Draußen

Meine Hündin, der gemütliche Opa

28. Januar 2018

Heute ist Sonntag. Zum Glück. Da kann ich ganz in Ruhe nachdenken. Das tut Not, nachdem mich eine Gassibegegnung mal wieder ins Grübeln gebracht hat. Ein freundlicher Herr mit einem Cockerspaniel an der Leine kam uns entgegen, deutete auf meinen Hund und sagte: „Ihrer ist ja auch eher ein gemütlicher Opa.“ Obwohl grundsätzlich seit vielen Jahren mit den sekundären Geschlechtsmerkmalen von Mensch wie Tier vertraut, erkenne ich nicht immer sofort, ob es sich bei entgegenkommenden Hunden um einen Rüden oder eine Hündin handelt. Das geht offensichtlich nur wenigen Menschen so. Immer wieder wird Panini spontan für ein männliches Wesen gehalten. Vielleicht trägt sie einfach zu wenig rosa.

Was mir allerdings noch viel schneller ein nervöses Augenzucken verursacht, sind jegliche Anspielungen auf Brötchens vermeintliches Alter. Es vergeht kaum ein Tag, an dem Paninis imaginäre Greisenhaftigkeit nicht kommentiert wird. Läuft sie langsam, mischt sich Mitgefühl in die Stimmen, es scheint weithin sichtbar zu sein, dass mein Hund nur noch mit einem Bein auf dem Bürgersteig unterwegs ist, das andere ist wohl ganz klar bereits im Grab. Ist mein Hund lebendig und fröhlich, werden die Bemerkungen verblüfft und anerkennend, man findet es wohl erstaunlich, dass ein Hund – obgleich im Grunde längst ein Kandidat für Höschenwindeln und Euthanasie – doch noch so munter sein kann.

Neben den Kommentaren zu Alter und Geschlecht kann ich außerdem etliche zum Thema Gewicht abheften, man findet Panini wahlweise zu dünn oder zu dick, meistens letzteres, was mir dann aber aufgrund ihres hohen Alters nachgesehen wird („Wir werden ja auch nicht schlanker, wenn wir älter werden“). Bei manchen Begegnungen wird Panini auch noch die Rasse auf den plüschigen Kopf zugesagt, man schwört Stein und Bein, dass es sich bei ihr um einen Terrier oder Galgo handelt, vermutlich aber beides. Wenn ich sage, dass sie ein Segugio-Mix ist, werde ich für exzentrisch gehalten. Segugio. Was soll denn bitte das sein.

Woran liegt das nur? Was bewegt Menschen dazu, einen fremden Hund zu taxieren, um dann laut ein Urteil über ihn zu fällen? Ist das vielleicht ein Hobby? Eine Obsession? Ich wüsste das gern. Vielleicht muss ich es einfach mal selbst versuchen. Ja, ich denke, das ist ein Plan. Da ich ja deutlich mehr Menschen treffe als Hunde, werde ich das einfach mal an mir unbekannten Menschen ausprobieren. Ich werde auf einen Mann meines Alters zugehen und dann werde ich ihn mit einem fröhlichen „Donnerwetter, Sie sind aber noch ganz schön rüstig!“ begrüßen. Ich werde mit dem Finger auf ein kleines Mädchen deuten und seiner Mutter „Dem schmeckts aber auch immer, gell?“ zurufen. Wenn mir eine mandeläugige Einwohnerin meiner Stadt entgegenkommt, werde ich: „Sie kommen aus Äthiopien, das seh ich gleich!“ schmettern. Treffe ich ein Ehepaar mittleren Alters, werde ich mich an die Frau wenden und sagen: „Gell, er ist eher gemütlich unterwegs. Aber das macht ja auch nichts. Ich sage immer, Hauptsache, er hat noch Lebensqualität.“ Und dann bin ich mal gespannt, wie sich das anfühlt. Bestimmt irgendwie super. Sonst lässt sich das alles ja auch gar nicht erklären.

 

Bild © Marcus Wallis – unsplash.com

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8 Kommentare

  • Antworten Mica&Smartie 28. Januar 2018 um 18:38

    Das ist ein toller Plan, da mach ich mit!
    Auch wenn die Kommentare bei uns meistens „nett“ sind – naja, eigentlich ist bei uns zumindest der Einstieg immer derselbe „der ist aber noch jung?!“
    Dann ist er viiiiel zu dünn und schließlich geht das frohe Rasseraten los
    Hm, zumindest stimmt bei uns wenigstens das Geschlecht nahezu immer

