Drinnen

Sowas haben wir noch nie gemacht …

1. Juni 2020
Hund Krallen schneiden

Ich bin eine Sätzesammlerin. Ich finde sie, nehme sie mit und klebe sie in mein Sammelalbum. Und manchmal mache ich sogar eine ganze Serie damit voll. Den Satz, von dem ich heute berichten will, gibt es in vielen Variationen, ich habe schon etliche davon gesammelt. „Sowas haben wir noch nie gemacht“ könnte auch „In 26 Jahren Hundehaltung haben wir sowas noch nie gemacht“ lauten. Oder auch „Sowas haben unsere Hunde nie nötig gehabt“. Gemeint sind immer Handlungen, die Pflege, Ernährung oder Gesundheitsprävention des Hundes betreffen. Krallen gekürzt? Nie gemacht. Zähne geputzt? Brauchten unsere nicht. Ohren gereinigt, warm geduscht, rissige Winterpfoten gecremt, Physiotherapie, Hundekekse gebacken, Schonkost gekocht? Hatten unsere Hunde nicht nötig. Ein zweiter Satz, der diese Varianten ergänzt, schwingt immer mit, wird aber meistens nicht ausgesprochen, da er sich offensichtlich von selbst versteht. Er lautet: „Und es wäre uns auch im Traum nicht eingefallen.“

Ich habe den Satz oft gehört und gespürt, wie mir das Etikett „Helikopter-Frauchen mit Vermenschlichungstendenz“ aufgeklebt wurde. Das erschüttert mich nicht sehr, schließlich geht es um meinen Hund und die Gemeinschaft muss nicht darüber abstimmen, ob meine Bemühungen um Panini angebracht sind oder nicht. Aber traurig bin ich manchmal schon ein bisschen. Weil der Erkenntnisgewinn, der zu unserem Leben dazu gehört, scheinbar für alles gilt, nur nicht für unseren Umgang mit Tieren. Was haben wir „früher“ nicht alles gedacht und getan! Kühlschränke mit Formaldehyd bestückt und Isolierungen mit Asbest. Menschen rauchten in geschlossenen Fahrzeugen, die Kinder unangeschnallt und ohne Kindersitz auf der Rückbank. Wir haben Dinge gegessen, ohne uns Gedanken über Inhaltsstoffe und Herkunft zu machen und Medikamente eingenommen, die heute verboten sind. Wir wussten es einfach nicht besser. Jeden Tag erfahren wir mehr von der Welt, über unsere Gene, unser Bewusstsein, unsere Umwelt. Die Welt verändert sich stetig. Warum sollte das, was wir 1978 über Hunde gedacht haben, heute noch unverändert gültig sein?

Bereitwillig haben wir uns in die Arme des Marketings geworfen, das uns sagt, wir wären niemals in der Lage, selbst einen Hund zu ernähren, wenn es kein Fertigfutter gäbe. Wir können uns selbst ernähren und schaffen es vielleicht noch mit viel Hilfe von Hipp und Alete, unsere Kinder durchzubringen. Aber niemals unsere Hunde. Das hat uns zumindest die Werbung lange eingehämmert. Wer für seine Tiere selbst etwas zusammenrührt, kocht oder bäckt, macht sich des Helikopterns verdächtig. Konsum ist politisch, was wir kaufen, bestimmt, in welcher Welt wir leben wollen. Für alles darf das gelten – nur nicht für Hundeprodukte. Warum nur? Die Butterkekse einer bekannten Marke (für Menschen) kosten ca. 50 Cent/100 Gramm. Gute Hundekekse können problemlos das Dreifache kosten. Sie zu kaufen, ist okay, selberbacken zu einem Bruchteil der Kosten verursacht dagegen hochgezogene Augenbrauen. Es ist keine Vermenschlichung, dem Hund die übriggebliebenen Kartoffeln und den Rest Gemüse in den Napf zu tun – es ist einfach sinnvoll. Dem Hund schmeckt es und man muss nichts wegwerfen. Genauso, wie es sinnvoll ist, ihm eine Karottensuppe zu kochen, wenn er Durchfall hat. Nicht, um ihn zu vermenschlichen, sondern, um ihm Medikamente zu ersparen (und Frauchen Geld).

