Mahlzeit

Die Gehirnwäsche.

9. Februar 2017
Die Gehirnwäsche

An der Gretchenfrage „Wie hältst Du’s mit dem Futter“ erhitzen sich regelmäßig die Gemüter, was reichlich albern ist. Bevor ich fortfahre, meine Gedanken zu formulieren, will ich deshalb erst einmal zwei Sätze aus meinem Glaubensbekenntnis voranstellen:

  1. Solange Leib und Leben eines Hundes nicht akut gefährdet ist, hat niemand das Recht, sich in die Fütterung eines Hundes einzumischen, der nicht der seinige ist.
  2. Es gibt keine ideale Fütterung, nur eine passende.

Menschen, die Hundefutter selbst zubereiten und darüber sprechen, können einem ebenso auf den Senkel gehen wie solche, die seit Hundegenerationen nur zum Billigsten greifen und das Alter ihrer Hunde als Qualitätsbeweis hochhalten. Ich selbst habe nichts gegen Trockenfutter, nur gegen schlechtes Trockenfutter. So einfach ist das manchmal.

Ein paar Dinge sind jedoch unumstößlich und ich denke, dass man sie sich klarmachen sollte, ganz gleich, wie man sich auch entscheidet. Und gerade diese Dinge scheinen zunehmend zu verwässern. Industrielles Hundefutter gibt es in entscheidendem Ausmaß erst seit den 1950er Jahren. Jeder, der in dieser Zeit groß geworden ist, kannte noch Hunde, die von Resten und Abfällen gelebt haben. Doch dann kam der Zeitenwechsel. Marketing berichtete von den Gefahren einer „unausgewogenen Ernährung“, die nicht nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten zusammengestellt war. Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Züchter erzählten in Spots, dass sie Fertigfutter „viel lieber als frisches Fleisch“ füttern. Mehr oder weniger subtil werden wir auf das Pferd gehoben, das mit uns in einen Sonnenuntergang reitet, der aus einem Frolic-Brocken geformt ist.

Viele Menschen, die heute Hundehalter sind, kennen diese Fütterung von Kindesbeinen an. So entstehen merkwürdige Dinge. In einem Facebook-Forum berichtet eine Nutzerin, „Schoko-Drops für Hunde“ von Vitakraft könnten nicht schlecht sein, die habe schließlich schon ihre Oma gefüttert. Andere berichten, sie würden ihren Hunden bereits seit 30 Jahren ein bestimmtes Trockenfutter füttern, also „schon immer“. Schleichend und ohne, dass es jemand zu bemerken scheint, gilt eine von großen Nahrungsmittelmultis erdachte Art der Hundeernährung, die nicht einmal 1% der Existenz-Timeline des Haus- und Hofhundes abdeckt, als die traditionelle, die „gute alte“ Art, Hunde zu ernähren.

Hier hat das Marketing ganze Arbeit geleistet. Man kann Fertigfutter füttern oder auch nicht. Aber muss man wirklich vergessen, dass es sehr sehr viele Hunde gibt, die auch ohne Fertigfutter alt geworden sind? Muss man vergessen, dass der Hund, so robust, lebendig und schön er heute ist (Qualzuchtergebnisse ausgenommen), ohne Fertigfutter geworden ist, was er heute ist?

Die Haus- und Hofhunde früherer Generationen hatten es aus vielen Gründen nicht immer rosig, das steht außer Frage und es gibt keinen Grund, das zu idealisieren. Ich bin froh, dass mein Hund in den Genuss der Errungenschaften des Jahres 2017 kommt, medizinisch und auch sonst. Und ich will auch nicht das abgeschabte und ausgefranste Wort „artgerecht“ verwenden, denn ein orthopädisches Hundebett ist nun mal nicht artgerecht und vieles andere in Paninis Leben auch nicht. Dennoch ist und bleibt Trockenfutter Astronautennahrung. Sie ist nicht frisch, sie ist nicht enzymreich, weshalb sie zum Ausgleich viele nachträglich hinzugefügte Zusatzstoffe braucht. Das muss einen nicht stören, aber man sollte es wenigstens wahrhaben. Man sollte nicht so tun, als wäre irgendetwas daran traditionell oder natürlich oder „die gute alte Methode“.

Wer Hundemahlzeiten selbst zusammenstellen will, kämpft gegen die sorgfältige Gehirnwäsche an, die uns eingehämmert hat: „Wer seinen Hund liebt, gibt ihm Frolic!“ (Man liebt ihn wohl nicht, wenn man es ihm verwehrt). Wer mit „Ein ganzer Kerl dank Chappi!“ aufgewachsen ist, hat Sorge, sein Hund könnte ohne Chappi oder etwas ähnliches nur ein halber Kerl bleiben.

Die Gehirnwäsche ist sogar so gründlich, dass sich Menschen in den Netzwerken zu Wort melden, sie blieben bei ihrem Fertigfutter und ließen sich „von der Industrie“ nicht einreden, etwas vermeintlich Besseres zu brauchen. Welche Industrie mag gemeint sein? Die vielen kleinen Fertigfutterhersteller, die sauber und offen deklarieren und neue Wege versuchen? Die Frostfutter-Anbieter? Anscheinend nicht Mars Petcare, ein Unternehmen mit 35.000 Mitarbeitern, 41 Tierfuttermarken und $17,224,400,000 Jahreseinnahmen. Und auch nicht Nestlé Purina PetCare mit $11,917,000,000 Jahreseinnahmen. Die sind ja offensichtlich über jeden Verdacht erhaben.

