Drinnen

Dein Hund, das unbekannte Wesen.

31. Mai 2015

Vor genau einem halben Jahr zog ein Tier bei mir ein, von dem ich fast nichts wusste. Nichts über sein Vorleben, seine Herkunft, seine Verletzungen oder Krankheiten. Aber auch fast nichts über sein Wesen, seine Empfindlichkeiten oder Ängste und Unverträglichkeiten. Ich habe ein Lebewesen zu mir genommen, um bei ihm zu bleiben bis dass der Tod uns scheidet, ohne wirklich zu wissen, wer da bei mir einzieht. Es ist ein bisschen, als hätten meine Eltern meinen Ehemann für mich ausgesucht. Die Liebe kommt ja dann mit der Zeit.

Verliebt habe ich mich allerdings sofort und mein Gefühl sagte mir, dass dies ein durch und durch liebenswertes Tier ist. Aber was sagen in so einem Zusammenhang schon Gefühle? Panini schien mich auch zu lieben, worauf ich mir nichts einbilden muss. Es sah so aus, als würde Panini alle Menschen lieben.

Damals habe ich mich gefragt, wie lange es wohl dauern würde, bis der Hund verstehen würde, dass er jetzt hier zuhause ist. Bis er „angekommen“ ist, wie es so schön heißt. „Ein halbes Jahr“, sagten mir viele, die mit Tierschutzhunden Erfahrung haben. Dieses halbe Jahr ist nun um. Ist Panini wirklich zuhause? Und kenne ich sie heute besser?

An unserem allerersten Tag sah ich den Hund in meinem Wohnzimmer umhergehen und dachte: „Was habe ich getan? Ich habe mich übernommen. Sie rutscht auf dem Laminat. Wie kann sie sich hier wohl fühlen? Ist meine Wohnung überhaupt für sie geeignet? Bin ICH für sie geeignet? Ich habe doch überhaupt keine Ahnung, wie kann ich ihr jemals gerecht werden?“

Heute läuft Panini auf den Teppichen umher, die ich für sie angeschafft habe und ich bin sehr viel beruhigter. Manchmal habe ich schlechtes Gewissen, weil es nur meine Hände sind, die sie kraulen, ich ihr keine Familie bieten kann. Dann wieder denke ich, das Leben draußen ist so laut und hektisch, sie liebt die Ruhe zuhause.

Die Phase des „Ankommens“ war bei uns anders als vielleicht üblich. Denn in ihr lagen zwei Operationen und ein Spondylose-Schub, viele Schmerzen und wenig Möglichkeit zur Bewegung. Erziehung fand währenddessen kaum statt, auf 15-minütigen Gassirunden übt man nicht viel. Vieles kam anders als gedacht, als erhofft. Seit 6 Monaten trage ich 16,5 Kilo drei- bis vier Mal am Tag 66 Stufen runter und wieder hoch. Als sie Cortison bekam, sieben Mal am Tag. Es wäre einfacher, wenn sie selbst gehen dürfte, aber besonders wichtig ist es auch wieder nicht. Ich wollte einen Hund, der mich beim Laufen begleitet und noch immer sind wir weit davon entfernt. Und dennoch kann ich mir keinen Hund vorstellen, der besser zu mir passt, den ich noch lieber haben könnte als sie.

Bei unseren ersten Begegnungen präsentierte sich Panini als ein fröhlicher, unkomplizierter Hund, der 1 ½ Jahre im Zwinger einfach wegwischen kann. Der tolerant ist, menschenbezogen und grundfreundlich. Nichts von dem war schöner Schein, genau das ist sie. Sie hat Eigenschaften, die ich auch an Menschen schätze und bewundere. Sie ist psychisch ungeheuer robust, eindeutig und einschätzbar in ihrem Wesen. Sie hat einen starken eigenen Willen. Und gleichzeitig ist sie sanft und liebevoll, reagiert auf geringste Berührungen und leise Töne. Sie ist verspielt, albern und temperamentvoll, aber ausgeglichen und verständig. Sie hält die Stadt aus und seit ich die Welt auch mit ihren Augen sehe, weiß ich, wie schwer sie manchmal auszuhalten ist. Lärm und Hektik sind gegenwärtig. Mein Hund kommt aus einer Umgebung, die arm war an Abwechslung und Eindrücken und toleriert heute Laubbläser, krachende Rolläden, die Müllabfuhr, die die Tonnen donnernd durch den Hausflur zieht und die Flut der Krankenwägen. Ich wohne unweit der Unfallklinik, den ganzen Tag hört man Sirenen.

