Draußen

Der Urlaub der anderen.

10. August 2019

Die Schulferien sind uns egal. Eigentlich. Ich selbst bin ja schon ein paar Jahre aus dem Gröbsten raus und Panini ist zwar sechs Jahre alt und kindisch, aber eine Einschulung scheitert an ihrem Mathematikverständnis. Wer mit dem Lebensmotto „Ein Keks ist kein Keks“ durch die Welt geht, wird in Algebra nie überzeugen.

Aber einmal im Jahr werden für uns die Ferien doch wichtig. Dann nämlich, wenn die beginnen, die alle ehrfürchtig „die Großen“ nennen. Mit den großen Ferien beginnt der Sommer erst so richtig. Es fängt alles damit an, dass überall auf unserer Gassirunde plötzlich Wohnwagen und Caravans auftauchen. Gemeinsam mit den Wohnwagen erscheinen Männer in kurzen Hosen und Badeschlappen, die an den Fahrzeugen herumnesteln. Sie zurren und schieben, sie ziehen und wischen, sie saugen und räumen. Und vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie sie wenige Tage darauf am Gardasee damit weiter machen. Weil irgendwas mit dem Wassertank ist oder die Fahrräder auf der Autobahn Geräusche gemacht haben. Genau genommen beginnt der Sommer also mit nestelnden Männern.

Mit ihnen erscheinen Nachbarn und andere Passanten, die: „Und, wann geht’s los?“ rufen oder die unaufdringlichere Variante, die mit einem Kopfnicken beantwortet werden kann: „Ah, geht’s wieder los!“ Das Tier und ich beobachten diese Aktivitäten mit Interesse und ich träume dann ein bisschen, ich könnte auch in so einem Wagen herumklettern und das Reisekörbchen klar machen. Aber ich bin selbstständig und muss Geld verdienen und wir fahren ohnehin nicht dann in Urlaub, wenn die nestelnden Männer fahren, denn zu ihnen gehören Kinder, die fahren müssen, jetzt in den großen, heiligen Ferien. Jetzt fahren alle und das ist auf der Autobahn kein Spaß. Das Tier ist außerdem ebenfalls selbstständig, zumindest, wenn es gerade auf dem Mäusepfad ist und so haben wir beide zu tun. Wir können nicht einfach so wegfahren.

Ein paar Tage nach dem Auftauchen der Caravans und der Männer ertönt ein nicht hörbarer Startschuss, den dennoch alle wahrnehmen. Vermutlich ist das so ähnlich wie mit der Hundepfeife. Wenn die Große-Ferien-Pfeife aktiviert wird, fahren alle los. Und dann, plötzlich, wird es ruhig in der Stadt. Es gibt Parkplätze, denn dort, wo eben noch die Caravans gestanden haben, ist jetzt Leere. Dann wird es immer sehr heiß, denn in den großen Ferien muss es in Deutschland heiß werden, damit sich diejenigen ärgern können, die für viel Geld nach Spanien geflogen sind, wo es dann noch heißer ist. Früher, als Rudi Carrell noch „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ sang, waren die Daheimgebliebenen angeschmiert und saßen im Regen fest. In Zeiten des Klimawandels brüten wir überall, wenn die Große-Ferien-Pfeife ertönt. Natürlich fahren die Caravans trotzdem an den Gardasee. Aber für mich beginnt mit Panini eine besondere Zeit.

Die große Gassirunde machen wir jetzt morgens, weil es mittags zu heiß ist. Dabei treffen wir ganz andere Leute als sonst und manchmal auch niemanden. Es sind ja alle in Urlaub. Und ich denke an früher. Manchmal kommt es mir vor, als habe meine Kindheit nur im Sommer statt gefunden. In den zwei Wochen, in denen ich mit Eltern und Geschwistern in den großen Ferien war. Im Schwarzwald oder in Bayern. Unsere Ferien waren wahnsinnig uncool, aber doch so schön. Nur dann gab es Freibäder und Pommes und es roch in jeder Minute nach Sommer, sogar, wenn es regnete. Dann trugen wir Friesennerze und fanden es witzig und kreativ, Regenjacken Friesennerze zu nennen. Dabei waren wir nie in Friesland, sondern bestimmt mal wieder in Bayern. Ich nahm 3 Kilo zu, weil wir Vollpension hatten und mittags Kuchen aßen und ich wurde hammermäßig beige von der Sonne. Braun wurde ich nie, obwohl wir damals Lichtschutzfaktor 8 für eine Art Sunblocker hielten, den wir keinesfalls wollten. Trotzdem schmierten wir uns gefühlt zehn Mal am Tag ein, dann eben mit Faktor 3 oder 6. Alle unsere Sachen rochen nach Delial und klebten, das musste so sein im Sommer.

