Draußen

(K)eine Frage der Bindung.

3. Februar 2019

Neulich traf ich in der Grünanlage eine Bekannte mit Hund. Wir gerieten ins Plaudern, ihr Hund lief derweil frei und abenteuerlustig auf Wiese und Weg herum. Als sich ein Radfahrer in schneller Geschwindigkeit näherte, rief meine Bekannte ihren Hund zu sich. Der Labrador-Mix machte in Bruchteilen von Sekunden kehrt und kam ohne Umschweife zu uns gerannt. „Reschpeckt!“, sagte ich, „der Hund hört ja wie eine eins!“ „Ja“, sagte meine Bekannte stolz. „Wir haben auch eine sehr enge Bindung.“

Erziehung: Note 3-.

Auf dem Heimweg geriet ich ins Grübeln. Sicher, Panini hört auch wie eine eins. Manchmal. Manchmal auch wie eine drei. Oder so. Aber wenn wir schon bei den Zahlen sind – sagen wir’s doch einmal grundsätzlich und in Schulnoten: Panini und ich erreichen mit Ach und Krach im Durchschnitt eine Drei. Sie in Gehorsam und ich in Erziehung. Bei „Nicht hochspringen an Leuten“ haben wir uns zwar von einer 5- auf eine 2 hochgearbeitet. Im „Nichtbetteln zuhause“ reicht es sogar für eine 1-. Dafür liegen wir bei „Rückruf vor einer Jagdfährte“ und „Nichtverzehr von herumliegenden Ex-Lebensmitteln“ bei 5-. An guten Tagen. Nein, Musterschüler sind wir nicht. Es ist nicht leicht, einen Hund zu erziehen, wenn immer wieder Phasen dazwischenkommen, in denen es ihm nicht gut geht. Aber was hat das alles mit Bindung zu tun?

Bindung: Note 1.

Das Tier und ich sind an manchen Tagen 24 Stunden zusammen. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht kuscheln. Im Winter schläft sie mit im Bett und drückt sich beim Einschlafen an mich. Da ich allein lebe, gehen wir jeden Spaziergang zusammen. Eine Huta kennt sie nicht, im Urlaub ist sie dabei. Sie weiß, ob ich gut drauf bin oder nicht. Sie weiß, ob ich etwas vorhabe und aufgeregt bin. Sie weiß, wenn wir am nächsten Tag wegfahren. Sie sieht mir alles an der Nasenspitze an. Ich weiß, wenn ihr Knie zwackt oder wenn ihr flau ist. Ich weiß, wenn sie glaubt, jemanden wiederzuerkennen. Ich weiß, wenn sie besondere Zuwendung braucht. Ich sehe ihr alles an der Nasenspitze an. Wir haben fünf Operationen zusammen durchgestanden. Wer, wenn nicht wir, hätten eine gute Bindung?

Bye bye, Bindungsmythos.

Sollte der Hund nicht gut hören, bedeutet das vor allem eins: Bei der Erziehung ist noch Luft nach oben. Bindung ist ein Aspekt von Erziehung. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Wenn mein Hund eine Hasenspur aufnimmt, soll mir das nicht sagen, dass ich meinem Hund egal bin. Es sagt mir einfach nur, dass mein Hund ein Jagdhund ist, der dem Instinkt folgt, der in seinen Genen verankert ist. Manchmal ist es gar nicht so einfach, das nicht persönlich zu nehmen. Die aufgepumpten Theorien zum Thema Bindung tun ihr übriges. Aber das würde ich ausnahmsweise wirklich für vermenschlichend halten.

Lasst euch nicht erzählen, ihr hättet keine gute Bindung zu eurem Hund, nur weil er mittelprächtig hört. Vielleicht ist er von früher mehr Eigenständigkeit gewohnt, vielleicht vergisst er alles, wenn es ans Jagen geht. Vielleicht ist es einfach ein ziemlich sturer Hund. Andererseits gibt es Hunde, deren Abenteuerlust sich schwer in Grenzen hält. Die keinen Jagdtrieb haben und die durch herumliegendes Fressen kaum zu begeistern sind. Gehorsam ist kein Gradmesser für Bindung, sondern vor allem für die Konsequenz und Kontinuität der Erziehung und die ganz individuellen Neigungen des Hundes, auf diese Erziehung anzusprechen. Oder anders gesagt: Möglicherweise passt zwischen Mensch und Hund kein Blatt, obwohl der Hund gerade gegen den Wunsch seines Menschen in 200 Metern Entfernung versucht, auf dem Buddelweg Australien zu erreichen.