Auch etwa beim Thema Zähneputzen wird der Erkenntnisgewinn blockiert. Viele Hundehalter nehmen es hin, ihren Hund zur Zahnreinigung in Narkose legen zu lassen. Weil es unausweichlich scheint. Regelmäßige Zahnpflege? „Sowas haben unsere Hunde nie gebraucht“. In meiner Kindheit stank jeder zweite Hund unglaublich aus dem Maul. Ich habe es für normal gehalten, dass Hundeatem übel riecht. Wir wissen heute längst, dass es sich bei Hunden genauso verhält wie bei Menschen: Der eine braucht mehr Pflege, der andere weniger. Mit großer Geste erklären einem heute Barfer, der Hund brauche keine zusätzliche Zahnpflege, würde er nur ordentlich ernährt. Das ist grober Unfug, was jeder bestätigen kann, der mehrere gebarfte Hunde hat und darunter welche mit guten und andere mit schlechten Zähnen – bei identischer Ernährung.

Was mich besonders unglücklich macht, ist das Thema Krallen. Beinahe jeden Tag begegnet mir mindestens ein Hund, dessen Krallen viel zu lang sind, in der Regel ein älterer Hund, der sich zunehmend schwerfälliger bewegt. So beginnt ein Teufelskreis: Je beschwerlicher die Bewegung, desto kürzer die Gassirunde, desto länger die Krallen, desto beschwerlicher die Bewegung … Zu lange Krallen können für den Hund zumindest unangenehm, wenn nicht schmerzhaft werden. Im schlechtesten Fall entstehen Fehlhaltungen, die Rücken und Gelenke belasten, die ohnehin schon arthrotisch sind. Sagt der Tierarzt: „Ich kann nicht mehr abschneiden, weil da schon das Leben anfängt“, bedeutet das NICHT, dass die Krallenlänge gut ist. Es bedeutet nur, dass man nichts schneiden kann, schleifen kann man sehr wohl und das Leben zieht sich nach und nach weiter zurück. Ich habe oft schlechtes Gewissen, weil Paninis Krallen manchmal nicht optimal sind, es braucht Zeit und Ruhe zum Schleifen. Aber ich mache es und höre mir dann den berühmten Satz an, spöttisch vorgetragen: „Sowas haben wir noch nie gemacht“. Nein, nicht bei jedem Hund muss man Krallen kürzen, aber bei unzähligen Hunden, die nicht mustergültig stehen, zum Beispiel etwas durchtrittig sind, wäre es angebracht. Und bei fast allen alten Hunden. Früher hat man so etwas nicht gemacht, in der Tat. Aber kann man es heute nicht besser wissen? Wie „oldschool“ müssen wir beim Thema Hund sein?

Ich würde mir manchmal einfach mehr Erkenntnisgewinn wünschen. Unser Bild vom Hund darf sich wandeln, ohne dass wir deshalb überkandidelt werden. Wir sind nicht mehr Tarzan und Jane und unsere Hunde keine kleinen Wölfe. Sie haben dieselben Zivilisationskrankheiten wie wir, weil sie in der gleichen ungesunden Welt leben wie wir. Sie kämpfen mit Krebs, Allergien und vor allem den Folgen unserer egozentrischen Zuchtbemühungen, die Aussehen vor Gesundheit gestellt haben. Zu engstehende Gebisse rufen nach Zahnpflege, Fehlstellungen im Bewegungsapparat nach Krallenpflege. Es ist merkwürdig, dass wir bei Tieren Leid verursachen, aber nicht bereit sind, dieses Leid zu lindern, weil wir unser idealisiertes Bild von ihnen nicht korrigieren wollen.

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8 Kommentare

  • Antworten Anja Meiser 1. Juni 2020 um 19:12

    Das stimmt alles,, Zähne, Krallen, Futter. Noch schlimmer ist es bei der “Erziehung”, ich bin zum Beispiel bekennende “Werferin von Wattebäuschen” , meine Hündin “funktioniert” mit Konsequenz, und ohne Gewalt, Stachelhalsband, usw. Und das, obwohl sie groß und schwarz ist. Ich unterhalte mich in ganzen Sätzen mit ihr. Und Gemüsereste bekommt sie auch.

    • Antworten Heidi 1. Juni 2020 um 19:40

      Ganze Sätze? Sowas haben wir noch nie gemacht! 😀

  • Antworten Socke-nHalterin 1. Juni 2020 um 21:30

    Ich kenne das auch sehr gut, denn wir kochen für Socke, füttern im 4Stundentakt und stehen sogar seit Jahren nachts auf, um sie zu füttern. Jeden Morgen um 05:00 h versorge ich Socke zum ersten Mal. Unsere Freizeit verbringen wir an Salinen, weil es Socke gut tut. Fellpflege wird hier groß geschrieben. Ich weiß, dass mich manche für bekloppt halten. Ist mir mittlerweile egal, denn als unser Tun zählt sich aus und all unser Tun nennt man Verantwortung für das Leben eines Tieres….
    Auch das hat man früher nicht gemacht, aber früher war eben auch nicht alles besser…..

