Draußen

Bei mir dürfen Hunde das.

25. Mai 2015

Als Alleinerziehende kann ich mich eigentlich glücklich schätzen. Ich kann meinen Hund so erziehen, wie ich will und muss mich mit niemandem abstimmen. Theoretisch. Praktisch gesehen wäre ein weiterer Erziehungsberechtigter in Wahrheit kein Problem – gemessen an den Hunderten von Menschen, die glauben, ebenfalls erziehungsberechtigt zu sein. Denn jeder Dödel da draußen erzieht mit. Ohne es zu wollen, oder viel schlimmer – mit voller Absicht.

Die Welt ist voller Hundeexperten, die ungefragt glauben, als Coach tätig werden zu müssen. Meiner Erfahrung nach sind die am Grusligsten, die „früher mal“ Hunde hatten und denen nun ein Objekt fehlt, an dem sie ihre ungemeine Wissensfülle austesten können. Aber zum Glück gibt es ja fremde Hunde. „Zu mir kommen die Hunde immer gern“, berichtete mir neulich ein Mann, der sich vor uns aufbaute. „Die spüren sofort, dass ich der Chef bin und dass sie mit mir keine Mätzchen machen müssen“. Während der Herr, der „30 Jahre selbst Hunde“ hatte, auf uns einsprach und ungefragt erläuterte, wie wichtig „klare Ansagen“ wären, was eine „natürliche Unterordnung“ zur Folge hätte, drehte sich Panini zur Seite und ging weg von dem Mann, zu dem die Hunde immer gern gehen. Zum Glück forderte er sie nicht auf, irgendetwas zu tun oder zu lassen. Was mich aufatmen ließ, denn der Normalfall ist ein anderer.

Noch immer neigt Panini dazu, an Menschen hochzuspringen, so wie sie es im Canile in Italien gelernt hat. Wer zwischen 200 Hunden Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten möchte, muss hochspringen. Natürlich soll sie das nicht und es ist auch schon besser geworden. Ihr das abzugewöhnen ist recht mühsam. Denn unzählige selbsternannte Erziehungsberechtigte sind der Meinung, dass Panini springen sollte. Die erste Sorte von ihnen ist die harmloseste: Sie meint es gut und sie ist völlig ahnungslos. Die Leute denken, es sei normal für einen Hund, an Menschen hochzuspringen. Und weil sie ihn niedlich finden, belohnen sie ihn fürs Springen mit einer Extraportion Aufmerksamkeit und Kraulen.

Die zweite Sorte nervt schon mehr. Sie hat bereits Erfahrung mit Hunden und die sagt: Es ist vollkommen sinnlos, zu versuchen, Hunden das abzugewöhnen. Sie selbst haben es erfolglos versucht, also sind sie der festen Überzeugung: Man kann dem Hund das nicht abgewöhnen. Vielleicht haben sie einen eigenen Hund, der ebenfalls springt, deshalb tragen sie immer olle Klamotten. Auch sie belohnen den Hund fürs Springen mit Streicheleinheiten. Mein „Nein“ kommentieren sie gern mit: „Ach, das machen doch alle, das macht nichts. Ich hab ja meine alten Hosen an.“ Diese Sorte denkt nicht vom Messer zur Butter und nur an den eigenen Wanst. Scheinbar kann sie intellektuell nicht erfassen, dass es da draußen Menschen gibt, die nicht alte Hosen tragen. Die Angst vor Hunden haben. Oder die nur 1,20 Meter groß sind und einen Schreck fürs Leben bekommen, wenn ihnen ein Hund ins Gesicht springt. Das alles ist ihnen Wurscht. Denn sie haben ja die alten Hosen an und sicher kann der Hund das messerscharf erfassen und wird deshalb hier springen und bei einem Menschen im weißen Kleid davon absehen. Aber ohnehin: „So sind sie, die Hunde, da kann man gar nichts machen.“