Mit Ausnahme eines künstlichen Knochens aus Rinderhaut hat Panini ausnahmslos ALLES, was ich für sie angeschafft habe, angenommen. Sie nimmt freudig ihre Medizin, sie frisst alles mit Begeisterung, sie liebt ihr Körbchen, sie lässt sich Mäntel anziehen, bürsten, duschen. Sie geht gern zum Tierarzt. Sie liebt den Paketzusteller. Sie fährt gerne Auto. Sie lässt sich in Bussen und der Straßenbahn mitnehmen. Sie bleibt gut allein, bellt und jault nicht in der Wohnung. Sie schläft gern lang.

Ich konnte das alles nicht wissen. Jeden Tag sehe ich sie an und denke: Wow. Das also ist ein Tierschutzhund, übersäht mit Narben von Bisswunden, ungewollt, abgeschoben und verletzt. Und jetzt liegt sie hier, als wäre sie nie woanders gewesen. Wie haben wir nur zusammen gefunden? Aus Tausenden von Hunden – warum ist gerade sie bei mir, dieses zauberhafte Tier?

Angekommen ist sie, als sie sich für einen einzigen festen Liegeplatz entschieden hat, der nur noch dann gewechselt wird, wenn man woanders sonnenbaden muss: Ihr Körbchen (was ein orthopädisches Hundebett ist), direkt neben meinem Schreibtisch. Angekommen ist sie, seit sie nur noch auf das Sofa geht, wenn ich dort bin. Seit sie weiß, dass sie nicht mitkann, wenn ich den Fahrradschlüssel nehme. Seit sie sich freut, wenn ich die Autodecke hole, weil sie weiß, dass wir zusammen wegfahren. All das passierte nach etwa vier Monaten.

Ich hatte schnell das Gefühl, dass dies MEIN Hund ist. Panini scheint auch nicht daran zu zweifeln. Es sieht so aus, als hätte es irgendjemand sehr gut mit uns beiden gemeint.

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6 Kommentare

  • Antworten Andrea 31. Mai 2015 um 21:24

    Vielen Dank für den schönen Beitrag, Heidi. Er ist so berührend und gleichzeitig realistisch. Wichtig ist er, weil er auf ganz undogmatische Weise zeigt, wie gut man es mit Tierschutzhunden treffen kann und wie sehr sie das eigene Leben bereichern und den Blickwinkel erweitern. Ich wünsche Euch viele schöne gemeinsame Jahre und – wenn es soweit ist – tolle Läufe draußen in der Natur abseits vom Lärm und Hektik der Stadt!

    • Antworten Heidi 1. Juni 2015 um 9:16

      Danke Andrea! Wir sind zum Glück auch jetzt schon immer wieder dort, wo es ganz still ist, ich suche die Ruhe für uns beide abseits von den Straßen. Seit sie eine Stunde am Stück marschieren kann, ist das viel besser geworden. Da gehen auch mal Wald und Feld.

  • Antworten Henrik 31. Mai 2015 um 23:31

    Sehr schön geschrieben. Da haben sich zwei gefunden. Obwohl du keine Ahnung hattest, hast du alles richtig gemacht, eben genauso richtig, wie es für Panini gut war. Vielleicht klappt es mit dem Ehemann auch so? 😉

    • Antworten Heidi 1. Juni 2015 um 9:17

      Danke! Trotz allem würde ich es weiterhin bevorzugen, jemanden zu kennen, bevor er bei mir einzieht. 😀

  • Antworten Blumenmond 1. Juni 2015 um 6:17

    Liebe Heidi,

    ein wundervoller Beitrag. Panini kann sehr froh sein, sich Dich als “Frauchen” ausgesucht zu haben.

    Gruß
    Anja

    • Antworten Heidi 1. Juni 2015 um 9:33

      Dankeschön! Ich habe ja sehr gemischte Gefühle gegenüber der Tierschutzorganisation, über die Panini kam. Aber das haben sie phantastisch gemacht – schon nachdem ich schriftlich Interesse bekundet hatte, noch vor meinem ersten Besuch, haben sie beschlossen, den Hund gar nicht erst zu inserieren. So kam sie nie richtig “auf den Markt”. Ich habe sie ja schon an ihrem zweiten Tag in Deutschland getroffen. Als ich die Organisation anschrieb, wusste ich nur, dass sie auf eine deutsche Pflegestelle kommen soll, es hätte auch in Kiel sein können. Aber sie war in einer Pflegestelle, die nur 10 Autominuten von meinen Eltern entfernt lag und als die Mail eintraf “Der Hund kann schon besucht werden”, war ich gerade dort bei meinen Eltern und hatte ausnahmsweise ein Auto dabei. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich Schicksal war, aber für mich fühlt es sich so an. 1,5 Wochen später zog Panini ein.

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