Draußen

Panini und der wilde Molly.

17. September 2016

Hundeerziehung ist per se schon nicht einfach. Richtig schwierig wird sie aber, wenn man dabei Zuschauer, schlimmer noch, Ratgeber hat.

Panini und ich hatten heute eine Meinungsverschiedenheit, die ich mit einer Erziehungsmaßnahme auszuräumen gedachte. Bei unserem bis dahin harmonischen gemeinschaftlichen Spaziergang waren wir uns plötzlich über die Richtung uneins. An dieser Stelle sind wir uns immer uneins. Sie möchte nach rechts, ich nach links.

Damit das Tier nicht in der Illusion lebt, nach rechts ginge es auf schnellstem Wege zum Paradies, einem Ort voller Mauselöcher und Hähnchenlebercreme, sind wir früher auch schon öfter rechts abgebogen. Es ist dort eigentlich wie überall. Und trotzdem. An dieser Stelle möchte das Tier nach rechts. Zu aller Not auch gradeaus. Keinesfalls aber links. Dabei ist es nicht schlimm links. Wir gehen dort oft. Es kam links auch nie zu einem schauerlichen Zwischenfall. Und dennoch verhält sich das Tier, als bedeutete ein Abbiegen nach links das Armageddon.

Da ich heute etwas Zeit hatte, dachte ich: Nun gut, dann sitze ich das aus. Wir bleiben jetzt hier stehen und gehen erst weiter, wenn das Tier freiwillig mit mir nach links abdreht. Ohne Ziehen und Zerren. Ich hatte an etwa 10 Minuten gedacht. An was das Tier dachte, weiß ich nicht, aber ich wünschte, ich könnte in diesen kleinen plüschigen Kopf schauen. Es wäre vielleicht spannend, jetzt unsere Wartezeit in allen aufregenden Details schildern, aber ich mache es kurz. Wir standen 35 Minuten lang auf einem Fleck, ohne dass das Tier zu einem Richtungsumschwung zu bewegen war. Die meiste Zeit ignorierte ich sie und schaute in die Richtung, in die ich gehen wollte. Wenn sie zu mir sah (was nur selten vorkam), lobte und lockte ich sie. Es half absolut nichts. Schlimmer noch, ich bemerkte irgendwann, dass mein Experiment Panini in Stress versetzte. Wenn sie sich setzen wollte, forderte ich sie zum Aufstehen auf, was sie jeweils sofort tat. Ich wollte nicht, dass sie es sich gemütlich machte, während ich ja weiter gehen wollte. Sie hörte auf mich wie eine eins. Beim Aufstehen. Nicht aber bei der Aufforderung, mit mir zu kommen.

Sie stand da, schaute in „ihre“ Richtung und ihre Rute war lange Zeit gebogen und eingeklemmt. Das ist sie sehr sehr selten. Mein Tier hatte Angst. Sie ließ sich mit einer Leckerchensuche nicht mehr ablenken, auch das ist ungewöhnlich. Irgendwann bekam sie einen regelrechten Niesanfall und ich beschloss, dass es nun genug wäre. Keinesfalls wollte ich mein Tier länger einer stressigen Situation aussetzen. Immerhin weiß ich nun, dass es sich nicht um einen „Machtkampf“ handelte. Panini war beunruhigt und vielleicht gab es auf unserer Strecke irgendwann einmal etwas, was sie erschreckt hat oder ihr weh tat und ich habe es nicht bemerkt. Wir müssen diese Stelle irgendwie anders und auf jeden Fall positiv überwinden statt mit unangenehmem Warten.

Als ich gerade abbrechen wollte, kam eine Frau zu uns, die mir berichtete, das Niesen käme ja meist von den Grannen im Feld. Nein, hier nicht, sagte ich. Oh, das ist aber ein hübscher Terrier! Sagte die Frau. Panini wird öfter für einen Terrier-Mischling gehalten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen in ihren Genen hat, ist recht gering. Zum einen kenne ich praktisch keine typische Terrier-Eigenschaft, die auf sie zutrifft, zum anderen gibt es etliche Hunderassen, die ein Terrier-Bärtchen tragen wie sie, insbesondere der Segugio a pelo duro kommt hier in Frage. Der Segugio ist bei uns relativ selten, in Paninis Herkunftsland Italien aber ein sehr gängiger Hund. Natürlich kenne ich Paninis Stammbaum nicht, aber dass sie Segugio-Blut hat, das ist bombensicher. Sowohl ihr Erscheinungsbild als auch eigentlich alle typischen Eigenschaften des Segugio weisen darauf hin. Ein Terrier ist das wohl nicht, sage ich. So, was dann? Sagt die Frau mit diesem speziellen Unterton, der deutlich macht, dass es keine Antwort der Welt gäbe, die sie davon abbringen könnte, hier einen waschechten Terrier vor sich zu haben. Segugio? Das hab ich ja noch nie gehört! Auch das ist eine Reaktion die ich bereits kenne. Vor allem von Menschen, die offensichtlich für sich beanspruchen, alle der 360 offiziell anerkannten Hunderassen aus dem FF zu kennen. Und die nicht anerkannten sowieso.