Bei der dritten Sorte habe ich aber endgültig einen dicken Hals. Denn die ist nur noch respektlos und unverschämt. Nicht nur, dass sie den Hund fürs Springen belohnt, sie animiert ihn aktiv dazu. Wenn ich hier einschreite, kommt etwas wie: „Bei mir dürfen Hunde das.“ Diese Leute glauben, darüber bestimmen zu können, was der Hund darf und was nicht. Sie ignorieren den Hundehalter völlig. Sie halten sich selbst für eine Art Hundeprofi und berichten gern darüber, wie man den Hund richtig behandelt. Wenn es ganz dicke kommt, haben sie noch irgendeinen Rotz in der Tasche, den sie ohne zu fragen dem springenden Hund zwischen die Zähne schieben. Inzwischen löst ein „Bei mir dürfen Hunde das“ einen akuten Hautausschlag aus. Der Hund ist in der Obhut seiner Halterin und nicht „bei dir“. Ist das klar, Du Hirni?

Mein Ärger resultiert nicht nur daraus, dass diese Herrschaften meine Erziehung aktiv torpedieren, weil der Hund immer wieder lernt, dass sich Springen lohnt. Ich bin wütend wegen der Arroganz und Ignoranz dieser Leute. Panini soll wegen ihrer Spondylose nicht springen, jeder Sprung bedeutet eine Stauchung ihrer Wirbelsäule, die den Krankheitsverlauf negativ beeinflusst. Natürlich wird sie immer mal springen und toben, aber ich möchte sie so wenig wie möglich von ihrem Sprungkonto abheben lassen und wenn, dann nach Möglichkeit, wenn es Spaß mit anderen Hunden bringt. Und nicht, wenn irgendeine Torfnase sie dazu auffordert.

Mein Hund ist kein exotischer Einzelfall, es gibt unzählige Hunde mit Rückenproblemen, alte und junge, kleine und große. Wenn ich nichts über einen Hund weiß, behandle ich ihn mit Zurückhaltung und Respekt und drücke ihm und seinem Halter nicht meine erbärmlichen Erziehungsmethoden auf. Auch hier gilt wie so oft: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal den Rand halten.

So, das tat richtig wohl, das mal zu schreiben.

 

Titelbild ©Liukov – istockphoto.com

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10 Kommentare

  • Antworten Frau Mohr 25. Mai 2015 um 17:41

    Ich fühle mich gerade ein bißchen ertappt. Ich MUSS ja unterwegs auch immer alle Hunde streicheln und kraulen (aber ich frage vorher immer den Halter, ob ich darf) und wenn dann einer an mir hochspringt und der Halter einschreiten will, sage ich nämlich immer genau das. “Bei mir dürfen Hunde das” oder “Hunde dürfen sowas. Bei Menschen bin ich da kritischer” (haha, watt hept wie lacht!)
    Ich will damit eigentlich bloss signalisieren, dass ich keinen Streß machen werde, wenn ich später matschige Pfotenabdrücke auf der Buxe habe…aber der Gedanke, dass ich da gerade fröhlich in die Hunde-Erziehung einschreite, bin ich noch nie gekommen. Nützlicher Artikel 😉 Ich werd’ da zukünftig drauf achten. Jawohl.

    • Antworten Heidi 25. Mai 2015 um 18:35

      Naja, ich glaube, Leute, die es wirklich gut meinen, zähle ich nicht unter Sorte drei, auch wenn sie diesen Satz sagen. Ich meine eine ganz bestimmte Sorte Leute, die einem ihre Meinung zur Hundeerziehung aufs Ohr drückt und es ist immer Müll. Sätze wie “Kluge Hunde jagen nicht” oder “Es ist halt ein Wolf” oder “Hündinnen sind ja oft die aggressivsten” oder “Hunde aus dem Ausland bleiben immer ängstlich”. Weisheiten, die die Welt nicht braucht. Man wird oft sehr belehrt, wenn man dann noch sagt, dass man den Hund noch nicht lang hat, ist es ganz aus. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn die Herrschaften nicht den Hund zum Springen auffordern.

  • Antworten Blumenmond 26. Mai 2015 um 6:45

    Ungefrate Weisheiten sind immer doof. Ich kann mich nicht dafür schützen, die auch mal vor mich hin zu posaunen… (Nee, schon wieder Pommes, ess doch mal was Gesundes). Aber ich versuche echt, das bei mir zu lassen – weil es mir genau so geht wie Dir. Ich finds furchtbar und dabei hab ich noch nicht mal nen Hund. 🙂

    Interessante Dinge, die ich hier erfahren. 🙂

  • Antworten Andrea 13. Juni 2015 um 23:18

    Toller Schreibstil – gefällt mir sehr gut!