Im Schwimmbad trugen wir alberne Bademützen und alles, was in der Badetasche nicht kräftig genug nach Delial roch, roch nach diesen Bademützen. Und dann etablierten wir Familienwitze, Running Gags, wie sie nur der Urlaub schreiben kann und von ihnen sollten wir die übrigen Monate des Jahres noch zehren und auf Stichwort lachen können.

An all das denke ich, wenn ich morgens mit Panini durch die erstaunlich stille Stadt laufe. Oder durch ein Feld, in dem es summt und brummt und zirpt und zwitschert. Draußen sein. Luft an die Haut lassen. Das ist Leben; so war es, als ich sechs war und so ist es noch heute. Meine Mutter nannte das auch so, „Luft dran lassen“. Sie starb im vergangenen Oktober und jetzt im Sommer denke ich besonders viel an sie und an die Familienwitze und unsere Rituale im Urlaub.

Wenn ich mit dem Tier unterwegs bin, ist es, als wäre ich nie fest angestellt gewesen, als hätte ich nicht unzählige Sommer in Büros hinter Ventilatoren verbracht. Dann ist es, als gäbe es nur zwei Sorten Sommer und die wären einander eng verbunden: Die Sommer meiner Kindheit und die mit dem Brötchen. In denen Luft an alles kommt, weil ich kurze Hosen trage und Flip Flops und vor 8 Uhr früh spazieren gehe, so wie ich noch vor dem Frühstück durch ein Bayerisches Dorf schlenderte, in dem es nach Mist roch, aber auch schon ein bisschen nach den Badmützen, die wir gleich aufsetzen würden. Und am Nachmittag fuhren wir mit irgendeiner Bergbahn auf irgendeinen Berg oder wir wanderten oder wir kauften Postkarten. Natürlich sitze ich am Nachmittag heute am Schreibtisch, aber am Morgen riecht die Luft noch so, als müsste ich am Nachmittag Postkarten kaufen und jemandem schreiben, dass es mir gut geht, weil das Wetter toll ist und es nur einmal ganz kurz genieselt hat. Das Brötchen und ich hatten einen großartigen Sommer. Wir waren beide gesund. Die Hitze war uns egal. Es war ruhig in der Stadt und sie gehörte uns. Noch nie ging es Panini so lange so gut, schon gar nicht im Sommer. Das würde ich gern auf eine Postkarte schreiben. „Es geht uns gut, Panini ist gesund. Ich habe drei Kilo zugenommen, denn wir haben zuhause Vollpension und mittags esse ich Eis. Es nieselt fast nie. Grüße auch von Papa, Mama ist gerade woanders.“

An diesem Wochenende sind sie alle wieder da, die nestelnden Männer. Sie schnallen Fahrräder ab und saugen italienische Strände in deutsche Staubsauger. Sie sind jetzt sehr braun und ihre Flip Flops werden den Herbst nicht überleben. Das Tier schnuppert in die Luft. Italien, Panini, weißt du noch?

Es wird wieder hektisch auf den Straßen und Parkplätze sind so selten wie eh und je. Es ist noch warm und sonnig. Aber die magische Zeit des Sommers ist vorbei.

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11 Kommentare

  • Antworten Jürgen Morath 10. August 2019 um 22:15

    Großartig!

    (Schlägt viele Saiten in mir an, auch traurige … Familienurlaube.)

  • Antworten Socke-nHalterin 11. August 2019 um 6:38

    Ein sehr schöner Text, liebe Heidi.

    Viele Dinge von denen Du schreibst, kenne ich aus meiner Kindheit auch. Ich frage mich, ob die 6 Wochen Sommerferien früher auch so schnell verflogen sind. 6 Wochen hört sich so unendlich lang an.

    Wir haben hier noch zwei Wochen, bevor die Autobahn jeden Morgen vollgestopft ist und wir statt einer guten Stunde wieder eineinhalb Stunden brauchen.
    Aus genau diesem Grund würde ich nie in den Ferien Urlaub machen. Ich fahre dann, wenn die anderen morgens und abends auf der Autobahn im Stau stehen.
    Ich habe zudem das große Glück eine Arbeitgeber zu haben, der darauf besteht, dass ich 30 Tage Urlaub im Jahr habe. Nur ich schaffe das nicht. So schiebe ich 60 Tage Urlaub und über 100 Überstunden vor mir her…..

