Drinnen

Vom Winde verweht.

17. Juni 2017
Der Hund pupst

Ich mag es, wenn das Tier pupst. Ich sage das so leichthin, denn es kommt recht selten vor. Außerdem sind wir ja hier unter uns und Hundehalter haben meist Verständnis für die verschiedenen Farben und Formen der Liebe zum Tier. Würde ich etwa bei einem potentiellen Neukunden vorsprechen, würde ich die oben erwähnte Tatsache lieber unerwähnt lassen. „Schönen guten Tag, ich bin Heidi Schmitt und ich mag es, wenn mein Tier pupst!“ Nein, vielleicht sollte ich das verschweigen.

Wenn Panini pupt, hebt sie bedächtig den Kopf, dreht ihn langsam nach hinten und ihre kleine Gumminase bewegt sich schnüffelnd einige Millimeter auf und ab, nach rechts und nach links. Dabei bekommt ihr Gesicht den Ausdruck eines Menschen, der sich wundert, wer um diese Uhrzeit noch an der Tür klingeln mag. Es ist diese unverwechselbare Mischung aus Verblüffung, Neugier und Entrüstung. Auf jeden Fall hat „es“ gepupt, irgendetwas, das ganz ohne Paninis Zutun handelt und deshalb geht sie der Sache nach, ohne ihre eigene Beteiligung erkennen zu lassen.

„Hast du gepupt?“, frage ich dann, einen Satz, den man getrost als eine der zehn nutzlosesten Fragen der Weltgeschichte abheften kann. Ich frage oft solche Sachen, zum Beispiel „Musst du dich kratzen?“, während die Pfote des Tieres in hoher Frequenz am Ohr entlang saust, bedenklich nah am Auge und so entschieden, dass Paninis Härchen durch den Raum fliegen wie Konfetti. Oder ich frage „Bist du müde?“, wenn mich der Hund von unten aus dem Körbchen so mit bleischweren Lidern ansieht als hätte er gerade acht Gin Tonic gekippt. Ich frage „Hat das geschmeckt?“, „Wollen wir rausgehen?“, „Wollen wir bürsten?“ (ein grammatikalisches Schmankerl) und so eben auch „Hast du gepupt?“ Nie bekomme ich eine Antwort, aber das ist nicht schlimm. Gerade im letzteren Fall gibt es ja auch keinen Zweifel.

Ich kenne einen Bürohund, der seine menschlichen Kollegen seit Jahren regelmäßig in eine Pestilenz-Wolke hüllt, eine Mischung aus Schwefel, faulen Eiern und angedautem Pansen. Ich bin nicht sicher, ob ich in dieser Sauerstoffnot arbeiten könnte. Panini aber riecht nicht, noch nicht einmal beim Pupen. Ich merke es einfach nur am charakteristischen Anheben des Kopfes und dem Schnüffeln in Richtung der kleinen Windmaschine unter der Rute. Vielleicht wäre auch der Mensch zuweilen neugierig, aus welchen Aromen sich sein Wind zusammen setzt, ob man wohl eher die Zwiebeln oder die Hülsenfrüchte der vorabendlichen Mahlzeit als die treibende Kraft ausmachen kann. Aber es ist uns mangels Beweglichkeit nicht vergönnt, diese detektivische Arbeit aufzunehmen. Mein Tier kann sich dagegen den großen Verdauungsfragen der Tierheit widmen, unbehelligt und unschuldig. Und danach kann es mich mit diesem unverwechselbaren „War was?“-Ausdruck ansehen. Ich liebe mein Tier. Auch dann – und vielleicht sogar besonders – wenn es pupst.

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3 Kommentare

  • Antworten Angela 17. Juni 2017 at 15:20

    Ich liebe diese Texte!!!!!

  • Antworten Gabriele D. 21. Juni 2017 at 12:39

    Herrlich. Hab Tränen gelacht.

  • Antworten Nina 23. Juni 2017 at 18:35

    Ich hatte gerade beim Lesen sehr lustige Bilder im Kopf, von einem verwunderten Hund mit diesem “war was?”-Blick! Einfach Herrlich!