Draußen

Es gibt uns.

9. Februar 2021
Panini im Schnee

Erst habe ich den Mann gar nicht bemerkt. Wie so oft brauche ich Panini, um auf etwas aufmerksam zu werden. Sie dreht sich um, um ihn zu begrüßen, den Mann, der plötzlich schräg hinter mir an der Ampel steht. Sie kennt ihn, wir sind ihm oft begegnet. „Und, wie geht’s euch!?“ ruft er munter und so laut, als wären wir viele Meter entfernt. Er trägt eine Schutzmaske und will vielleicht sicher gehen, dass ich ihn verstehe. „Naja, Winter …“ sage ich und will damit andeuten, dass wir uns nicht gerade in der Jahreszeit befinden, die Hunde mit Arthrose am liebsten mögen. Der Mann versteht das, denke ich, er hat ja selbst einen Hund. Er schaut jetzt konzentriert geradeaus und fixiert die rote Ampel. Und dann sagt er einen Satz, der mich den ganzen Tag beschäftigen wird: „Es gibt uns nicht mehr.“

Ich weiß sofort, was gemeint ist. Der Hund war alt, sehr alt sogar. Wie alt genau, weiß niemand, denn immer, wenn man den Mann traf, war der Hund wieder ein Jahr älter geworden, selbst, wenn die letzte Begegnung erst drei Monate zurück lag. „Er ist jetzt schon 15!“ sagte der Mann dann und wenige Wochen später: „Naja, für 16 ist er noch ganz fit!“ und wieder ein paar Monate später: „Solange er mit 17 noch so gut läuft …“ Ein kleiner schwarzer Mischling war es, der zunehmend grauer, dünner und struppiger wurde, mit den Wochen, den Monaten, den Jahren. Am Ende trug er immer einen Mantel, denn so ließ er sich besser und sanfter dirigieren als mit dem Geschirr. Der Mantel gab dem dünnen Hund eine Hülle, die fester und stabiler war als seine eigene. Und der Mann ging langsam Schritt für Schritt für Schritt neben seinem alternden Hund her und versuchte sich vorzubereiten auf jenen Moment, wenn selbst ein Mantel den Hund nicht mehr auf den Füßen halten konnte. „Die Frau ist gegangen, der Hund ist geblieben“, sagte er mir bei einer unserer ersten Begegnungen. Und: „Er war ja immer da, immer.“

Es ist für alle Hundemenschen ein Kraftakt, ein geliebtes Tier gehen zu lassen, willentlich und wissentlich zumal. Aber bei diesem Mann dachte ich immer: Wie soll das gehen? Wie lassen sich diese beiden Seelen je trennen? Der Hund, der zu schwach war, sich selbst zu halten, hielt doch den Mann beisammen. Traf man ihn einmal ohne den Hund, machte er oft einen seltsamen und abwesenden Eindruck. Mit dem Hund wirkte er aufgeräumt und bei sich. Die Antwort auf meine Fragen gibt der Mann mir jetzt an der Ampel. „Es gibt uns nicht mehr.“ Manche Verbindungen sind unauflöslich.

„Wo ist Nummer 2?“ fragt meine Nachbarin immer, wenn sie mich alleine antrifft. Nummer 1 bin dann ich, aber vollzählig wohl erst in Begleitung von Nummer 2. Panini hat eine schwere Zeit, mal wieder. Der Rücken, das Knie. Aber jetzt denke ich: „Es gibt uns.“ Und das ist sicher das Beste, was man am Ende eines Tages überhaupt sagen kann.

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10 Kommentare

  • Antworten Oliver 10. Februar 2021 um 0:09

    Uiuiui! Wunderschön traurig.

  • Antworten Claudia Harfst 10. Februar 2021 um 0:11

    Die Geschichte berührt mich sehr. Unsere Flora ist auch schon 11, und nach einem Auto-Unfall mit Beinbruch vor 17 Monaten auch nicht mehr so gern und lange zu Fuß wie vorher. Aber wir sind auch froh über jeden Tag, den wir gemeinsam haben.

  • Antworten Marion 10. Februar 2021 um 0:36

    Traurig. Ich habe schon ein paar Hunde gehen lassen müssen, aber mir graut vor dem Tag, wenn ich meine Emma gehen lassen muss. Meine Seelenhündin, Aber ja, wie du schon sagst: Es gibt uns! Und ich hoffe, dass es uns noch viele Jahre gibt.
    Und ich hoffe, dass dieser Mann eines Tages wieder sagen kann: Es gibt uns – wenn er vielleicht eines Tages bereit ist, einer anderen Hundeseele einen Platz an seiner Seite zu bieten.

