Tode gelangweilt 😉

  • Antworten Socke-nHalterin 21. Juli 2019 um 18:04

    Liebe Heidi,

    ich liebe Deine Gedanken und Deine Art diese zu Papier zu bringen. Ich oute mich mal, dass ich nie einen Hund wollte, der wie abgerichtet immer pariert. Ich wollte einen Hund, der hört, der aber auch Schwächen haben darf. Schwächen, wie auch ich sie habe….. Mein Hund soll lieber glücklich sein und Hund sein dürfen, ohne aber andere zu belästigen.

    Auch bei uns waren die vielen Krankheiten von Socke Gründe, nicht immer konsequent gewesen zu sein. Socke hat das nicht ausgenutzt…. Ich bin sehr stolz auf Socke und bin nicht böse, wenn sie am Zaun bellt, den Wolfshund hasst und das Haus hütet… Meine Aufgabe ist es Socke so zu leiten, dass sich niemand durch uns gestört fühlt, niemand belästigt wird und Socke sicher durch unseren Alltag geführt wird. Dabei gebe ich Schwachstellen gerne zu und kann mich auch gut entschuldigen…

    Perfekt ist doch auch langweilig. ;o)

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

    • Antworten Heidi 21. Juli 2019 um 19:17

      Liebe Sabine,
      danke für das schöne Kompliment! Ich stimme Dir auch grundsätzlich zu. Allerdings … durch ihr dusseliges Verhalten bringt Panini öfter sich selbst in Gefahr, das ist das Problem. Stichwort Giftköder. Oder wenn sie über Stock und Stein springt, was ihrem Bewegungsapparat schadet. Das sind so die Ängste, die mich begleiten. Dagegen ist das Ziehen an der Leine zu verschmerzen.
      Liebe Grüße Heidi & Panini

  • Antworten Inken 21. Juli 2019 um 19:11

    Liebe Heidi, bei uns in der Familie ist zumindest Eine gut erzogen: Ich. Das haben meine Jungs prima gemacht. Und das war bestimmt nicht einfach. Vielleicht ist Panini auch einfach nur eine unglaublich gute Erzieherin? 🙂

    • Antworten Heidi 21. Juli 2019 um 19:13

      Hm, naja, sie hat mich noch nicht ganz im Griff. Aber ich denke, wenn sie anfängt, mit Leckerchen zu arbeiten, hat sie mich!

  • Antworten Lisa und Pixel 22. Juli 2019 um 10:45

    Pixel ist auch so ne Scheinerzogene.
    Die hat halt einfach keine großen Interessen, wie Wild, andere Hunde, Menschen und will nur ihre Ruhe.
    Dazu kommt ne Unsicherheit, durch die sie vorsichtshalber in meiner Nähe bleibt.
    Und Tada, hat man einen wohlerzogenen Hund der immer in der Nähe bleibt, nie jagen geht, nicht abhaut um zu Menschen zu rennen, nicht bellt, niemanden anspringt.
    Man merkst meist nur dann wenn ihr, warum auch immer an Tag X, mal wirklich was wichtig ist. Zum Beispiel in ein fremdes Haus rennt und in der Küche erstmal den Katzennapf leert.

    • Antworten Heidi 22. Juli 2019 um 12:06

      Hahaha, sowas machen die extra, damit einem nicht langweilig wird. 😀

  • Antworten Maxi 22. Juli 2019 um 12:02

    Hach, so einen Hund wünscht man sich doch. 🙂
    Meiner ist leider ein schnell gestresster, Besuch scheußlich findender, Kinder hassender Vertreter seiner Art… Dafür sitzt der Abruf perfekt und bei joggern und Radfahrern kommt er (meistens) problemlos an meine Seite und wartet, er kann an der Leine gehen und sich ruhig am Tisch im Restaurant niederlassen,(ca 15 min) . Da erwarten dann die Menschen alle, dass er zugewandt ist und Streicheleinheiten liebt. ?? Dann doch lieber ein Brötchen! 😀

    • Antworten Heidi 22. Juli 2019 um 12:08

      Man muss sie halt nehmen, wie sie sind. Mit all ihren Macken. Irgendwelche hat jeder Hund, sonst wärs ja auch langweilig. 😀

  • Antworten Gudrun Hilden 22. Juli 2019 um 13:14

    Herrlich! Woher kennst du meinen Hund? ??

  • Antworten Diana 24. Juli 2019 um 10:38

    Haha – das könnte ich sein 🙂 Schika lernt noch – und ich auch 😉

  • Antworten Vivi 29. Juli 2019 um 9:33

    Wieder mal ein sehr schöner Beitrag :-))! Oft erlebe ich solche Nicht-Erzieher, die alles, was ihr Hund zufällig gut kann, für ihren eigenen Verdienst halten, und die Nase rümpfen über Hunde, die zufällig andere Stärken und Schwächen haben… Weit verbreitet ist auch, mit jungen Hunden “intensiv zu arbeiten”, um Fähigkeiten zu erreichen (z.b. im Cafe liegen zu bleiben) die sie ganz von selbst entwickelt hätten.

    Aber ehrlich, ich würde Panini gar nicht als schlecht erzogen bezeichnen. Auf jeden Fall hast du bei der Auswahl des Hundes schonmal alles richtig gemacht, und einen gewählt, mit dem du harmonisch zusammen leben kannst. Und das ist schonmal die halbe Miete in jeder Hundehaltung 🙂 ! Und ich bin sicher, dass vieles, was du im alltäglichen Umgang mit Panini ganz intuitiv praktizierst, bei genauer Analyse durchaus den Regeln einer guten Hundeerziehung entspricht.

    Wirklich schlechte Erziehung ist, wenn man einen Hund derart beeinflusst, dass Hund und Halter unter permanentem Stress leiden. Z.B. jene Leute, die ihrem Hund ständig abwechselnd entweder Essen zustecken oder lauthals schimpfen, dass er bettelt.

    Mein Hund beherrscht auch kaum Kommandos, aber er fügt sich so gut in mein Leben ein (und ich in seins) dass wir uns beide tagtäglich auf unsere Spaziergänge freuen und dass wir uns zuhause bevorzugt im selben Raum aufhalten. Die Freude beim Nachhausekommen nach der Arbeit oder auch nur beim Aufwachen morgens ist gegenseitig, wir gehen einander weder auf die Nerven, noch hätten wir Langeweile.
    Und was will man mehr? Arbeit, Ruhm, Ehre, Anerkennung? Nicht mein Ding ;-)!

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