Mahlzeit

Der Leinöl-Quatsch – warum Leinöl in Hundefutter nervt.

10. Dezember 2017

„Leinöl schmeckt wie ein alter Indianer unterm Lendenschurz“. Diesen Satz habe ich vor vielen Jahren mal in einem Forum für Läufer gelesen. Ich hätte ihn sicher längst vergessen, hätte ich nicht kurz darauf zum ersten Mal Leinöl probiert. Ohne, dass ich genauere Kenntnis von alten Indianern und ihrem Aroma im Schurzbereich hätte, musste ich dennoch spontan sagen: Ja, so könnte man das ausdrücken, wenn man ein sehr fantasiebegabter schräger Vogel ist. Lebensmitteltester würden es sicher feiner formulieren: Muffig, ranzig, mit deutlicher Bitternote. Kurz: eklig. Ich habe nicht verstanden, wie so etwas in der regionalen Küche als Leckerei gelten kann, gesund, hin oder her.

Leinöl – die ranzige Spezialität

Inzwischen weiß ich natürlich, dass das arme Leinöl nichts für dieses Aroma kann. Verdorbene Lebensmittel schmecken selten lecker. Denn das, was ich damals probiert habe, war verdorben – auch wenn es frisch geöffnet war und der Haltbarkeitsaufkleber kein Anlass zur Sorge bot. Nun mag man sich wundern, wieso verdorbene Lebensmittel in den Handel kommen und dort munter feilgeboten werden, aber so ist es. Leinöl hält sich nach seiner Pressung drei Monate und das auch nur, wenn es kühl und dunkel gelagert wird. Im Supermarkt bei mir um die Ecke wird das Öl locker ein Jahr lang über der Kühltruhe gelagert und zwar auf einer Ablage, unter der die Kühltechnik brummt und heizt. Es ist vermutlich der wärmste Platz im ganzen Supermarkt.

Nun könnte man sagen, macht ja nix, so lange man das Aroma alter Indianer mag. Ist ja Geschmackssache. Aber doch, es macht. Denn wenn das Öl verdirbt, verliert es nicht nur seine gesundheitsfördernden Eigenschaften, es gewinnt gesundheitsschädliche Eigenschaften dazu. Ich will da gar nicht im Detail drauf eingehen, ihr könnt es ja mal googeln, ob verdorbenes Öl gesund ist. Ich meine, nein.

Leinöl in Hundefutter – warum überhaupt?

So. Und jetzt dazu, warum ich das Ganze überhaupt schreibe. Irgendwie hat sich in Hundehalter-Kreisen wohl herum gesprochen, dass man unter allen Umständen, auch unter dem Einsatz seines Lebens, Leinöl ins Futter geben muss. „Sonnenblumenöl geht auch“ liest man in Hundeforen, aber auf diesen Irrsinn will ich gar nicht weiter eingehen. Das Leinöl gibt man deshalb hinzu, um das Verhältnis der essentiellen Fettsäuren, die der Hund zu sich nehmen sollte, auszugleichen. Da das Fleisch aus Massentierhaltung eher Omega 6-Fettsäuren-lastig ist, ergänzt man das Leinöl, das reich an Omega 3-Fettsäuren ist. Kann man machen, muss man aber nicht. Man kann auch andere Öle wählen, wie z.B. Hanföl, Borretschöl oder Lachsöl. Jedes Öl hat seine spezifischen Vorteile. Nun scheinen aber immer mehr Hundefutterhersteller und Fleisch-Anbieter zu denken, dass es eine irrwitzige Arbeit ist, ein Fläschchen Öl zu öffnen, um ein paar Tropfen davon auf das Futter zu träufeln. Kann man ja verstehen, auch ich komme dabei total ins Schwitzen. Allein die Flasche anzuheben. Und auch noch öffnen! Krass.

Die Leinöl-Entmündigung

Und deshalb meinen es die Hersteller gut mit uns: Sie geben überall Leinöl mit hinein. In gebackene Kekse, in Nassfutter, in Trockenfutter, in Rohfleisch, in den Gemüsemix. Leinöl in Hundefutter ist allgegenwärtig. Mich bringt das auf die Palme und zwar gründlich. Warum? Darum:

1. Häufig weiß man nichts über die Qualität des verwendeten Leinöls. Schonend kaltgepresst? Wann?? Bio-Qualität? Wer jetzt mit den Augen rollt und „Man kann’s auch übertreiben“ vor sich hin morchelt, dem sei gesagt, dass konventionelles Leinöl häufig mit Cadmium belastet ist. Ölsaaten nehmen leider sehr gern Schwermetalle aus dem Boden auf. Dass es keinerlei gesundheitsfördernde Wirkung hat, wenn es NICHT schonend kaltgepresst wird. Die Qualitätsunterschiede beim Leinöl sind riesig. Ich möchte aber nicht, dass mein Hund die Indianervariante bekommt.

