Drinnen

Das Tier macht Geräusche.

23. Februar 2018

Das Tier brümmelt. Das macht es immer, wenn es Liebe braucht. Manchmal püpelt es auch. Oder es fiepelt. Je nach dem. Das Brötchen liegt üblicherweise neben meinem Schreibtisch in seinem Körbchen und pooft – die beste Ausgangslage für mich, um in Ruhe arbeiten zu können. Manchmal bekommt es allerdings einen jähen Zuneigungsbedarfsanfall. Es wird plötzlich überhundet von einem dringenden Bedürfnis nach Liebe. Und das muss unbedingt gestillt werden. Jetzt und sofort. Dann beginnt es zu brümmeln.

Am Anfang klingt es, wie ein leises Magenknurren. Ein kaum hörbares Brummen. Ich höre es allerdings sofort und rolle innerlich mit den Augen. Ich weiß ja, was jetzt kommt. Das Geräusch kehrt in regelmäßigen Abständen wieder und wird dabei immer lauter. Mal ist es ein tiefes, langgezogenes Brummen, mal ein beinah atemlos verzweifeltes Ächzen. Gelegentlich geht dieses Brümmeln dann ins Püpeln über, eine Mischform aus Brümmeln und Fiepeln. Die Klangfarbe wird heller, der Ton höher, aber dann kippt es wieder ins Tiefe. Wenn ich all das ignoriere, hilft nur noch Fiepeln, ein helles Geräusch, das herzzerreißend klingt, so als sei das Tier irgendwo eingeklemmt, auf jeden Fall in einer akuten Notlage.

Ich kann bei all diesen Geräuschen keinen klaren Gedanken mehr fassen. In der Regel entscheide ich mich dann zwischen drei Optionen. 1. Ich werde barsch und sage mit gewollt autoritärer Stimme: Nein, ich kann jetzt nicht! Das kostet mich meist einige Überwindung, denn das Tier will ja nur Liebe und wer wollte das nicht verstehen? 2. Ich sehe zum Tier, runzle die Stirn und lege den Zeigefinger vor die Lippen. Das ist insbesondere dann von Nöten, wenn ich gerade in einem Telefongespräch bin, schließlich würde es bei meinen Kunden sicher nicht auf Verständnis stoßen, wenn ich sie über die Farben und Formen des Brümmelns oder Püpelns aufklären müsste. Wenn das Tier solcherart zum Schweigen gebracht wird, legt es sein Kinn irgendwo drauf, weil es sicher weiß, dass es am bedeutsamsten und mitleiderregendsten aussieht, wenn das Kinn leicht erhöht ist.

Die dritte Option ist dem Tier natürlich am liebsten. Bei der beschließe ich, dass ich gerade 5 Minuten Zeit habe und begebe mich zum Körbchen. Hundetrainer halten jetzt sicher augenblicklich die Luft an vor Entsetzen, denn hiermit hat mein Hund mit seiner Aufforderung Erfolg und alles, womit der Hund Erfolg hat, ist die Vorstufe zur Weltherrschaft des Tieres. Zum Glück wissen das aber nur die Hundetrainer, meinem Hund ist es vollkommen entgangen, so dass die Welt noch immer überwiegend von psychisch Verhaltensauffälligen und rassistisch oder religiös Verstrahlten regiert wird anstatt von liebebedürftigen Hunden. So nehme ich es also ohne weitere Besorgnis hin, dass mir das Brötchen jetzt seinen Bauch hinstreckt, der vor allem im Sommer sehr rosa und nur spärlich von Haaren besiedelt ist und ich darf den Bauch ein bisschen schubbern, bis die angetrockneten Dreckspritzer zur Seite fliegen und die Brötchenunterseite ganz sauber wird. Manchmal will Panini aber gar nicht geschubbert werden, sondern nur eine Duftprobe nehmen. Dann bohrt sich ihre kleine Gumminase an meinen Hals oder unter meine Achsel und sie schnüffelt bedächtig als habe man ihr einen dieser weißen Parfümerie-Schnibbel mit Probeduft unter die Nase gehalten. Wenn sie genug Menschengeruch eingesogen hat, legt sie ihren plüschigen Kopf auf mein Gesicht und drückt meine Nase ein. „If krüge küne Lft mr!“ sage ich dann und bevor ich erstickt bin, hat das Tier ein Einsehen und lässt sich seufzend zur Seite fallen.

