Draußen Drinnen

Warum Hunde uns zu besseren Menschen machen. Können.

15. März 2019
besserer Mensch werden

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es gibt unzählige Arschkrampen, die Hunde halten. Es gab und gibt Psychopathen und Massenmörder, die sich außerordentlich hundelieb gezeigt haben. Und dennoch gibt es eine Chance zur Wandlung, die Hunde ermöglichen. Wer sie erkennt, ist fein raus, denn er kann eine bessere Version seiner selbst werden – ganz ohne Schweigekloster, Beichte oder Selbstfindungsguru. Es gelingt einfach so, der Hund macht das schon. Vorausgesetzt, man ist offen dafür.

Der Beginn ist harmlos: Das Tier baut zunächst einen soliden Zugang zum Herzen des Hundehalters. Er ist so trittsicher gepflastert, dass dieser direkte Weg künftig auch von anderen Lebewesen genutzt werden kann. Bei Tierschutz-Eiferern kommt es immer wieder vor, dass der Zugang nur auf vier Beinen betreten werden darf, Zweibeinern ist der Weg weiterhin versperrt. Was für eine vertane Chance! Aber wie eingangs erwähnt, es ist eben nur eine Option, die genutzt werden kann, oder auch nicht. Nachdem der Zugang steht, sorgt der Hund für 8 Lektionen in Sachen Menschlichkeit. Die kann man lernen oder auch ignorieren. Es sind die vermutlich wertvollsten Wegweiser für die persönliche Weiterentwicklung.

1. Bewusstsein

Ein alter Spruch besagt, dass es der größte Fehler des Hundes sei, uns nicht bis zum Ende unseres Lebens begleiten zu können. Seine Lebenszeit ist leider kürzer bemessen als unsere. Doch auf diese Weise macht er uns unsere eigene Endlichkeit und die Kostbarkeit des Augenblicks bewusst. Damit fällt es uns leichter, Unwichtigkeiten für unwichtig zu halten und Kleinigkeiten für klein. Eine gute Voraussetzung für die nächste Lektion.

2. Toleranz

Das Tier ist ein Tier. Manche Dinge mag es lernen, aber es wird niemals „funktionieren“. Es bringt Dreck ins Haus, zerkaut die Fernbedienung und sorgt dafür, dass der häusliche Fußboden aussieht wie der eines Friseursalons. Es putzt seinen Hintern am Teppich und zerbuddelt das Kräuterbeet. Es pinkelt auf das Sofa und kackt ins Auto. (Letzteres natürlich nur im Ausnahmefall, aber der tritt gar nicht so selten ein.) Es legt einem an einem regnerischen Tag draußen die Pfote an den hellen Mantel. Es wälzt sich in Aas, kurz bevor man zusammen ein Restaurant besuchen wollte. Das ist alles nicht schön, aber man hält es aus. Denn das Tier ist, wie es ist und nicht so, wie wir es gern hätten. Wer diese Lektion ernst nimmt, ist für den Umgang mit Menschen sehr gut gewappnet. Dazu passt auch die folgende Lektion.

3. Leichtigkeit

Im Zusammensein mit dem Hund ist Ärger kontraproduktiv. Ärger irritiert und stresst den Hund. Er lernt nichts daraus, wenn es seinetwegen ist und es verschreckt ihn, wenn es ihn nicht betrifft. Seit Panini bei mir ist, bin ich eine bessere Autofahrerin. Ich fluche und schimpfe nicht. Ich wage keine plötzlichen Manöver und lasse andere vor. Ich mache möglichst nichts, was sie beunruhigen könnte, es sei denn, es geht nicht anders. Ich rege mich auch sonst weniger auf, denn dann tut es der Hund auch. Wenn ich doch mal aufbrause, sieht mich Panini mit großen Augen an. Dann sage ich „Es ist alles in Ordnung!“ und während ich es noch ausspreche, merke ich, dass es auch tatsächlich so ist.

4. Empathie

Das Tier kann nicht sprechen, zumindest nicht so wie ein Mensch. Wer herausfinden will, was es fühlt, wie es tickt, was es will und was nicht, muss genau hinsehen. Und sich in den Hund hineinversetzen. Vielleicht sogar ein bisschen hündisch denken, sofern das möglich ist. In jedem Fall muss ich bereit sein, meinen eigenen Kosmos zu verlassen. Wer das täglich übt, sollte es spielend auch bei den Lebewesen schaffen, die sagen können, was sie denken.

