Draußen

Ratlos im Unrat.

4. August 2018
Hund in der Stadt

Man sollte keine Lebensmittel wegwerfen. Wegen der hungernden Kinder in Afrika. So sagt man zumindest gemeinhin. Das klingt blöde, ist aber trotzdem nicht falsch. Allerdings würde ich es ergänzen. Man soll auch keine Lebensmittel wegwerfen wegen der satten Hunde in Deutschland. Noch nie habe ich in deutschen Großstädten einen Hund gesehen, der abgemagert und räudig auf der Suche nach Nahrung gewesen wäre und weggeworfene Pizzaränder am Wegesrand dankbar angenommen hätte. Ich sehe nur dick und rund gefressene Hunde, die Pizzaränder aufnehmen. Und das vollkommen undankbar.

Der städtische Boden ist dieser Tage wieder gepflastert mit Unrat, ein großer Teil davon besteht aus Lebensmitteln und deren Verpackungen. Eiswaffeln und –becher, abgenagte Reste von Grillgut, die (wie praktisch!) einfach über die Zäune der eigenen putzigen Schwäbisch Hall-Welt geworfen werden und immer wieder Brot. Beinahe täglich kommen wir an Brotlaiben vorbei, die jemand in die Büsche gepfeffert hat und ich schaue mich immer sorgfältig um, ob nicht irgendwo ein Rudel Flusspferde im Anmarsch ist, für das ein Brotlaib eine mundgerechte Leckerei darstellen könnte. Wiesel, Marder, Eichhörnchen, Waschbären, Gartenschläfer und Wühlmäuse verschmähen die rottigen Weizenprodukte jedenfalls, sonst würden sie ja nicht wochenlang unter den Büschen vor sich hinmodern. Selbst Ratten wissen die Qualität hiesiger Bäckereien offenbar nicht zu schätzen. Vielleicht sind sie aber auch einfach nur klug, im Gegensatz zu den Brotwerfern.

Weggeworfenes Brot

In der Nachbarschaft geht eine Dame noch einen Schritt weiter – sie füttert Krähen mit Frolic-Ringen, die sie großflächig auf die Wege ausbringt. Ausgerechnet Krähen, eine Spezies, die Frau Frolic an kognitiven Fähigkeiten weit überlegen sein dürfte. Es würde mich nicht wundern, wenn Krähen demnächst beginnen würden, Menschen zu füttern. Bei der Menge der eroberten Beute aus zerwühlten Abfalleimern bleibt sicher noch einiges übrig, was sich großzügig abtreten lässt.

Ganz gleich, wo ich jedenfalls derzeit hinblicke, überall begegnen mir Menschen, die ihren Kopf offenbar als praktische Brillenablage und dekorative Haarhalterung benutzen. Heute kamen Panini und ich an einem Park vorbei (hinein dürfen wir natürlich nicht). Hier saß eine Gruppe junger Männer inmitten eines pittoresk verteilten Haufen Abfalls. Offenbar kann man sich nirgends so gut entspannen wie in der Gesellschaft von halbleeren Pizzakartons, Einweg-Grills, Schnellimbiss-Verpackungen, Kronkorken und zerschlagenen Flaschen. Zur wochendlichen Erholung hat sicher auch die begleitende Musik beigetragen. Ich lauschte einem Song, der mir bis dahin fremd war, dessen Lyrik sich mir aber mühelos einprägte:

„Wir versaufen unser Geld
in den Kneipen dieser Welt.
Wir sind international,
wo wir saufen – scheißegal!“

Da entsteht augenblicklich Wohlgefühl, das verstehe ich natürlich. Darüber lässt sich auch schon mal vergessen, hernach die Reste der wohligen Entspannung wieder mitzunehmen. So laufen wir weiter Slalom durch angekaute Burger, von Fliegen okkupierte Chicken Wings, verwesende Knochen und verklebte Glutamatnudeln in offenen Styroporverpackungen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Unser Spazierweg führt nicht durch die Anlieferung der örtlichen Müllverbrennungsanlage. Ich fasse also zusammen: Man sollte keine Lebensmittel wegwerfen. Wegen der hungernden Kinder in Afrika und der nichthungernden Hunde in Deutschland. Und vielleicht auch, um dem Verdacht zu entgehen, ein ausgemachter Vollidiot zu sein. Die Verpackungen allerdings sollte man schon wegwerfen. Wobei „weg“ keinen unbestimmten, sondern einen definierten und dafür vorgesehenen Ort meint. Aber ich merke schon. Das ist alles viel zu komplex. Schade.