    Ich habe auch eine Hündin aus dem Auslandstierschutz, welche sehr verfressen ist. Noch dazu wohne ich in einem großen Haus, einem sehr großen Haus mit vielen Nachbarn, die es doch nur alle unheimlich gut mit meinem Hund meinen (im Gegensatz zu mir natürlich). Also habe ich mich dazu hinreißen lassen, dass Nachbar XY dem Herzilein was zu Essen an die Tür bringt. Danke und gut. Einige Danke später war es nicht mehr möglich, an meiner Tür zu klingeln, ohne das Herzilein ausrastete. Und in diesem großen Haus klingeln viele an meiner Tür, weil sie die hochmoderne Klingelanlage nicht verstehen. Jetzt war es aber nicht so, dass Herzilein einen nicht hereingelassen hätte, im Gegenteil, Linda hätte die Wände eingerissen, um an ihren vermeintlichen Gönner zu gelangen. Dem musste also ein verbales Ende gesetzt werden. Nachbar XY zeigte sich wenig verständig und toppte unsere schwierige Unterredung letztendlich mit den Worten “ja soll ich das jetzt vielleicht alles wegschmeißen…?”

    Ohne Worte und ja, wir haben Mülltonnen…

    LG Andrea, die natürlich auch mit einer Fülle “bei mir darf der das”-Nachbarn aufwarten kann

  • Antworten Anna 17. Juni 2017 um 16:00

    Um ehrlich zu sein, dreht es mir bei deinem Artikel den Magen. Denn Deine Art, über andere Menschen zu urteilen, wie diese ihre Wertevorstellungen leben, wirkt sehr unreflektiert und unreif. Lass denen doch ihre Meinung und steh darüber statt so boshaft drüber herzuziehen. Und dann auch noch selektiv beurteilen zu wollen, auf welchen Typ das nun zutrifft und auf welchen nicht. Wenn Du Deine Meinung (auch diesen Menschen gegenüber) selbstbewusst äusserst, brauchst Du keine Bestätigung über den Umweg, andere erstmal schlecht zu machen. Mir zeigt dieser Artikel nur, dass hier viel blabla dahinter steckt, nur leider wenig Wahrhaftigkeit.
    Alles Gute weiterhin

    • Antworten Heidi 17. Juni 2017 um 16:18

      Hallo Anna,
      wie Du dem Ton meines Artikels entnehmen kannst, war ich beim Schreiben sehr wütend. Deshalb ist er natürlich nicht sachlich, denn wenn man sauer ist, dann motzt man eben auch mal. Zwischen wütend und boshaft gibt es aber einen ziemlichen Unterschied. Ich war allerdings nicht nur wütend, ich war auch verzweifelt. Denn ich bin vielen Menschen begegnet, die sich vollkommen übergriffig verhalten haben. Meinem Hund ging es damals sehr schlecht und ständig animierte sie irgendjemand zum springen. Die Leute wussten nichts über sie, schütteten aber ihre Klugscheißerei über mir aus. Wenn ich so etwas lese wie “lass denen doch ihre Meinung”, kann ich nur lachen. Diese Leute können von mir aus meinen, was sie wollen. Aber sie sollen meinen Hund nicht zum Springen animieren und ihm keine Leckerchen geben. Das hat mit Meinung absolut nichts zu tun, es ist übergriffig und vollkommen daneben. Und es ist total nutzlos, “meine Meinung selbstbewusst zu äußern”, denn das Kind ist dann längst schon in den Brunnen gefallen. Der Hund ist längst schon gesprungen und hat längst schon ein Leckerchen bekommen. Im Übrigen kann ich von einem Fall erzählen, wo ich mehrfach “selbstbewusst” darum gebeten habe, dem Hund nichts zu geben und die Dame gab es meinem Hund TROTZDEM. Das ist ignorant und unverschämt und ich könnte da im Dreieck springen. Ich brauche keine Bestätigung und ich mache niemanden schlecht. Dieses Verhalten IST einfach schlecht und dann kann man es auch so benennen. Und was die Typisierungen betrifft: Diese Typen sind mir genau so begegnet. Und wenn wir schon über “Blabla” reden – so etwas wie “Wahrhaftigkeit” und “lass denen ihre Meinung” fällt für mich eindeutig in diese Kategorie.