2. Leinöl findet sich auch in hocherhitzten Lebensmitteln. Dosenfutter wird bei über 120 Grad Celsius erhitzt und das für eine Stunde. So ist die Haltbarkeit des Doseninhalts garantiert, weil alle Keime abgetötet sind. Leinöl sollte NICHT erhitzt werden. Beim Erhitzen wird seine wertvolle Struktur zerstört, mit steigender Temperatur steigt auch die Gefahr, dass sich Transfettsäuren bilden, gesundheitsschädliche Fettsäuren, die kein Mensch noch Tier braucht. Ich begreife nicht, was mir Leinöl in Dosenfutter sagen soll. Ja, es stimmt, es gibt Substanzen, die der Zerstörung des Öls entgegenwirken, Kokosöl, Vitamin E und milchsaure Produkte wie z.B. Quark. Doch erstens sind die nicht immer in den Dosen enthalten und zweitens könnte man den ganzen Zinnober auch einfach lassen. Müssen wir denn so entmündigt werden, dass wir nicht mehr in der Lage sind, drei Tropfen Öl auf das Hundefutter zu geben?

2b. Besonders absurd wird es bei Hundekeksen, die bei 200 Grad Celsius und mehr gebacken werden. Leinöl hat einen Rauchpunkt von 107 Grad Celsius, das bedeutet, das Öl ist einfach hin. Kaputt. Fertig. Nutzlos. Und im schlimmsten Fall schädlich.

3. Ich habe kürzlich rohes Wildfleisch gekauft. Reines Muskelfleisch, weil vom Wild keine Innereien verkauft werden. Ganz rein war es aber nicht, es war ja noch Leinöl darin. Das suggeriert: Da ist schon alles drin, was der Hund braucht. Gefährliche Sache. Das glaubt doch keiner? Foreneinträge sprechen eine ganz andere Sprache. Wenn ich nun aber ohnehin Gemüse, Innereien und Knochen hinzufügen muss, warum sollte ich ausgerechnet am Öl scheitern?

4. Ich will selbst entscheiden, welches Öl ich nehme. Ich wechsle ab. Meine Öle beziehe ich von Ölfreund, dort gibt es winzige Fläschchen, so kann ich immer frische Sorten kaufen. Ich weiß, wo es herkommt, wann es hergestellt wurde und wie lange es haltbar ist. Beim hinzugefügten Leinöl in Fertigfutter weiß ich? Richtig. Nix.

5. Leinöl findet sich auch im Futter von mir sehr geschätzter Bio-Hersteller. Bio-Fleisch hat aber bereits ein ausgewogenes Fettsäuren-Profil. Im Grunde braucht man also gar kein Öl. Aber wie würde das denn klingen? Ein Hundfutter ohne Leinöl?? Nicht auszudenken.

6. Ein Hund, der Beschwerden im Bewegungsapparat hat, profitiert von HOCHWERTIGEM Omega 3-Öl. Unter Umständen ist es sinnvoll, mehr davon zu geben, als man das bei einem gesunden Hund tun würde. Ich kann aber die Menge überhaupt nicht mehr einschätzen, bzw. muss mühsam rechnen, wie viel Öl sich bereits im Futter befinden könnte.

7. Besonders albern: Leinöl in Gemüse-Mix. Jaja, ich weiß wohl, dass das gute Beta-Carotin gar nicht aufgenommen werden kann, wenn kein Fett dabei ist. Wohlgemerkt: Fett! Nicht Leinöl. Es kann jedes Fett sein. Es heißt „fettlösliche Vitamine“ nicht „leinöllösliche Vitamine“. Wer gibt denn seinem Hund das Gemüse pur? Ohne Fleisch, ohne Quark, Hüttenkäse, Ei, sonstwas? Warum muss da irgendein Leinöl drin sein?

8. Ich weiß gern, welchen Fettgehalt mein Fleisch hat. Beim bereits erwähnten Wildfleisch z.B. kann ich nur raten – der Fettgehalt bezieht sich ja auf Fleisch + Leinöl.

Bitte, liebe Futterhersteller, lasst es einfach weg, das Öl. Viel hilft nicht viel. Und hört auf, uns zu veräppeln.

Übrigens: Leinöl schmeckt köstlich. Überhaupt nicht bitter, es schmeckt mild und fein. Es ist ein Jammer, dass uns immer noch ranziges Zeug verkauft wird und soweit ich das überblicken kann, ist dieser achtlose Umgang mit Verderblichkeit im Lebensmittelbereich auch beispiellos. Damit will ich natürlich nicht gesagt haben, dass man Leinöl aus dem Supermarkt nicht kaufen kann. Gelegentlich brauchen Naturholzmöbel ja auch mal eine Auffrischung.