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5 Kommentare

  • Antworten Nina 4. Februar 2019 um 9:03

    Danke für diesen Beitrag, du sprichst mir aus der Seele!
    Besonders in der Anfangszeit mit unserem ersten Hund hatte ich so häufig Zweifel an unserer ‘Bindung’ weil er einfach nicht zurück kam oder nicht machte, was ich gerne von ihm wollte. Und auch jetzt hapert es teilweise noch. Und wie häufig habe ich dann im Internet gelesen, dass das ja nur an mangelnder Bindung liegt oder dass ich nicht interessant genug für meinen Hund bin. Was hat mich das alles zur Verzweiflung gebracht.
    Dabei ist, wie du sagst, einfach nur ‘Luft nach oben im Training’, denn woher soll der Hund auch verlässlich wissen, was ich von ihm möchte, wenn ich es noch nicht ausreichend und konsequent genug mit ihm geübt habe.

  • Antworten Elli Radinger 5. Februar 2019 um 11:43

    Bravo, liebe Heidi + Panini.
    Das musste wirklich mal gesagt werden. Kann ich nur voll unterstreichen!
    LG
    Elli

  • Antworten Christoph 5. Februar 2019 um 13:18

    Du hast die Unterschiede zwischen Bindung und Erziehung treffend beschrieben. Eigentlich ist es doch recht einfach, Bindung funktioniert auf emotionaler Ebene und Erziehung basiert auf Lernen und was ein Hund nicht gelernt hat, kann er auch nicht, egal wie stark die Bindung ist.
    Ein Problem habe ich aber damit, Gehorsam vorbehaltlos mit Erziehung gleichzusetzen. Ich habe schon einen Hund gesehen, der aus einer völlig unspektakulären Situation abgerufen worden ist und sofort aber mit eingezogener Rute zu seinem Halter zurück gelaufen ist um sich neben ihn, nein, nicht zu setzten oder abzulegen, sondern hinzukauern. Hier dürfte eher Angst und militärischer Drill als Erziehung im Spiel gewesen sein.
    Liebe Grüße, Christoph

  • Antworten Sylvia 6. Februar 2019 um 1:02

    Liebe Heidi, ich hab deinen herzerfrischenden Blog-Artikel nicht nur gelesen, sondern gleich auch auf meiner “Gewaltfreie Kommunikation”-Facebook-Site geteilt. Weil ich finde, dass dein Artikel auf für nicht-Hunde-BesitzerInnen viel hergibt. Für Menschen, die feinfühlig sind und zu schlechtem Gewissen neigen oder sich tendenziell “nicht (gut) genug” finden, zeigst du einen Weg auf, die Deutungen anderer einfach nicht “automatisch” über die eigenen Wahrnehmungen zu stellen. Meine Hündin Alina dürfte Panini in vielfacher Weise ähneln… und ich ein bissi auch dir 😉 Danke!!!

  • Antworten Anja& Lotta 6. Februar 2019 um 20:18

    Hallo Heidi, bei dem Wort Bindung fällt mir eine
    Geschichte ein, die mir ein Bekannter neulich erzählte. Er nahm nach dem Tod seines Hundes eine junge Labradormixhündin aus Griechenland auf, die eigentlich schon ein anderes neues Zuhause hatte, von der Neubesitzerin aber wieder abgegeben wurde, weil sie, also der Hund!, keine Bindung aufbauen könnte … wir sahen die süße Kleine über die Wiese rennen und mit den anderen Hunden spielen, wobei sie zwischendurch jeden Menschen, der auch noch im Weg rumstand , vor lauter Lebensfreude ansprang und wie vertückt grinste, um dann mit Herrchen irgendwann fröhlich weiter zu ziehen. Erziehung hat sie sicherlich noch nötig, aber die gegenseitige Bindung konnte jeder erkennen, der nicht mit dem Klammerbeutel gepudert war.

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