      • Antworten Heidi 17. Juni 2017 um 16:22

        Ach, und die “Wertevorstellung” hab ich bei der Kategorie Blabla ganz vergessen. Lebe ich eigentlich auch nur meine “Wertevorstellung”, wenn ich anderen eine reinhaue? Wenn ich doch der “Meinung” bin, dass das ok ist? Deiner Ansicht nach darf ich meine “Wertevorstellung” ja beliebig auf andere Menschen ausdehnen und anwenden.

  • Antworten Kirsi 21. August 2017 um 22:19

    Heidi, du sprichst mir aus der Seele. Vielen Dank für diesen knackigen und vor allem echten Artikel! Viele Grüße Kirsi mit Ida

  • Antworten Katja P. 17. Juni 2019 um 9:28

    Dieser Beitrag ist zwar schon 2 Jahre alt, das abnorme Verhalten einer Nachbarin allerdings auch. Zwischenzeitlich konnte ich es ihr abgewöhnen, meinem Hund bei wirklich JEDER Begegnung, etwas zwischen die Zähne zu schieben.
    Mein Bruno kam als Labrador auf diese Welt. Bekanntlich vordergründig dafür geboren zu fressen und nach Futter zu betteln (auch direkt nachdem er heimlich einen 3 Wochen alten Döner nach Hause getragen hat und ich gerade noch verhindern konnte, dass er ihn verschlingt. Ja, das nach Hause Tragen funktioniert heimlich, weil er ein großes Maul hat und ich mich über seine neue Fertigkeit wunderte, dass Bruno tatsächlich grinsen kann??? Nein, es war nur der Döner, den er quer im Maul versteckte)….
    Also, er frisst vor allem gerne und erst danach, liebt er das Kraulen und Spielen und Schlafen.
    Meine Nachbarin liebt Hunde. Sie liebt es, wenn alle anderen Hunde aus der Gegend ihr freudig entgegen gelaufen kommen. Das tat Bruno mit Vorliebe, wenn ich ihn ableinte. Er roch Frau Kunze noch bevor ich sie entdeckte und stürzte los. Sie tanzte quietschend vor Freude umher und stopfte ihm geradewegs eine geschätzt 1 kg schwere Leckerchenstange ins Maul. “Nichts geben, nicht füttern”, schrie ich auf sie zulaufend, was nichts nutzte. Frau Kunze meinte, mein Hund würde sich doch so freuen und außerdem wäre bei der Größe ein Leckerchen doch quasi nichts.
    Alle Erklärungen meinerseits liefen ins Leere. Sie fütterte, quietschte und tanzte weiter. Der absolute Höhepunkt und letztendlich auch das Ende der Fütterung, war der Moment, als Bruno und ich nichts ahnend an ihrem Balkon vorbei spazierten und Frau Kunze “Bruno” trällernd ihm ein Schweineohr vor die Nase warf. Sprachlos, fassungslos blieb ich stehen, hob es auf und warf es mit einem deutlichen “Nein” auf ihren Balkon zurück. Leider besitzt ein Schweineohr ein eigentümliches Flugverhalten und auch mir fehlte es an Schweineohr-Weitwurf- Erfahrung. So traf ich nicht ihren, sondern den Balkon ihrer Nachbarn.
    Wie Frau Kunze die Eigentumsverhältnisse und die Umstände ihren Nachbarn erklärt hat, wie ihr Schweineohr auf deren Balkon landen konnte, blieb mir verborgen. Wir haben seitdem ein recht gespaltenes Verhältnis und Bruno hat seitdem Normalgewicht.

    • Antworten Heidi 17. Juni 2019 um 9:51

      Danke für die schöne Geschichte! Ich habe sehr mitgefühlt. Ein Schweineohr geht über die Kategorie “Leckerchen” ja wirklich weit hinaus. Gut, dass es flog, egal wohin! 😀

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