Draußen

Hunde, die nach hinten gucken.

15. März 2018

Es gibt Dinge, die mich berühren – mitten am Tag, unerwartet und plötzlich. Dann halte ich inne und freue mich. Oder ich denke weiter nach über das, was ich gerade gesehen und spontan gedacht habe. Rentner, die ein Eis essen zum Beispiel. Wenn ich sehe, wie ältere Herrschaften ein Eis essen, schmelze ich dahin, schneller als es das Eis je könnte. Ein Eis, so ein richtiges, italienisches in der Waffel, ist ernährungsphysiologisch nutzlos – aber der Inbegriff eines kindlich, sinnlichen Erlebnisses. Menschen, die Eis essen, ganz gleich, wie alt sie sind, behalten immer etwas von dem Ausdruck in ihrem Gesicht, den Zweijährige haben, wenn sie im Kinderwagen ihr Fäustchen um die Waffel schließen. Man kann ein Eis nämlich kaum wirklich schnell und handfest wegessen wie ein Wurstbrot. Temperatur und Konsistenz sind auf den langsamen Genuss angelegt. Man muss es schlecken und dann kann man der Cremigkeit nachsinnen, vielleicht überlegen, welche Sorte man das nächste Mal nimmt, voller Erwartung weiterschlecken, bis sich die zweite Sorte unter der ersten zeigt. Eisesser entschleunigen automatisch, werden gedankenverloren und eins mit ihrem Eis, was beim Zweijährigen ja auch optisch deutlich wird. Mag die Welt sich in den letzten 50 Jahren einmal auf links gedreht haben – ein Eis ist ein Eis ist ein Eis. Und ganz gleich, ob es vegane Sorten oder Basilikum- und Kardamomeis gibt – die Festung aus Vanille, Schokolade, Erdbeere und Stracciatella steht. Und auch, wenn das Eis heute das zehnfache kostet wie früher: Ein Eis hält für Minuten die Welt an. All das kann jeder begreifen, der sieht, wie ältere Menschen auf einer Bank sitzen und an einem Eis schlecken. Menschen, die unzählige Steuererklärungen, Autoreparaturen, Krankheiten und Sorgen hinter sich gebracht haben, sind gleich auf mit ihren kleinen Pendants im Kinderwagen, die von alledem nichts wissen. Sie genießen die süße Überflüssigkeit und mich würde es nicht wundern, wenn auch 80-Jährige dabei mit den Beinen baumeln. Eisesser berühren mich – besonders solche, die ihr erstes und diejenigen, die vielleicht ihr fünfhundertstes essen.

Mit Hunden hat das alles überhaupt nichts zu tun, aber mit den Momenten der Rührung. Ein solcher ereilt mich auch, wenn ich Hunde sehe, die nach hinten gucken. Manchmal gehen wir auf einem Weg entlang, Panini und ich. Und vor uns läuft ein Paar, das uns gleicht – ein Hund mit seinem Herrchen oder Frauchen. Dann kommt es vor, dass der Hund vor uns Panini entdeckt. Warum weiß man nicht genau, es mag Zufall sein, oder der Wind hat ihren Duft nach vorne getragen. Der Hund blickt sich um und sieht Panini an. In der Regel bemerkt sein Begleiter nichts davon, er geht weiter geradeaus. Und auch der Hund muss weiter geradeausgehen, versucht aber gleichzeitig herauszufinden, wer da hinter ihm läuft. Herrchen oder Frauchen zieht den Hund weiter, der Hund fügt sich. Aber immer wieder dreht er sich einem starken Drang folgend um. Man spürt den inneren Widerstreit zwischen dem Gehorsam, der Pflicht zum Geradeausgehen und der unermesslichen Neugier. Bei besonders eigenwilligen Hunden siegt die Neugier, der Hund macht keinen Schritt mehr, dreht sich um und schaut uns erwartungsvoll entgegen.

Mich rührt aber vor allem der mit sich Ringende, der einen wackeren Kampf ausficht, den sein Besitzer oft überhaupt nicht wahrnimmt. Der Hund geht geradeaus, wie man es von ihm verlangt, aber immer wieder dreht er den Kopf und wirft einen verstohlenen bis offen interessierten Blick zurück. „Wer bist du?“ sagt der Blick. „Ich MUSS es wissen!“ Manchmal kommt es dann tatsächlich zu einer Begegnung, etwa weil Frauchen oder Herrchen an einer Ampel gestoppt wird und wir aufholen. Manchmal lässt sich die entscheidende Frage klären, wer hier wer ist. Aber nicht immer. Gelegentlich biegen Vordermann und Vorderhund auch ab und der Hund wirft einen letzten, beinahe verzweifelten Blick zurück, bevor er sich fügt und mit federndem oder hoppelnden Schritt seiner Begleitung folgt. In einer Welt, die keine Hundewelt ist, in der Menschen das Sagen haben, sind die interessierten Blicke der Hunde, die nach hinten gucken, ein Moment der Ehrlichkeit. Hunde sind immer unverfälscht in ihrem Tun, aber dieser Konflikt zwischen Gehorsam und Hundsein berührt mich besonders. Der Hund gönnt sich etwas, was der Mensch nicht kann – wie würde das denn aussehen, würden wir alle, die wir interessant finden, so unverhohlen anschauen. „Wer bist du – ich MUSS es wissen!“ Solche Blicke können wir uns nicht leisten. Und so erlegen wir dem Hund die gleiche Disziplin auf. Wir müssen weiter, immer weiter. Nur eine Ampel kann uns stoppen. Der Alltag hat uns im Griff. Eine Hundewelt ist das nicht. Aber ob es die beste aller Welten ist? Panini schaut selten nach hinten. Aber angeschaut wird sie oft. Von Hunden, die nach hinten gucken.

Bild © horsesdogscats –istockphoto.de

Viele weitere Panini-Geschichten gibt es jetzt auch im E-Book “Ein Hund namens Brötchen”

Das war interessant? Merk dir diesen Beitrag doch bei Pinterest:

MerkenMerken

Das könnte dich auch interessieren

2 Kommentare

  • Antworten Silvia Fahnemann 16. März 2018 um 21:13

    Besonders lustig ist es wenn wir mit CairnTerrierin-Lucy Eis essen gehen. Sie sitzt dann geduldig vor uns und wartet auf den Rest in dem Eisbecher. Menschen gehen vorbei und lächeln, wenn Sie den kleinen struppigen Hund mit Blick auf das Eis sehen. Wenn sie dann ihr Eis aus dem Becher geschleckt hat und das Mäulchen rundum noch einen braunen Rand hat, schauen eher die Kinder und lachen Lucy an. Das kennen sie alle – einen Eisschnute rundum

  • Antworten Frauke 24. Mai 2018 um 22:00

    Sehr berührend geschrieben. Vielen Dank!

  • Hinterlasse einen Kommentar