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

  • Antworten Birgit Jaklitsch 11. August 2019 um 7:39

    Ein sehr schöner Ferientext, liebe Heidi. Ich habe die Tipps überhaupt nicht vermisst. 😉
    Ich setze mich jetzt mit einem Kaffe auf die Terasse und träume ein wenig … wie war das damals eigentlich noch mal ?

    Träumerische Grüße aus Hamburg
    Birgit

  • Antworten Gabi 11. August 2019 um 9:31

    Oh ja so war es bei uns auch früher.. Entweder Österrreich oder Friesland.. Leider haben wir es bis an den Garda See nicht geschafft,der blaue VW hat bei den Serpentinen schlappgemacht und Papa hat umgedreht.. Das sind Erinnerungen an schwimmen lernen, echte friesische Heubutter, stundenlanges Stehen auf der Tauernautobahn, auf Almhütten kraxeln, Mini Golf spielen.. und was waren wir stolz schon in Urlaub fahren zu können. Viele konnten es sich noch nicht “leisten” damals vor 50 Jahren aus unserem Dorf. Wir mussten dann immer erzählen wie es “woanders” ist . Da fällt mir ein , ich könnte doch mal die Dia´s hervorholen . Das war damals wie Urlaubsnachlese, alle Filme entwickeln, Fotos schneiden, in Rähmchen (aber nur die Guten :-)) einlegen und hinterher alle Nicht Mitfahrer zu einem Dia abend einladen. Ja,ich werde alt weil “früher war alles schöner” .. In diesem Sinne habt alle einen sonnigen Sonntag, wir gehen dann mal gassieren..

  • Antworten Anja& Lotta 11. August 2019 um 10:32

    So ein schöner Text! Ja, früher waren die Sommer länger und die Erinnerungen sind immer noch präsent. Ich kann auch gerade nicht verreisen, aber da alle andren das getan haben, ist es auch wie Urlaub gewesen. Keine aufheulenden Motoren um sechs Uhr früh, weniger Partys und weniger gestresste Menschen ( und Hunde) auf unseren Gassiwegen. Früh um 7 war die Welt für sechs Wochen halbwegs in Ordnung ( man durfte nur nicht so genau die verdurstenden Bäume
    zählen) und wir haben es wirklich genossen. Alles war ein bisschen friedlicher und freier. Wirklich schade, dass man das nicht immer haben kann, aber dann wäre es ja nichts Besonderes mehr.

  • Antworten Simone & Alva 11. August 2019 um 19:36

    Ein wunderbarer Text, der die Stimmung eines Sommers sehr schön wiedergibt! Auch ich finde, dass ‚die großen Ferien‘ immer eine ganz besondere Zeit sind: Alles wird stiller und gemächlicher, es gibt mehr Platz und weniger Menschen (und weniger Hunde ;-)). Das genießen meine Hündin und ich sehr. Schade, dass die Zeit einer erst so ewig vorkommt und dann so schnell vorbei ist (aber hier in Ba-Wü haben die Kinder zum Glück noch bis zum 8.9. Ferien!).
    Liebe Heidi, liebe Panini, ich wünsche Euch noch viele entspannte und gesunde Sommer!

  • Antworten Larissa 12. August 2019 um 12:31

    Wunderschön geschrieben – zum Schmunzeln und Nachdenklich werden gleichzeitig!

  • Antworten Oliver 13. August 2019 um 15:03

    Ein wunderschön fließender Text aber jetzt hab ich den Geruch dieser rautenförmig genoppten Badekappen in der Nase. Danke, danke! Sozusagen ein “Nasenwurm”.

  • Antworten Sibylle 13. August 2019 um 21:55

    Schnief, so ein schöner Ende-des-Sommers-Text.

  • Antworten Jutta 15. August 2019 um 11:40

    Ich liebe deine Beiträge!
    Oft hebe ich mir das Lesen auf für einen besonderen Moment.
    Ein bischen sind ist das Lesen deiner Beiträge wie meine Spaziergänge mit den Schmuseschnuten: Egal wie gut oder auch wie schlecht es mir vorher ging – hinterher geht es mir immer besser!

    Herzbewegte Grüsse, Jutta

  • Antworten Diana | Lucina Ätherische Öle 15. August 2019 um 14:32

    Wie schön das geschrieben ist. Hach.

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