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Bild © emmi – fotolia.de

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5 Kommentare

  • Antworten yra våge 10. Dezember 2017 um 21:51

    Schwarzkuemmeloel…fuer unseren bewegungsapparat, wir teilen uns meine kleinen Bio-flaschen bruederlich: grosse hunde koennen es gebrauchen, aeltere frauen mit schmerzen auch 🙂

  • Antworten Volker 16. Januar 2018 um 2:23

    Alles soweit ok, mit Ausnahme der Hundekekse, die ja an sich schon in meinen Augen eine Absurdität sind und hauptsächlich der Befriedigung von Herrchens/Frauchens (menschlichen) Elterngefühlen dienen.
    Was die Backtemperatur von 200° betrifft:
    Die Backzeit wird so gewählt, dass die Temperatur im Inneren des Backgutes unterhalb der 100°-Grenze bleibt, ansonsten würden Keks, Kuchen & Co. komplett ungenießbar.
    Viele Grüße
    Volker

    • Antworten Heidi 21. Januar 2018 um 13:49

      Hallo Volker, hier noch eine nachgereichte Antwort von mir. Hundekekse sind üblicherweise sehr hart gebacken und werden deshalb von allen Hunden gern gemocht, die gern auf etwas herumknurpsen. Was daran absurd sein soll, dem Hund etwas Nahrhaftes zu geben, was er mag, erschließt sich mir nicht. In unserem speziellen Fall ging es obendrein darum, etwas zu finden, was den Hund ohne Bauchquietschen durch die Nacht bringt. Weder Fleisch noch Knochen würden diesen Job tun, auch der berühmte Kanten trockenes Brot hat nicht geholfen. Eine bestimmte Sorte Kekse aber schon. Dogmen, wie das, was du da benennst, sind selten hilfreich, wenn es um das Wohl des Hundes geht.
      Was die Temperatur beim Backen betrifft, so hast du recht. Aber 100°C sind eben immer noch keine gute Temperatur für Leinöl.

  • Antworten C 25. September 2018 um 14:29

    Guter Artikel!
    Leinöl und leider auch Kokos- und jetzt sogar Schwarzkümmelöl sind richtige Trendfoods auch bei der Hundeernährung geworden. Ohne den Sinn oder sogar den Nutzen zu hinterfragen.
    Ich habe im Reformhaus gearbeitet, diese Öle und Kunden, die es für Hunde kaufen sind mir also nicht unbekannt.
    Mein liebstes Leinöl von R**unzel habe ich genau mit diesem Zusatz angepriesen: “ganz mild im Geschmack, wenn Leinöl herb/bitter schmeckt ist es ranzig”. Habe mich immer schon gewundert, dass die meisten Leute es nur so kennen. Traurig aber wahr.
    Was Kokosöl und die Wirkung gg. Zecken angeht, gibt es dazu keine Studienlage. In der einzigen Studie, die diesen (Un)-Sinn ausgelöst hat, wurde reine Laurinsäure benutzt. Ja, das mag funktionieren. In Kokosöl liegt der Anteil an Laurinsäure ca. bei 45-59%. Auch müsste man eine nicht unerhebliche Menge an Kokosöl pro kg Körpergewicht auf den Hund auftragen und das alle 2 Stunden. Diese Menge (habe sie jetzt nicht im Kopf) ist kaum machbar und wer will einen fettigen Hund zuhause rumglitschen haben.
    Laut meiner Tierärztin hat sie leider im Sommer auch schon Fälle gehabt, bei denen die Hunde durch den Hitzestau unter dem Kokosöl einen Hitzschlag erlitten.
    Im Futter finde ich Kokosöl dagegen ok, wenigstens nicht schädlich, außer der Hund wird davon fett 😉 Bei nackten Beinen des Hundehalters soll es wohl gut gg. Zecken helfen.
    Auch ist ein Vergleich von “Zeckenbefall vor Kokosöl” und “Zeckenbefall nach Kokosöl” oft subjektiv, wenn der Zustand vor Behandlung mit Kokosöl 0 oder 1 Zecke war, ist dann nach Behandlung 0 Zecken ein Erfolg? Statistisch gesehen ist das nicht relevant, aber solche Dinge werden subjektiv im Netz verbreitet, dass es das positive Kokosöl war. Dass der Hund einfach nicht in einem befallenen Gebiet rumgelaufen ist, in kein Zeckennest getreten oder vielleicht kein Zeckenmagnet ist werden hier ausgeblendet.
    Schwarzkümmelöl ist auch schon wieder so eine Geschichte. Es hilft beim Menschen, muss es also auch beim Hund gut sein.
    Für Katzen ist Schwarzkümmelöl hochgradig toxisch und für Hunde gibt es auch hier wieder keine ausreichende Studienlage.
    Es reichert sich wohl in der Leber an und irgendwann kann der Körper das nicht mehr kompensieren. Der Wirkstoff im Schwarzkümmelöl als solcher ist sicher interessant, aber im Schwarzkümmelöl selbst kommt er ja auch nicht isoliert vor, die selbe Geschichte wie beim Kokosöl. Hahnenfußgewächse enthalten häufig giftige Alkaloide.
    Klar, kann man es machen und Schwarzkümmelöl füttern, aber die Dosis macht auch hier das Gift und ich würde es nicht riskieren wollen, das dauerhaft meinem Hund zu geben.

  • Antworten Silke v.Wangenheim 14. Dezember 2018 um 14:48

    Super! Danke für diesen tollen Beitrag, den ich mit Genuss gelesen habe!

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