    • Antworten Heidi 28. Januar 2018 um 20:28

      Wenigstens etwas! 😀
      Viele Grüße
      Heidi & Panini

  • Antworten Christoph 28. Januar 2018 um 19:46

    Sorry wenn ich schmunzeln muss. Ähnliches erleben wir bei und mit unserem Hund. Bei ihm sind ein paar Husky-Gene nicht zu verleugnen und einige weiße Haare zieren seit Geburt sein Gesicht ganz besonders im Maulbereich. Das ist für viele andere Halter Grund genug ihn als “ist ja auch schon älter“ einzuschätzen oder uns ganz ungläubig anzusehen wenn wir die Frage nach seinem Alter mit 5Jahren beantworten. Außerdem hat er ein braunes und ein blaues Auge was oft dazu führt dass wir gefragt werden ob er blind sei. Es ist schon verwunderlich welche Rückschlüsse anhand bestimmter Äußerlichkeiten gezogen werden.
    Viele Grüße vom Rhein
    Christoph

    • Antworten Heidi 28. Januar 2018 um 20:27

      Genau so ist das bei uns auch. Panini hat ein weißes Schnäuzchen. Aber sie hat auch weiße Beine und überhaupt einen hohen Anteil weißes Fell. Sie ist ebenfalls 5 Jahre alt. Das mit den Augen ist auch kurios … 😀
      Viele Grüße
      Heidi & Panini

  • Antworten Wolfhart 29. Januar 2018 um 11:07

    Hallo Heidi,

    Deinen Plan finde ich wirklich genial. Vielleicht solltest Du nur nen Gang zulegen wenn das Gegenüber plötzlich zum Handy greift und die 112 wählt 🙂

    Wir als Windhundebesitzer kennen das Phänomen ja auch recht gut. Bei uns sind die Hunde grundsätzlich immer viel zu dünn… Wenn das Gegenüber dann einen Vertreter seiner Art an der Leine führt, der bei jeder Bodenwelle Bauchkontakt fürchten muss, dann fällt es schon schwer nicht doof, bzw. einfach mal ehrlich zu antworten. Was mich persönlich aber noch viel mehr zu blöden Antworten verleitet, ist dieses ständige „die müssen aber bestimmt viel laufen.“ Manchmal möchte ich wirklich antworten: „Ja genau! Meine Frau läuft von 06:00h bis 14:00h mit den Hunden. Ich löse sie dann ab und laufe von 14:00h bis 22:00h. Und über Nacht stellen wir sie aufs Laufband – nur zur Sicherheit!“

    LG Wolfhart

    • Antworten Heidi 29. Januar 2018 um 12:24

      Hallo Wolfhart,
      😀 großartig, danke!
      LG
      Heidi & Panini

  • Antworten Anja 30. Januar 2018 um 12:47

    Haha! Na da bin ich aber froh, dass sowas nicht nur mir passiert! Meine sehr ruhige, zurückhaltende Hündin wird regelmäßig für ein älteres Semester gehalten, weil sie – und ich übrigens auch – nicht so wahnsinnig erbaut ist, wenn sich wilde schlaksige Halbwüchsige auf sie stürzen, um mit ihr zu spielen. Da kommen dann auch die teilnehmenden und mitfühlenden Fragen nach ihrem Alter. Und wenn ich dann sage, dass sie zwei Jahre alt ist: ungläubiges Staunen. Erst am Sonntag wieder so eine Situation: kleiner, wilder Frenchie rast wie eine Kanonenkugel ohne Umwege auf Lotta zu, will ja ” nur spielen” und Lotta spurtet hinter mich, um sich in Sicherheit zu bringen. Ich erkläre- warum eigentlich? – dass mein Hund solche wilden Spiele nicht so schätzt. Obligatorische Frage nach ihrem Alter und grosse Augen bei der Antwort. Ich sage, dass sie oft älter eingeschätzt wird und die ulkige Antwort: ” Aber das macht doch nichts!” Ja, finde ich eigentlich auch 🙂

  • Antworten Steffi 4. Februar 2018 um 11:52

    Den letzten Absatz finde ich ja wirklich am besten! Vielleicht sollte man das wirklich mal ausprobieren! 😉
    Fremde Menschen wissen immer so viel mehr über den eigene Hund, als man selbst. Boerne wird auch oft für einen uralten Hund gehalten, weil er leicht grau ist. Im Gegensatz dazu wird er dann aber auch ziemlich oft für einen einjährigen Hund gehalten, weil er immer so verspielt rumhüpft, wenn er andere Hunde sieht.

    Aber JUHU, für eine Hündin hat ihn noch niemand gehalten! 😉

    Vielen Dank für den lustigen und gleichzeitig so traurigen Beitrag!

    Viele Grüße
    Steffi

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