Drinnen

Trauern für Anfänger

28. Januar 2024

Trauer ist bekloppt. Sie lässt sich nicht einfangen, nicht kontrollieren, nicht vorhersehen. Man muss sie nehmen, wie sie kommt. Vor 25 Tagen ist mein Brötchen gegangen und ich kann nicht sagen, dass ich mich in einem Leben ohne sie zuhause fühle. Es ist immer noch so, als wäre ich hier nur zu Gast, könnte bald zurück und alles wäre wieder gut. Dabei wäre beides schön – zurückkehren und neu anfangen. Und das sind widerstreitende Gefühle. Alles soll so bleiben, Panini soll bleiben. Das Hundebett soll nicht weg, die Geschirre sollen an der kleinen Hundegarderobe hängen bleiben, die Hundemäntel sollen für immer mit ihren Haaren bestückt sein. Ihr Geruch soll nie aus dem soften Hundepullover weichen. Wie furchtbar wäre es, wenn ich vergessen würde, wie sie sich angefühlt hat, wie es klang, wenn sie Geräusche machte, wenn ich ihren Blick nicht mehr vor mir sehen würde. Alles soll bleiben. Aber ich weiß, dass das nicht geht. Mehr noch: Ich wünsche mir, dass ich mich wieder wohl fühle in meinem Leben. Freiheiten genieße, Dinge plane, die mit ihr nicht möglich waren. Ich will, dass es nicht mehr so weh tut. Aber so ist das mit der Trauer. Man kann sie nicht vorspulen.

Eine totale Anfängerin bin ich nicht, ich musste schon öfter Abschied nehmen. Aber nie von jemandem, der bis zuletzt mit mir zusammengelebt hat, ein Teil meines Alltags war. Und den ich so unmittelbar kopflos lieb gehabt habe wie Panini. Sie war überall und so verliere ich sie jeden Tag neu. Wenn ich aus dem Bett aufstehe und nicht mehr als erstes auf die kleine Treppe trete, die ihr ermöglichte, ins Bett zu kommen. Wenn ich auf dem Weg in die Küche einen kleinen, tausendfach eingeübten Schlenker um den Wassernapf mache, der dort gar nicht mehr steht. Wenn ich zwei Frühstückseier aus der Packung nehme und eines wieder zurücklegen muss. Wenn ich die Wohnung verlasse, ohne “Ich bin gleich wieder zurück!” zu rufen. Wenn ich nach Einbruch der Dunkelheit die Wohnung verlasse und das Licht in der Wohnung nach kurzem Zögern vollständig lösche. Wenn ich abends die Zähne putze und mein Blick unten auf den Türspalt des Badezimmers fällt, durch den sich so oft erst ein Ohr und dann ein ganzer Hundekopf drängelte, um nach mir zu sehen. Jedes Mal, jedes Mal verliere ich sie wieder aufs Neue, weil sie gerade in diesen Momenten wieder da war und sei es nur für eine Sekunde. Es gibt unzählige davon. Am Schwierigsten ist aber noch immer die Dämmerung, in der wir Abschied nahmen. Beinahe jeden Tag nehme ich in dieser Stunde erneut Abschied. Ich kann nur auf das Frühjahr hoffen – auf mehr Licht und darauf, dass es später dunkel wird. Vielleicht hilft das.

Allmählich sind fast alle Rückerstattungen von Retouren eingetroffen, Versicherungen und das Steueramt zweigen letzte Gebühren ab, weil man natürlich nur zum 15. eines Monats kündigen kann, nicht zum 3. Dann behaltet das Geld eben, arme notleidende Institutionen. Tasso findet, ich sollte mir einen neuen Hund über die Tasso-Vermittlung Shelta holen und das deutsche Haustierregister, das inzwischen “Findefix” heißt, schickt mir eine beachtliche, sehr schön geschriebene Kondolenzkarte. Noch immer habe ich nicht auf alle großartigen, liebevollen und empathischen Nachrichten geantwortet, die mich per Mail, Whats App oder in den Sozialen Medien erreicht haben. Das soll aber noch kommen. Bei Facebook werde ich mit Trauerschrott überflutet, weil ich nach einer Urne gesucht habe. Für meinen Geschmack gibt es nur einen Anbieter, der überhaupt ansehnliche Modelle hat. Panini und ich waren nie die Typen für Gold und Schnörkel. Und wenn ich eines nicht vermisse, dann sind es Pfotenmuster. Doch die zuerst bestellte war zu klein. Die zweite passt und ist sehr schön. Paninis Asche steht jetzt neben einem Bild, auf dem unsere vor zwei Jahren verstorbene Nachbarin als Kind zu sehen ist. Panini und sie waren Freundinnen. Die Algorithmen wissen inzwischen, dass mein Tier gestorben ist und zeigen mir allerlei hässlichen Mist. Ich soll Asche um den Hals tragen, meinen Hund auf Kissen und Tassen drucken lassen, Regenbogenbilder mit Schreibschrift bestellen, Plastikengel in den Garten setzen, Schlüsselanhänger mit Pfotenabdrucken herstellen und Gemälde aus Fotos fertigen lassen. Warum irgendeine China-Scheußlichkeit meine Trauer mindern soll, ist mir ein Rätsel. Manche Dinge ärgern mich regelrecht, hinter jeder traurigen älteren Dame steht ein Ferengi, der sich die Hände reibt. Besonders perfide finde ich ein “personalisiertes Foto-Kissen” mit dem Aufdruck “Knuddel mich, wenn ich dir fehle”. Ich weiß, alles, was hilft, ist in Ordnung, aber mir stellen sich die Nackenhaare auf. Ich bin gespannt, wann der Trauer-Schrott wieder aus meinen Timelines verschwindet.

