Drinnen

Nachts, wenn Hundehalter verschwinden.

28. Januar 2017

Ich muss es leider sagen, wie es ist: Das Tier hat erschütternd wenige Trennungsängste. Genau genommen hat es gar keine. Panini scheint ein unkaputtbares Vertrauen zu haben, dass ich ihr nicht weglaufe. Aus pädagogischen Gründen mache ich das manchmal bei unserem Spaziergang im Feld, damit das Tier endlich aufhört, auf beiden Backen verrottete und vermutlich bereits selbst gehfähige Äpfel zu fressen. Dann läuft mir Panini – nachdem sie in Ruhe ausgekaut hat – nach und findet mich ohne zu Zögern hinter dem Baum, hinter dem ich mich zur Verblüffung anderer Spaziergänger versteckt halte. Panik sieht anders aus.

Sollte ich ohne den Hund das Haus verlassen wollen, ernte ich zwar schon mal vorwurfsvolle Blicke, aber wenn ich wieder komme, hebt das Tier mit viel Glück nur mal den Kopf. Es kann aber auch sein, dass es sich betont desinteressiert ein bisschen streckt und einfach weiterschläft. Läuft mir das Tier wedelnd entgegen und springt gar an mir hoch, dann ist das nicht etwa ein Ausdruck erfüllter Sehnsucht. Bei uns heißt das: „Puh, zum Glück bist Du jetzt da – ich muss nämlich mal aufs Klo!“

Nachts allerdings sieht die Sache ein bisschen anders aus. Es scheint sich in Hundekreisen herumgesprochen zu haben, dass Hundehalter in den Nachtstunden gelegentlich gruß- und lautlos das Haus durch die Wände verlassen und nie wiederkehren. Das zumindest würde Paninis Verhalten erklären. Beinahe jede Nacht muss sich das Tier vergewissern, dass ich noch da bin. Das Drehbuch für diesen Vorgang ist klar und immer gleich. Panini legt am Fußende eine Pfote auf das Bett. Dann kommt mein Einsatz. Ich sage „Panini, alles gut, geh wieder ins Körbchen.“ Ähnlich wie der Lidschluss- oder Schluckreflex erfolgt dieser Satz bei mir nur durch Beteiligung des Stammhirns, so dass ich dafür nicht erwachen muss. Der Hund legt sich dann wieder hin, seufzt und schläft augenblicklich ein.

In der vergangenen Nacht aber war alles anders. Durch irgendeine Fehlschaltung muss der Reflex bei mir ausgeschaltet worden sein und ich habe meinen Einsatz verpasst. Ich bemerkte es daran, dass ich plötzlich eine Hundenase an meinem Hals hatte, die in einen sehr aufgeregten Hund überging, der sich an mich drängte. Nun doch halb erwacht fragte ich: „Panini, was ist los?“ Aber der Hund hörte mal wieder nicht auf mich. Anstatt zu sagen: „Ich hatte einen total blöden Traum und da bin ich aufgestanden, um zu sehen, ob Du noch da bist, aber die Decke bewegte sich nicht und als ich gefragt habe, hast Du nichts gesagt und da war ich furchtbar beunruhigt und wollte nach Dir sehen und jetzt bin ich so unglaublich froh, dass Du noch da bist!“, bohrte das Tier seine Nase abwechselnd an meinen Hals und in meine Achselhöhle, als hielte ich dort mehrere Feinunzen Kalbsleberwurst versteckt. Oder rottige Äpfel. Außerdem wollte es lang anhaltend gestreichelt und gekrault werden und kuscheln. Kuscheln bedeutet, dass das Tier 17,5 kg an und auf Körperstellen von mir wirft, die dafür nicht gemacht sind. Wenn ich auf der Seite liege, bedeutet kuscheln die Decke hochheben und das Kinn auf die Taille legen, so dass es mir an den Rücken zieht. Kuscheln heißt auch einfach nur durch geschicktes Querlegen 98% der Bettbreite einnehmen und meinen Unterkörper zum Absterben bringen. All das macht das Tier gern, aus purer Erleichterung darüber, dass ich nicht, wie andere Hundehalter, nachts um vier Uhr das Haus und vermutlich auch das Land für immer verlassen habe. Das tut das Tier übrigens auch, wenn es draußen donnert oder stürmt oder schießt, oder wenn das Tier Bauchweh hat. Das traf aber letzte Nacht nicht zu. Panini war trotzdem nicht mehr dazu zu bewegen, ins Körbchen zu gehen. Apropos „nicht mehr bewegen“, meine Beine sind immer noch taub. Aber was macht man nicht alles, damit das Tier keine Trennungsängste hat.

Diese und viele weitere Panini-Geschichten gibt es jetzt auch im E-Book “Ein Hund namens Brötchen”

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2 Kommentare

  • Antworten Inken 28. Januar 2017 um 15:26

    Hach, zwar machen meine Jungs schon ein Veitstanz, wenn ich nur den Müll vor die Tür gebracht habe und dann zurückkehre, aber die nächtlichen Routinen kenne ich. Es wird sowohl überprüft ob ich noch da bin, als auch gerne, ob ich noch atme. Dazu steckt man mir eine kalte, feuchte Hundenase ins Gesicht. Bei Gewitter schlafen 2 Hunde auf mir (24 und 18 kg) und am liebsten schläft Voltaire auf meiner Decke… an mich (unter der Decke) gedrückt. Und ich weiche so lange ob des Druckes zurück, bis er die Decke für sich alleine hat.Ich versuchte schon das Problem mit einer Zweitdecke zu lösen. Die ist aber uninteressant, wenn ich nicht darunter liege……Heidi, Du bist nicht allein 🙂

  • Antworten Victor 30. Januar 2017 um 22:11

    Unsere beiden sind auch immer aus dem Häuschen wenn wir wieder nach Hause kommen. Man hört schon das kreischen und bellen vor der Haustür ^^. Beim weggehen ist es Situationsabhängig und je nach Uhrzeit kommen sie gerne mit oder bleiben lieber im Bett…

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