Die Dame erwartet irgendwie eine Erklärung für unser seltsames Herumstehen wie mir scheint und so sage ich: Wir haben gerade eine Meinungsverschiedenheit bezüglich des weiteren Weges. Oha! Sagt die Dame. Da müssen Sie unbedingt durchgreifen. Wie alt ist denn der Hund? Dreieinhalb, sage ich. Ganz typisch! Sagt die Dame. Mit drei erwacht der Jagdtrieb und dann sind sie nicht mehr zu halten. Sie müssen jetzt aufpassen, dass die ihnen hier nicht den wilden Molly macht! Naja. Ich lächle, um einer weiteren Diskussion aus dem Weg zu gehen. Panini schaut von uns weg. Die dominiert sie und macht ihnen hier den Molly! Die Dame schien jetzt ernsthaft besorgt.

Ich weiß nicht, wer oder was der Molly ist. Und wie man ihn macht. Und dann auch noch mir. Aber Panini machte schon mal nichts. Sie stand da und wollte weg. Nach rechts. Und ich konnte sie verstehen. Ich wollte auch weg. Nur eben nach links. Machte ich vielleicht auch gerade den Molly und wusste es gar nicht? Ich hatte auch mal zwei Terrier, fuhr die Frau fort. Parson Russell. Der eine war auch noch ein Alpha-Hund! Ich hab die dann von klein auf auf Fleischwurststückchen dressiert. Ich hatte sonst–gar–kei–ne–Chance! Vielleicht wäre es noch interessant gewesen zu hören, wie sie denn gemerkt hat, dass es sich bei ihrem Hund um einen „Alpha-Hund“ gehandelt hat. Aber ich wollte nicht, dass Panini und ich hier weiter den Molly machten. Oder der Molly etwas mit uns machte. Ich wollte, dass der Hund sich endlich entspannte und wir nach Hause gehen konnten. Ich wartete, bis die Frau gegangen war, die mir nochmal eindringlich nahelegte, mich nicht dominieren zu lassen und dann zog ich Panini an der Leine zu mir. Für die ersten mühsamen Schritte in meine Richtung gab es Lob und Kekse und dann gingen wir weiter als sei nichts geschehen.

Diese und viele weitere Panini-Geschichten gibt es jetzt auch im E-Book “Ein Hund namens Brötchen”

Das könnte dich auch interessieren

2 Kommentare

  • Antworten Regina 17. September 2016 um 20:09

    Der Ausbilder in mir sagt, beim nächsten Mal solltest Du Dich auf die andere Seite von ihr stellen.
    Vorher darf sie sich setzen, damit sie nicht weiter in ” Ihre” Richtung gehen kann. Wenn Du rechts neben ihr stehst, nimm sie mit nach Links.
    Hunde mit Angst muss man schon mal “abholen” , das ziehen an der Leine kann man so geschickt umgehen und noch dazu dem Hund sagen: Ich bin ganz nah bei Dir!
    Als unbescholtener Leser würde ich sagen: Nette Geschichte, nur schade, dass noch so viele Alpha-Quatsch-Meinungen existieren.
    Du bist jedenfalls ein prima Frauchen!

  • Antworten Heidi 17. September 2016 um 20:44

    Ich hab das ganz am Anfang schon mal versucht, aber vielleicht hab ich was falsch gemacht. Es ist gar nicht so einfach, rechts von ihr hin zu kommen, weil sie nach rechts zieht wie Bolle. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie da Angst haben könnte, es ist total vertrautes, sehr unspektakuläres Terrain und wenn ich sie ziehe, ist das Problem auch in 5 Sekunden erledigt. Aber ich will sie natürlich langfristig nicht ziehen.
    Mich verblüfft so ein Alpha-Zeug immer wieder. Panini ist aus naheliegenden Gründen noch schlecht erzogen und vergisst oft so einiges um sich herum, aber ich stelle immer wieder fest, wie absurd solche Kategorien wie “dominieren” sind. Panini will einfach nur in Frieden leben und unangenehmen Sachen ausweichen. Das letzte, was sie will, ist Ärger mit mir, das findet sie schrecklich. Aber danke für das Kompliment!

  • Hinterlasse einen Kommentar