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7 Kommentare

  • Antworten Gaby Schlechte 4. August 2018 um 21:16

    Hallo Heidi,

    danke für Deine genialen Texte.. darf ich die teilen auch? Oder magst Du das nicht? Gruß Gaby & die Langnasen

    • Antworten Heidi 4. August 2018 um 22:21

      Natürlich darfst Du! Das würde mich sehr freuen!
      Viele Grüße
      Heidi & Panini

  • Antworten Christine 5. August 2018 um 18:50

    Oh, wie ich das verstehen kann! Hier sind es leider weniger die Lebensmittel, die uns das Leben schwer machen… Den Wald (Naturschutzgebiet an einem Stausee, segr idyllisch), in dem wir seit Wochen spazieren gehen, um nicht allzu sehr gebraten zu werden, verwechseln leider zig Leute mit einer öffentlichen Toilette – das ist sooo eklig! Überall liegen hinter Bsumstämm, im Gebüsch und teilweise sogar am Wegesrand die Hinterlassenschaften, gut gekennzeichnet durch einen Stapel Taschentücher daneben. Und 200m weiter befindet sich ein Restaurant, in dem man sicher für einen kleinen Obolus die Toilette nutzen dürfte. Aber nein, leider kacken (bitte entschuldigen Sie die Wortwahl) alle lieber in den Wald >_<

  • Antworten Christine Lönnecke 5. August 2018 um 18:51

    “Sehr” und “Baumstämme” 😉

  • Antworten Sol 5. August 2018 um 19:34

    Vollste Zustimmung!
    Entsetzliche Intelligenzfreiheit v.a. in Parks und Grünanlagen.
    Neulich schrie uns eine Mutter vom Spielplatz hinterher, ob wir für die Hunde auch Tüten hätten…
    Fragte es und warf den Verpackungsmüll in den Sand.
    Auf dem Rückweg sahen wir, wie ihr Kind an einen Baum schiss (sorry für die deutlichen Worte).
    Mit lauter Stimme riefen wir ihr zu, dass wir Hundehalter unseren Dreck immer wegräumen würden,
    ob sie es nicht auch mal versuchen möchte und boten ihr 2 Hundebeutel an:
    1 für die Kinderkacke, 1 für den Müll. Und blieben einfach nur ruhig stehen.
    Sie nahm verdutzt die Beutel an und räumte tatsächlich alles weg.
    War ihr wohl peinlich. Und wir dachten nur: “geht doch”. :-))
    Allerdings sind die jugendlichen Pizzawiderkäuer (muß ich nicht erklären, oder)
    wesentlich synapsenverwirrter: zum Thema “wie entsorge ich meinen Müll” scheint es keine App zu geben,
    die man runterladen kann. Deshalb sieht es so aus, wie es aussieht.
    Da wir einen sehr sehr großen Hund haben, ist das Thema aber immer recht schnell erledigt:
    wir bitten Gruppen, die inmitten ihrer Müllberge abhängen, wenn sie kurz vorm Aufbruch sind und wir es sehen, mit Hund an sehr kurzer Leine (damit es bedrohlich aussieht, auch wenn es n extrem schüchtern-freundlicher Hund ist, was ja keiner weiß ;-)) ) darum ihren Müll nun in den umstehenden Mülleimern zu entsorgen. Und bleiben stehen. Wenn der Blick auf den Hund fällt, gibts keine Nachfragen, und es wird sauber. Bei dummen Sprüchen tun wir wortlos so, als ob gleich die Leine los ist, und zack, gehts doch :-))
    Allerdings ist es schon bedenklich, dass man solche Mechanismen einsetzen muß, um etwas extrem normales einzufordern, wie seinen Müll wegzuräumen!
    Ohne Hund dieselbe Bitte zu äußern hatte NIE denselben Effekt. Ham wer nu gelernt!
    Allerdings haben wir keine Hoffnung mehr, dass dieses Zumüllen aufhört, im Gegenteil…
    VG Sol und Rudel

  • Antworten Anja 6. August 2018 um 10:42

    Leider nur allzu wahr! Und das, obwohl meist in der Nähe ein Abfallbehälter steht. Aber da müsste man ja extra hinlaufen und das ist doch so uncool…kriegt ihr auch manchmal Angst vor der allgemeinen Scheuklappen-Verdummungsgrippe?

  • Antworten Antje 7. August 2018 um 14:32

    Meine Freundin erhielt neulich als Antwort auf ihre Bitte, die leeren Bierdosen doch bitte mitzunehmen: ‘Andere brauchen das Pfand mehr als wir’. Da sieht man Mal, wie sozial die Jugendlichen doch sind. Muss man erst Mal drauf kommen 🤔🙄

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