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

  • Antworten Marion 2. Juni 2020 um 13:47

    Danke Heidi, Du sprichst mir aus der Seele!
    Marion mit Leo

  • Antworten Wolfhart 3. Juni 2020 um 9:30

    Ja, genau SO ist es! Leben heißt Veränderung. Was heute noch gut und richtig ist, kann morgen schon überholt oder sogar falsch sein. Aber wie heißt es so schön: der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und wenn „man“ sich erst einmal an feste Abläufe gewöhnt hat, wird es für viele Menschen schwierig, diese wieder über Bord zu werfen oder neu zu überdenken. Vermutlich deshalb benötigen Veränderungen immer auch etwas Zeit. Mein persönliches Reizthema in Zusammenhang mit unserem Umgang mit Tieren sind sogenannte Traditionen – völlig falsche Handlungen, die bereits von der Zeit überholt sind und an denen wider besseren Wissens weiterhin festgelten wird. Es ist nicht immer leicht ruhig zu bleiben.

  • Antworten Miriam 3. Juni 2020 um 10:57

    Es ist einfach viel bequemer eine Dose aufzumachen und das Futter in den Napf zu leeren, oder noch besser das nicht so stark riechende Trockenfutter zu geben, statt sich mit frischer Nahrung für den Hund auseinandersetzen. Was werde ich angeschaut, wenn unsere Hunde Loops oder Mäntelchen tragen. Das braucht ein richtiger Hund doch nicht. Dann sind meine zwei frierende Hunde halt keine richtigen Hunde, aber sie bekommen etwas an, wenn ihnen kalt ist. Bademantel für Hunde ist unsinnig, dass man damit die Fellpflege bei Langhaarigen Hunden erleichtert geht auch nicht in die Köpfe von manchen Menschen. Wir haben die Verantwortung für unsere Tiere übernommen und dann sollten wir dieser auch gerecht werden und unser überholtes Weltbild manchmal hinterfragen.
    Liebe Grüße
    Miriam

  • Antworten Ina 7. Juni 2020 um 10:34

    “In meiner Kindheit stank jeder zweite Hund unglaublich aus dem Maul. Ich habe es für normal gehalten, dass Hundeatem übel riecht. Wir wissen heute längst, dass es sich bei Hunden genauso verhält wie bei Menschen: Der eine braucht mehr Pflege, der andere weniger.”

    Ich habe noch ein altes Hundebuch aus meiner Kindheit. Das waren Hefte im DIN A 5 Format. Die gab es in der Zoohandlung und es stand “alles drin, was man über Haltung und Pflege der Rasse XYZ wissen muss” 😀
    Selbst damals (70er Jahre) war schon die Rede von Zähneputzen mit einem Lappen und Wasserstoffperoxid. Die Krallen hat man auch früher schon geschnitten.

    Viele Leute pflegen ihren Hund nicht deshalb nicht, weil sie altmodisch sind, sondern weil ein Hund bei denen keinen hohen Stellenwert hat. Hund wird als ein in jeder Hinsicht untergeordnetes Wesen betrachtet. Wie könnte man sonst auch ihr Blut mit Tabletten vergiften, die man selbst mit bloßen Händen nichtmal anfassen würde (die allseits bekannten Zeckenmittel lassen grüßen) und die bei etlichen schwere Nebenwirkungen auslösen.

    “Sagt der Tierarzt: „Ich kann nicht mehr abschneiden, weil da schon das Leben anfängt“, bedeutet das NICHT, dass die Krallenlänge gut ist. Es bedeutet nur, dass man nichts schneiden kann, schleifen kann man sehr wohl und das Leben zieht sich nach und nach weiter zurück.”

    Habe ich auch gedacht und schneide und schleife jede Woche so weit wie möglich. Das ändert am Leben in den Krallen leider nichts.

  • Antworten Foehnlocke 18. Juni 2020 um 15:58

    Viele in meinem Bekanntenkreis mögen mich wohl auch für eine ”übertriebene” Hundehalterin halten, weil ich viel Zeit und … ja .. auch Geld in meine Tiere investiere. Da kommt immer wieder der Satz: Bei dir haben’s die Hunde ja besser, als in mancher Familie die Kinder! Danke. Da fühle ich mich geehrt. Dann kommt das aber: meinst du nicht, dass das etwas übertrieben ist?
    ähm. Nein! Nur weil ich keine Kinder habe, darf ich doch für meine Hunde tun und machen, was für mich richtig erscheint. Dass es ihnen gut geht. Dann bezahle ich halt mal 120 CHF für den Termin im Hundesalon. Dafür ist das Fell und die Pfoten wieder puderweich und wunderschön gepflegt.

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