Ich lese Bücher über den Verlust von Haustieren und das zeigt mir einmal mehr, wie persönlich und unterschiedlich Menschen trauern. Ein Ehepaar, so lese ich, hat seine Eheringe mit dem Hund begraben, um ewige Verbundenheit zu zeigen. Wow. Es tut gut, von anderen Geschichten zu lesen, aber nicht uneingeschränkt. In der Woche von Paninis Tod berichteten mir einige Menschen von ihren Erfahrungen mit verstorbenen Tieren in traumatisierter Ausführlichkeit. Ich war überhaupt nicht aufnahmefähig für die Trauer anderer, wie auch. Für mich fühlte es sich an, als kämen alle bei mir vorbei, um ihre toten Tiere in meinem Wohnzimmer abzuladen, in dem ich ja bereits sinnbildlich mit meinem eigenen saß. Ich war sehr erleichtert, zu lesen, dass ich mit meiner Überforderung nicht allein war. In ihrem sehr lesenswerten Buch “Abschied vom geliebten Hund” schreibt Elli Radinger: “Wenn ich mitten in der Trauer stecke und gerade versuche, meine Gefühle und meine neue Situation zu verarbeiten, will ich nicht hören, was andere Menschen durchgemacht haben – und mich möglicherweise dann auch noch verpflichtet fühlen, sie zu trösten.” Wenn es nicht für alle Beteiligten so traurig wäre, wäre es fast schon lustig, dass Menschen denken, Sätze wie: “Ich habe ein Jahr lang jeden Tag geweint” wären bestens geeignet, jemandem mit einem ganz frischen Trauerfall Mut zuzusprechen.

Bald habe ich den ersten Monat geschafft. Ist es schon viel? Oder erst ein winziger Schritt auf dem Weg zur Besserung? Viele Hundeleute aus dem Viertel treffe ich nun nicht mehr. Ob uns jemand vermisst? Ich bin jetzt nicht mehr “die Frau mit dem Hund”. Oder doch? “Nichts ist besser als ein Hund, wenn man in Erfahrung bringen will, wer man ist – und wozu man imstande ist”, schreibt Elli Radinger. Wie gut, wie richtig. Vom Anfang bis zum Ende. In Dankbarkeit und Liebe.

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6 Kommentare

  • Antworten Martina 28. Januar 2024 um 18:47

    „Alles soll so bleiben.“ Das wird es natürlich nicht. Aber es wird erst dann nicht mehr so sein, wenn es für dich stimmt. Könnte das vielleicht ein Trost sein, ein kleiner?

    • Antworten Heidi 29. Januar 2024 um 12:21

      Ich weiß nicht. Es ist zu komisch, dass man fürchtet, etwas zu verlieren, was man schon verloren hat, anstatt sich auf das zu konzentrieren, was man nicht verlieren kann. Aber wahrscheinlich gehört das zum Trauern dazu.

  • Antworten Elli 29. Januar 2024 um 8:22

    Was für ein schöne Ehrenplatz für die Nachbarin neben Panini! So sind sich die Freundinnen auch weiterhin nahe.
    Alles Liebe
    Elli

  • Antworten Maike 1. Februar 2024 um 15:13

    Liebe Heidi,
    es gibt keine Worte die Dich trösten können, Traurigkeit und Tränen kommen wie Wellen und schwappen mal mehr oder weniger in Dein Leben ohne Panini…ich wünsche Dir viel Kraft liebe Heidi.

  • Antworten SYLVIA 7. Februar 2024 um 22:31

    Liebe Heidi, ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie klar beobachtend und zugleich mit deinen Gefühlen verbunden du mit Worten übermitteln kannst, was du gerade erlebst. Seit ich meine Hündin Alina an meiner Seite habe, begreife ich erstmals, was es bedeutet, dass Hunde und Katzen quasi im Zeitraffer leben… wir ihnen beim Älterwerden zuschauen können… und wie kostbar dieses schneller ablaufende Leben auch dadurch für mich wird. Ich fürchte mich immer wieder, wie das für mich sein wird, wenn sie einmal nicht mehr da ist… weil ich sie so liebe. Und wenn ich dich lese, dann fühle ich mich dir verbunden, weil deine Bilder und Worte mir die Verbindung von Liebender zu Liebender ermöghlichen. All die Absurditäten nach dem Tod habe ich auch nach dem Sterben meiner Eltern so beobachtet… Als meine Mutter gestorben war, habe ich einen Brief von einer Astrologin an sie bekommen, in dem sie ihr ein erfreuliches Lebensjahr voraussagte. Ich hab ihr damals geantwortet, dass ihre prophetischen Kräfte nicht sonderlich ausgeprägt sein dürften… Der längeren und herummäandernden Worte meinerseits kannst du hoffentlich entnehmen, dass ich dir dafür dankbar bin, dass du dein Pannini so geliebt hast, obwohl du dir einen Lauf-Hund gewünscht hattest… und dass ich deinem trauernden Herzen wünsche, dass es sich in seiner Zeit daran gewöhnt, dass ihm die Ungeheuerlichkeit dieses Verlustes zugemuten wird. Wenn wir hier sind, um lieben zu lernen, dann hast du in diesen Jahren ganz viel Liebe in diese Welt gebracht… und wenn ich deinen Bericht über Librela lese, dann weiß ich, dass du dich weiter dafür einsetzst, dass andere HundehalterInnen nicht aus Fehlinformiertheit ihren Wauzis Schaden zufügen (lassen). Da weht schon wieder Sinn-des-Lebens zu mir rüber. Alles Liebe <3

    • Antworten Heidi 9. Februar 2024 um 17:54

      Liebe Sylvia, dein Kommentar hat mich sehr berührt und nachdenklich gemacht. Danke dafür!

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