Gelegentlich brümmelt das Tier auch nachts. Das ist dann natürlich praktisch. Die wenigsten Menschen würden es als „praktisch“ bezeichnen, wenn man sie nachts um 4 Uhr weckt, aber dann lässt sich der Zuneigungsbedarfsanfall einfach am unkompliziertesten bewältigen. Seit einiger Zeit schläft das Tier im Bett, was keine Folgen hat, da es ja, wie bereits erwähnt, die wichtigsten Vorstufen zur Weltherrschaft buchstäblich verschläft. Das Tier liegt also neben mir und beginnt zu brümmeln. Ich muss dann einfach nur den Arm um das Brötchen legen, was sich in Folge dessen zu einem Bagel zusammenrollt und wieder einschläft. Und auch ich schlafe weiter, wenn auch uneingerollt. Morgens schmerzt dann gelegentlich die Schulter, aber was will man machen? Man kann doch einen Hund nicht einfach brümmeln lassen!

Viele weitere Panini-Geschichten gibt es jetzt auch im E-Book “Ein Hund namens Brötchen”

Das war interessant? Merk dir diesen Beitrag doch bei Pinterest:

MerkenMerken

Das könnte dich auch interessieren

5 Kommentare

  • Antworten Sophia 23. Februar 2018 um 14:31

    Ach, ein Seufzer geht über meine Lippen. Wie immer toll geschrieben und so bildlich!

    <3

  • Antworten Weib Yvonne 23. Februar 2018 um 18:23

    Haaaach, ich finde Deine Beschreibung zu köstlich(und sie trifft sehr genau auf die von 2 eigenen und mindestens 2 Tageshunden besiedelte Wohnlandschaft um mich herum zu <3 ). Vielen Dank für diese vorwochenendliche Schmunzelzeit und noch fröhliches Bekuscheln/Schubbern und Beschnüffeln lassen!

  • Antworten Silke 25. Februar 2018 um 10:16

    Ach herrlich! Gleich mal auf vawidoo geteilt. Ja, ich kenne auch diese Geräusche. Und du hast das so witzig und liebevoll geschrieben. Toll!

    Wobei unsere EN Bulldoggen eher körperlich Zuneigung einfordern: er schiebt sich wie ein Wal auf meinen Schoß), beide parken rückwärts ein und verdrängen keilförmig den anderen, sie winkt, um Aufmerksamkeit zu kriegen. Erst mit einer Pfote, dann irgendwann aus der Männchenposition mit beiden. Fällt das nicht genug auf, dreht sie sich zwischendurch im Kreis.

  • Antworten Anja 25. Februar 2018 um 10:31

    Das ist so süß und gleichzeitig so lustig beschrieben! Endlich hat mal jemand die richtigen Worte er-/ge- funden, um diese ulkigen Geräusche lautmalerisch zu umschreiben, die Hunde so von sich geben, wenn sie Kontakt suchen. Bei uns wird nämlich auch ganz viel gebrümmelt und ganz schlimm gefiepelt, v.a. wenn die komische Zweibeinerin wieder viel zu viel Zeit mit andren Tätigkeiten verbringt. Danke dafür und dass ich grad so lachen durfte! Schönes Wochenende noch! : ) Anja

  • Antworten Loui 15. März 2018 um 14:52

    Ihre Texte sind sehr berührend und wunderschön geschrieben. Ich habe immer eine Freude etwas zu Lesen, das zugleich so herzlich, so wahr und stilistisch so ausgereift ist!

  • Hinterlasse einen Kommentar