Draußen

Bei uns im Armenviertel.

9. Januar 2019

Ich wohne in einem Armenviertel. Ihr wundert euch jetzt sicher, dass es in Frankfurt am Main so etwas gibt. Ich wusste es auch nicht, bevor ich nicht selbst dort wohnte. Manchmal treffen wir auf der Straße andere Menschen und kommen ins Gespräch. Oft dauert es kaum ein paar Augenblicke, bis sie über ihre prekäre Lage sprechen. „Ich hab nichts!“, sagen sie dann, während Panini sie mit großen Augen ansieht und dabei klopfen sie auf ihre Manteltaschen. Die Armut belastet diese Menschen offenbar sehr, manchmal sagen sie gleich daraufhin noch einmal: „Ich hab wirklich nichts!“ Ich bin jedes Mal erschüttert, das geht einem nahe, selbst wenn man im Armenviertel wohnt und das Elend täglich miterlebt.

Nur selten treffen wir hier jemand, der von außerhalb kommt und der dann Mitleid mit uns hat. Panini in ihrem schmutzigen Mantel, ich mit dem Fettfleck von der Leckerchentasche an der Jacke. Dazu meine ausgetretenen und dreckigen Schuhe und beim Friseur war ich auch schon länger nicht mehr. Wenn uns der Auswärtige so sieht, möchte er unweigerlich etwas zur Linderung von Paninis schwieriger Situation beitragen und er sagt: „Darf ich ihr etwas geben?“ Aber betteln – das kommt für uns nicht in Frage. Für meinen Hund sorge ich und wenn es mich das letzte Hemd kostet. „Nein!“ sage ich dann mit fester Stimme und wir gehen mit hoch erhobenem Kopf weiter. Zumindest ich, Panini ist mit der Nase dann schon wieder am Boden.

Nicht jeder ist so stolz wie ich, neulich sah ich sogar, wie ein Bewohner von jemandem einen Kotbeutel angenommen hat. Sein Hund durchwühlte derweil eine weggeworfene Tüte vom Bäcker, immer auf der Suche nach achtlos weggeworfenen Brosamen derer, die etwas haben. Im Schatten hoch aufragender Bankentürme versteckt sich die Armut, ist nur für diejenigen erkennbar, die zu sehen verstehen. Panini mag alle Menschen hier, so, wie sie sind, ganz ohne materielle Zuwendungen. Aber offenbar ist das in unserer Welt schwer zu verstehen. Die Menschen scheinen zu glauben, dass sie von anderen nur dann geliebt werden, wenn sie das richtige Logo tragen und dass auch die Tiere nur danach schauen, was jemand in den Taschen hat. Die Wahrheit ist: Panini ist es wurscht, wer was hat und wer nicht. Sie findet Menschen super. Vor allem ihre Bekannten aus dem Armenviertel.

 

Bild © Flickr CC BY-ND 2.0 Isabell Hubert

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3 Kommentare

  • Antworten Inken 9. Januar 2019 um 23:10

    Solche Viertel haben wir in Hamburg auch …… es ist grausam!

  • Antworten Wolfhart 10. Januar 2019 um 10:38

    Wir (Menschen) hecheln den falschen Werten hinterher. Wir alle haben es in der Hand diese Welt besser zu machen. Stattdessen definieren wir uns durch Besitz und Reichtum. Ist am Ende aber nicht derjenige wirklich arm, dem die wichtigste Eigenschaft abhanden gekommen ist – die Menschlichkeit?

  • Antworten Rike 11. Januar 2019 um 10:33

    Es hört sich schockierend an: “bei uns im Armenviertel”!
    Dabei ist es die Wahrheit, man verdrängt sie nur, selbst wenn man selber arm ist. Denn arm sind immer nur die anderen (die noch Ärmeren). Armut ist unschön, Armut stinkt und sie ist unsichtbar, weil man sie nicht sehen und nichts mit ihr zu tun haben will, sie könnte einen ja anspringen.
    Diese Viertel gibt es überall und Armut wird stärker werden und vielleicht (hoffentlich!) auch sichtbarer.
    Und wir werden nicht umhin kommen, Umwertungen vorzunehmen. Erstrebenswert wäre nicht mehr Luxus und weiterhin ungezügelter, unbedachter Konsum, sondern ein anständiges Leben, im Sinn von dem Rücksichtnahme und Respekt und vor allem auch von fairen Verdienstmöglichkeiten für alle und damit auch Renten, von denen es sich würdig leben lässt.
    Das schöne an Hunden ist, dass sie uns nach anderen Grundsätzen bewerten. Armut ist jedenfalls kein Kriterium, eher ein gutes Leben und das ist weit mehr als nur Geld, da hat auch Güte Platz und Gerechtigkeit.

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