Draußen

Die Sache mit dem Tierschutz. Teil 1.

12. Juli 2015

Seit dieser Woche geht Panini in die Hundeschule. Alle Hunde in ihrer Gruppe sind kurioserweise sogenannte Tierschutzhunde. Sie kommen aus Spanien, Rumänien und anderswoher. Man kann das erfreulich finden, denn all diese Hundehalter, mich eingeschlossen, haben darauf verzichtet, sich ein Tier vom Züchter zu holen. Stattdessen haben sie sich auf einen Hund eingelassen, von dem sie wissen, dass er schlecht ernährt und schlecht gehalten wurde, sofern man überhaupt von Haltung sprechen kann. Manchmal werden wir Halter von Auslandshunden dafür gelobt. Und obwohl ich gerne höre, wenn man mein Tun löblich findet, habe ich dabei gemischte Gefühle. Denn für den Tierschutz habe ich ehrlicherweise nichts getan.

Sisyphosjob Straßenhunde einfangen.

Dass Panini bei mir ist, ist eigentlich nur für zwei Wesen gut: Für Panini und mich. Sicher, ihr Umzug nach Deutschland hat einen Platz für ein anderes armes Hascherl frei gemacht, das irgendwo aufgegriffen wurde. Aber dieser Effekt verfliegt schneller als ein Pups im All. Hätte ich für eine der Initiativen gespendet, die die Hunde von der Straße fangen, sie kastrieren und wieder dort hin bringen, ich hätte mehr getan. Denn nur das Eindämmen der Populationen von Straßenhunden, ohne ihnen Schaden zuzufügen, ist eine nachhaltige Hilfe, die Leid verringern hilft. Werden die Tiere eingefangen und in Tierheime gebracht, ist nichts getan. Einzelne Tiere haben zwar im besten Fall die Chance auf minimale medizinische Versorgung oder gar Vermittlung. Die Population auf der Straße wird jedoch nach Kräften versuchen, ihre Schwächung auszugleichen, das haben Untersuchungen gezeigt. Fängt man Hunde von der Straße weg, sind es in kurzer Zeit wieder gleich viele oder gar mehr. So ist das mit der Natur.

Wanted: Pflegestellen in Deutschland.

Als ich nach einem Tierschutzhund suchte, hatte ich immer wieder Kontakt zu Tierschutzorganisationen in verschiedenen Ländern. Ihre Vorgehensweisen sind unterschiedlich. Was immer Mangelware ist, sind Pflegestellen in Deutschland – eine Familie, die den Hund aufnimmt, päppelt, sozialisiert und Treffen mit künftigen Haltern ermöglicht. Viele Organisationen vermitteln deshalb nur direkt. Man wählt den Hund nach ein paar Fotos und mehr oder weniger aussagekräftigen Beschreibungen aus und lässt ihn einfliegen. Das kann gut gehen. Mit viel Glück. Muss es aber nicht. Gerade, wenn bereits ein Hund im Haushalt wohnt, der nicht die Chance hatte, zuvor seine Meinung zur Wahl kundzutun, ist oft Stress angesagt. Auch das habe ich bei meinen Recherchen gesehen: Tierheime, die Tierschutzhunde anbieten, mit denen ihre Familien nicht klar kamen. In meinen Augen ist die Auswahl per Foto ein Glücksspiel.

Andere Organisationen reservieren ihre wenigen Pflegestellen für Tierschutzhunde, die schwer vermittelt werden können. Weil sie alt sind oder groß und schwarz oder weil sie ein Handicap haben, z.B. Leishmaniose. Auch und gerade diese Hunde sollen eine Chance haben, ist das Argument. Doch dann sitzen sie für viele Monate oder gar Jahre auf der Pflegestelle fest, weil sie niemand haben will. Gesunde und junge Hunde können nicht nachrücken. Der Vorteil für ein einziges Tier wird zum Nachteil für viele andere.

Im Idealfall nimmt die Pflegestelle nur einen Hund auf und kümmert sich sorgfältig um ihn. Ein eigener, souveränder Hund, der Pflegebrüder und –schwestern gewohnt ist, ist dabei von Vorteil. Aber es gibt auch Pflegestellen, die nur Sprungbrett sind und die schlechte Bedingungen mit mehreren Pflegehunden bieten. Aus einer solchen kommt Panini. Ich bin froh, dass ich sie schnell von dort wegpflücken konnte. Aus Tierschutzsicht sind solche Pflegestellen zumindest fragwürdig. Wenn ein Tier erkrankt, kann es nicht angemessen versorgt und gepäppelt werden. Alles ist besser als das, wo diese Tiere herkommen, das ist das Credo vieler Tierschützer. Vielleicht. Aber es bleibt ein komischer Nachgeschmack.

Auch wenn ich mich gern gut fühlen würde, weil ich ein Tier aus dem Ausland „gerettet“ habe, so muss ich doch der Wahrheit ins Auge sehen, dass ich für den Tierschutz in Italien, für die vielen anderen zauberhaften Paninis, die noch dort sind, nichts getan habe.

Ohne Gesetze geht nichts.

Was wirklich helfen würde, wären europäische Regelungen, die für genügend finanzielle Mittel sorgen, um frei lebende Tiere zu kastrieren, damit ihre Menge langfristig reduziert werden kann. Die Tierheime nicht nur mit Kopfprämien für untergebrachte Hunde honorieren wie in Italien, sondern gleichzeitig ihre Haltung kontrollieren und Verstöße gegen den Tierschutz schwer bestrafen. Die Misshandlungen genauso bestrafen, wie das Aussetzen oder Töten von Tieren. Das aber würde in vielen Ländern eine grundsätzlich andere Einstellung gegenüber Tieren voraussetzen. Denn dort sind Hunde in der Regel keine Familienmitglieder, sondern austauschbare Nutztiere – als Wachhunde, Spielgefährten für Kinder oder für die Jagd.

Das heißt nicht, dass wir in Deutschland bereits dort sind, wo wir hin müssen. Denn auch hier kommt es immer häufiger vor, dass (unkastrierte) Katzen beim Umzug einfach zurückgelassen werden und das Leid der Straßenkatzen vergrößern. Auch in Deutschland kämpfen Tierschutzorganisationen gegen die großen Populationen der Straßenkatzen – die nur eben weniger sichtbar sind als Hunde. Die Menge der Streuner in Berlin wird auf 100.000 geschätzt. Doch auch bei Hunden ist noch Luft nach oben. Noch immer werden rechtliche Vorschriften auf Tiere angewandt, die auch für Sachen gelten. Wie ein Hund im Auto gesichert wird, interessiert den Gesetzgeber z.B. nur in Bezug auf die Fahrsicherheit. Ob der Hund dabei geschützt ist, ist völlig irrelevant – in diesem Fall ist das Tier nichts weiter als eine Sache.

 

Titelbild © kittiyaporn 1027 – fotolia.de

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