Ich bin damit jedenfalls beim Hauptgrund, weshalb ich handelsübliches, normales, total traditionelles Fertigfutter, was es „schon immer“ gegeben hat, nicht mag. Ich traue den Typen in diesen Konzernen nicht. Nicht für zwei Cent. Ich kaufe von diesen Herrschaften keine Tütensuppe für mich und keine Kekse für den Hund, ebenso wenig wie ich eine Discounterlasagne kaufe. Tierfutterindustrie ist Menschenfutterindustrie hoch zehn. Mit viel, viel mehr Möglichkeiten, zu betrügen, Abfälle zu verklappen, zu panschen. Die Deklaration ist ein Witz. Und selbst, wenn mein Hund das alles überleben sollte, weil Hunde erstaunlich robust sind, dann gönne ich Menschen, die die Umwelt in Schutt und Asche legen, die anderen das Wasser abgraben, keinen Cent. Grundsätzlich nicht und schon gar nicht, weil sie mich so sehr manipuliert haben, dass ich glaube, ich würde mein Tier nur dann wirklich lieben, wenn ich ihre Produkte kaufe.

Ich bitte euch also wirklich um eins. Kauft ein bestimmtes Fertigfutter, weil es eurem Hund besser bekommt und schmeckt, als anderes. Kauft es, weil es zu eurem Alltag und zu eurem Budget passt. Aber bitte erzählt nicht, dass es „schon immer“ das Beste war, es so ausgewogen ist und der Hund nur damit alles bekommt, was er braucht. Erzählt nicht stolz, dass der Hund 16 Jahre lang bis zu seinem Todestag nur diese eine Sorte Futter bekommen hat. Gehirnwäsche macht mir nämlich immer ein bisschen Angst.

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5 Kommentare

  • Antworten Nadine 10. Februar 2017 at 13:28

    Liebe Heidi,
    das hast du sehr schön geschrieben. Ich bin da ganz bei dir. Ich bin übrigens mit Ceasar aufgewachsen :-) das stand bei unseren Hunden immer auf dem Speiseplan. Fürchterlich … zum Glück gibt es nun die kleinen Hersteller die auch an die Umwelt denken.
    Liebe Grüße
    Nadine + die Omis

  • Antworten Indianermädchen& Wildfang 10. Februar 2017 at 20:20

    Puh, da sprichst du wahre Worte. Die Züchterin von Emmely hatte uns auch ein Futter aus genau diesen Gründen empfohlen – war zwar nicht Frolic aber vergleichbar..
    Icu füttere zwar auch Trockenfutter, vorallem aber weil es zu unserem Alltag besser passt.. Beide bekommen ihr Futter eigentlich nur unterwegs und Emmely arbeitet mit Kindern und wird auch da mit ihrem Hauptfutter bestätigt – da bietet sich BARF leider nicht an.

    Ein lesenswerter Artikel!
    Liebe Grüße Lizzy mit Emmely und Hazel

  • Antworten Ulrike 21. Juni 2017 at 2:27

    Liebe Heidi, das ist mir jetzt ein bisschen zu pauschal – Du schreibst: “Dennoch ist und bleibt Trockenfutter Astronautennahrung. Sie ist nicht frisch, sie ist nicht enzymreich, weshalb sie zum Ausgleich viele nachträglich hinzugefügte Zusatzstoffe braucht.” Ich werde natürlich keine Werbung machen, aber unser Trockenfutter, von einer bekannten kritischen Tierärztin und Autorin entwickelt, kommt komplett ohne jegliche Zusatzstoffe (und im Übrigen auch ohne Getreide und sonstigen Müll) aus.
    Dass nur “Frisches” gesund und vitalstoffreich sein soll ist auch so ein merkwürdiger Mythos aus der Menschenernährung.

    • Antworten Heidi 21. Juni 2017 at 12:52

      Liebe Ulrike,
      Trockenfutter ohne zugesetzte Vitamine ist sehr selten. Und das hat aus meiner Sicht auch seinen Grund. Selbst wenn hier ein besonders schonendes Kaltpressverfahren angewandt wird, so werden die Inhaltsstoffe durch Trocknung und Pressung haltbar gemacht. Das Futter hat vermutlich eine Haltbarkeit von mindestens einem Jahr. Spätestens im Laufe der Zeit gehen nachweislich Vitamine verloren. Ich benutze auch mal Trockenkräuter oder gebe eine getrocknete Futtermischung. Aber dennoch: dass dieses Futter nicht mit dem Enzym- und Vitaminreichtum von frischer Nahrung mithalten kann, steht für mich außer Frage. Und merkwürdig finde ich das gar nicht, nur logisch.

  • Antworten Lisa Schweizer 9. September 2017 at 21:54

    Dieses leidige Thema mit dem Futter ist wirklich eine Gehirnwäsche. Das Trockenfutter ist nicht gut, barfen ist besser, das Trockenfutter ist perfekt usw. Das kenne ich auch. Dann habe ich sogar jemanden im Familienkreis, der wirklich der Meinung ist, “vegan” ist die beste Weise für einen Hund, weil wir Menschen Hunde zum Fleischfresser gemacht hätten. Ich füttere meinen Hund so, wie es gesund ist und eben mit “gutem” Futter. Davon gibt es reichlich und auch da für den günstigen Geldbeutel. Man muss nur wissen, wie!