5. Geduld

Den Hund zu beschleunigen, wenn er nicht beschleunigt werden will, ist ein hartes Brot. Er pinkelt nicht, wenn er soll und um etwas wirklich und nachhaltig zu lernen, braucht er tausend Wiederholungen. Wenn wir ungeduldig werden, wird es schlechter, nicht besser. In Wahrheit ist das immer im Leben so, der Hund führt es uns nur plastisch vor Augen. Wer gewohnt ist, im strömenden Regen darauf zu warten, dass der Hund sein Geschäft macht, wer ihn zum 142sten Mal freundlich ins Körbchen schickt, nimmt es problemlos hin, wenn jemand an der Supermarktkasse nach Kleingeld sucht.

6. Kompromissbereitschaft

Vielleicht kann man sich bei seinem Partner auf stur stellen. Man kann nein sagen und seine Bedürfnisse durchboxen. Beim Hund hat man damit schlechte Karten. Wenn der Hund raus muss, muss er raus. Wenn er sich die Kralle abgerissen hat, muss er zum Arzt. Mit einem Hund lässt sich nicht handeln, er hat nun mal seine Bedürfnisse, die jetzt und unmittelbar wichtig sind. Ich richte mein Leben darauf ein und mache Kompromisse, Paninis wegen. Wenn ich tagsüber lange weg war, bin ich abends zuhause. Auf einen anstrengenden Tag folgt ein ruhiger. In ihrem Sinn. Meine Welt dreht sich nicht nur um mich.

7. Berührung

Die meisten Hunde werden gern angefasst. Sie stupsen und rempeln, sie legen ihren Kopf auf das Menschenbein und ihre Pfote auf die Füße. Einen Hund streicheln wärmt die Seele und schafft eine Verbindung mit der Natur. Wer seinen Hund knuddeln kann, öffnet sich leichter auch für zwischenmenschliche Berührungen im Alltag.

8. Liebe

Ob mein Hund mich liebt? Keine Ahnung. Diese Frage überlasse ich der Wissenschaft. Wichtig ist: Ich liebe meinen Hund. Diese Zuneigung erfüllt meinen Alltag. Besser noch: Es macht Spaß, Panini zu lieben. Um uns herum entsteht ein unsichtbarer Ballon, der mit Liebe angefüllt ist und der mich vor Ekligkeiten des Lebens schützt. Man nennt ihn auch Zuhause. Wer dergleichen hat, wird ruhiger, sicherer und freundlicher. Und er ist gefeit davor, das Leben für sinnlos zu halten.

Titelbild: © Susan Städter – photocase.de

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6 Kommentare

  • Antworten Kirsten 15. März 2019 um 22:45

    Wie schön! Und wie wahr – der Hund zeigt so ganz nebenbei, wie wundervoll doch alles ist und das im wahrsten Sinne des Wortes.

  • Antworten Maria Steimer 16. März 2019 um 8:32

    Ein wunderbarer Text und genauso ist es. Mein Hund, erst 4 Monate bei mir, hat schon erheblich mehr Gelassenheit in mein Leben gebracht, Lebensfreude, Freude an der Natur, mehr Kontakt zu anderen Menschen und einen anderen, unbeschwerteren, toleranteren, angstfreieren Blick auf‘s Leben. Der Text entspricht für mich ganz der Wahrheit und ich habe gleich gemerkt, dass wir gegenseitig von einander profitieren. Wir erziehen uns gegenseitig ?

  • Antworten Anja& Lotta 16. März 2019 um 9:10

    Und wieder so großartig und wahr geschrieben. Ich habe an mir selbst beobachtet, dass ich so gut wie gar nicht mehr laut fluche oder schimpfe, weil Lotta sich immer erschreckt hat.
    Deshalb sind wir richtige Leisetreter geworden,
    allerdings habe ich auch eine Katze, die es lieber
    ruhig und unaufgeregt mag. Und das wirkt sich natürlich auch auf mich aus. Statt öfter mal unterm nicht vorhandenen Kronleuchter zu hängen , ausatmen und nur nicht die Tiere erschrecken; gute Therapie!
    Liebe Grüße Anja

  • Antworten Susa 16. Mai 2019 um 16:35

    Ich habe deinen Blog gerade erst entdeckt und bin hin und weg! So witzig und deine Texte treffen wirklich den Kern des Zusammenlebens mit einem Hund 🙂
    Alles Liebe

    • Antworten Heidi 16. Mai 2019 um 16:55

      Hallo Susa, danke! Ich freu mich, dass Du hier bist! VG Heidi & Panini

  • Antworten Isabel 20. Mai 2019 um 15:52

    Wunderschöner, herzerwärmender Text!
    Den konnte ich gerade wirklich gut gebrauchen 🙂

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