  • Antworten Lieb Ursula 10. Februar 2021 um 10:26

    😘😘😘😘😘😘

  • Antworten Annette 10. Februar 2021 um 11:03

    Schnief, da darf ich kaum dran denken. Und ich genieße jeden Tag, zumal Ella “erst” 8 ist.
    Wirklich schön ud berührend geschrieben!

  • Antworten Irene 10. Februar 2021 um 11:51

    Ein sehr berührender Kommentar .
    Der zu viel Nachdenken anregt.
    Danke dafür.

  • Antworten sylhaus 10. Februar 2021 um 13:16

    Liebe Heidi, ich liebe jedes Wort deiner Geschichte – und das Bild dazu, von Panini im Schnee und wie sie dich anschaut <3 Für mich ist so viel Liebe darin spürbar – schon allein in deiner Achtsamkeit, wie genau du dich erinnerst: an diesen Mann, der über die Jahre immer wieder mit seinem Hund eure Wege gekreuzt hat. Wie sein Hund aussah… und was er gesagt hat. Trauer ist oft so still. Und wer sie kennt, krümmt sich oft von ihr weg, wenn sie im Gegenüber anklingt. An dir und deinen Blog-Beiträgen schätze ich so ungemein, wie du da-bleibst und diese verwundbaren Gefühle tief aufnimmst… bis du sie in Wort-Bilder fassen kannst. Das erlebe ich als großes Geschenk, mein eigenes Empfindungsspektrum leichter in mein Herz zu betten. Danke!

  • Antworten Henrik 11. Februar 2021 um 10:21

    Traurig schön. Schön traurig. Wir schließen eine Partnerschaft auf Zeit, aber die Beziehung zu unseren Tieren ist nicht endlich. Hoffentlich 🙏 habt ihr noch viele gemeinsame Tage.

  • Antworten Angelika Hoyer 11. Februar 2021 um 11:52

    So toll wieder geschrieben. Genauso fühlen wir. Übrigens auch bei Pferden und Katzen.

  • Antworten Petra 13. Februar 2021 um 1:56

    Ich habe meinen Großen vor knapp 2Wochen gehen lassen. Es zerreißt das Herz in tausend Stücke, es ist unvorstellbar grausam, es macht Dich wortlos. Jeden Tag setzt sich Dein Herz langsam zusammen, jeden Tag redest Du mit Deinem Hund und hoffst, dass er auf der grünen Blumenwiese spielt mit lauter netten Hunden und von den Engeln gefüttert und gestreichelt wird. Dass er ohne Schmerzen über die Wiese saust. Langsam ist klar, dass man ihn im Morgen nicht auf dem Sofa liegen sieht. Selbst sein unfassbar lautes Schnarchen, seine sehr nassen Küsse, selbst die angespuckten Hosen, es fehlt so unsagbar. Das Leben geht weiter, die Zeit heilt und dann kommt ein Bild von der Regenbogenbrücke, ein berührender Satz und es ist genau wie in dem Moment….die letzten Minuten….sein Kopf auf Deiner Schulter…Du hältst ihn ganz fest im Arm und versuchst einfach nur stark und ruhig für ihn zu sein.
    Er hatte lange Zeit immer wieder Probleme, Kreuzband, Arthrose, Spondylose, und mit dem Alter noch ein paar Problemchen dazu. Die letzten Jahre bekam er täglich seine Schmerztabletten, aber irgendwann helfen auch die nicht mehr.
    Na ja, Leidtragende ist die Kleine, sie sucht ihn zwar noch jeden Tag, aber sie ist topfit, sie muss jetzt stundenlang spazieren laufen….ja das hilft. Und es hilft auch wenn sie sich beim Schlafen fest an dich drückt (das macht sie um sich sicher zu fühlen, aus dem Auslandstierschutz mit einem riesigen Berg an Altlasten).
    Mein Großer hatte da mehr Glück im Leben, der wurde vom ersten bis zum letzen Tag in seinem Leben geliebt und verhätschelt und deswegen war er auch ein liebevoller vertrauensvoller und freundlicher Hund, der sich für den Mittelpunkt des Universums gehalten hat, was er für mich auch war.

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