Draußen

Arbeit am inneren Welpen.

24. Mai 2020
Panini und der Respekt

Es war ein Satz wie Donnerhall. Panini und ich streifen durch die Wege an den Schrebergärten, als uns zwei junge Joggerinnen entgegenkommen. Sie machen eine kleine Gehpause und halten einen Plausch. Auf unserer Höhe angekommen deutet eine von ihnen auf das Brötchen und sagt: „Vor dem hätte nicht mal ich Angst!“. Als wir wieder zuhause sind, sehe ich mein Tier lange an. „Panini“, sage ich zu meinem ungeheuer verständigen und klugen Hund, „wir haben keinerlei Street Credibility. Wir müssen dringend an unserem Image arbeiten.“ Panini nickt. Vielleicht hat sie auch nur einen heruntergefallenen Sonnenblumenkern entdeckt und senkt deshalb das Kinn, so ganz sicher kann man das nicht sagen.

Es stimmt tatsächlich – niemand weicht respektvoll zur Seite, wenn wir kommen. Gerade derzeit wäre das ja auch mal praktisch. Jeder fasst Panini bedenkenlos an, man hält uns für zahnlose Tiger. „Es liegt an deinem Mindset“, sage ich. „Da ist noch immer diese Verletzlichkeit deines inneren Welpen, du möchtest von allen gemocht werden. Aber du kannst es nicht allen recht machen!“ Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, füge ich schnell hinzu: „Es genügt, wenn du es mir recht machst!“. Mein Hund hat sich derweil in sein Körbchen zurückgezogen, der Mittagssnack will verdaut werden. Das ist ganz günstig, so kann ich problemlos weiter mit ihr über unser Standing im Viertel sprechen. „Du musst Italien endlich hinter dir lassen, deinen Migrationshintergrund als Stärke verstehen, nicht als Makel.“ Das Tier schließt die Augen. Ich habe Verständnis. Es ist ja nicht allein ihre Schuld. Auch ich habe ja nicht einmal ein Tattoo oder ein Piercing, was respekteinflößend wirken könnte. Und dann habe ich ihr auch noch diesen Namen gegeben, der so kindlich und niedlich wirkt. Ich hätte ihr vielleicht einen erwachsenen, noblen Namen geben müssen, einen den auch ein Weimaraner mit Würde tragen könnte. Vielleicht wäre Penthesilea ganz günstig gewesen. Aber wie ich mich kenne, würde ich bald eine Abkürzung verwenden und es wäre nicht etwa „Lea“ sondern „Penthilchen“ oder etwas Dämliches in der Art.

Und an mir selbst ist auch nichts besonders nobel. Ich müsste vielleicht mehr Reithosen tragen. Ich meine nicht die so benannte Fettansammlung an Hüften und Oberschenkeln, nein, die echten. In Filmen tragen respektable Frauen mit Hunden immer Reithosen. Und dann sagen sie: „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, ich habe zu tun.“ Ich habe auch zu tun, aber das glaubt keiner, weil ich eine indische Haremshose von ebay trage. Reithosen wären viel besser. Ich habe noch einen Schal von Barbour, aber für den ist es jetzt zu warm. Und Perlenohrstecker habe ich auch noch. Aber die sind nicht augenfällig genug für Passanten.

Panini kratzt sich. „Guck doch mal ein bisschen reinrassig!“ sage ich. Das könnte vielleicht helfen. Panini hält die Augen allerdings weiterhin geschlossen. Ich könnte meine Hündin vielleicht als Angehörige einer alten ägyptischen Tempelhundrasse ausgeben. Aber auch das würde mal wieder keiner glauben. „Bist du eigentlich Arbeitslinie oder Showlinie?“ frage ich, aber mein Hund ist gerade mehr ein Bagel und keine Linie. Sie könnte einen Maulkorb tragen, das wäre vielleicht hilfreich, auch für mich. Sie würde nicht mehr so viel Sachen fressen und man würde uns voller Respekt begegnen. Jetzt setzt sich das Tier auf, entrüstet wie mir scheint. Panini sieht mich an. Ja, ich muss zugeben, sie hat ja bereits hart an ihrer Selbstwirksamkeit gearbeitet. Auf Wedeln folgt Streicheln, das funktioniert ganz in ihrem Sinn. Wild und gefährlich, stolz und edel wollte sie nie sein. Ich bin ja im Grunde froh, dass sie nicht Penthesilea heißt. Wenn Kinder fragen, ob sie Panini streicheln dürfen, kann ich bedenkenlos „ja“ sagen. Dann bin ich stolz auf meinen Hund. Auf ihr nobles Wesen, ihre liebreizende Art, und nette Optik, die die Natur ganz ohne die Kriterien einer Linie so wunderbar hinbekommen hat. Dafür kann man uns dann auch gern mal für harmlos halten.

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2 Kommentare

  • Antworten Christiane 24. Mai 2020 um 21:01

    Hallo Heidi,
    Ich lerne gerade das mein Hund mich spiegelt und arbeite daran Dr Franz Spitzer sagt man bekommt nicht den Hund den man möchte sondern den den man braucht.
    Glg von Christiane und Jamie ❤️
    Hoffe euch geht es sonst gut .🍀

  • Antworten Cornelia Braun 1. August 2020 um 19:44

    Genial und super witzig geschrieben. Das “No Respect”-Verhalten kenne ich auch-liegt aber wohl eher an den “Null Bewusstsein-Menschen”:-)

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