Drinnen

Unübertroffene Reinheit: Über die Verantwortung von Bloggern.

8. Juli 2016

Heute liegt mir ein Thema am Herzen, was vielleicht ein bisschen Off-Topic ist. Denn es geht nicht in erster Linie um meine Panini oder andere Hunde, sondern um das Bloggen an sich. Allerdings hat es viel mit Hundeblogs zu tun und deshalb passt es dann doch ganz gut hierher.

Nicole von Moe & Me hat dieser Tage ein Blogpost veröffentlicht, in dem es um die Vorbildfunktion von Bloggern geht und in wie weit Blogautoren Verantwortung für das übernehmen sollten, was sie da schreiben. Sie vertritt grundsätzlich die Ansicht, dass Blogautoren nach bestem Wissen und Gewissen ihre eigenen Erfahrungen wiedergeben und deshalb noch lange nicht automatisch Ratgeber für anderer Leute Hunde sein können. Jedem Leser stünde frei, die Aussagen zu überprüfen und eine Erfahrung als Tipp anzunehmen oder nicht. Dem stimme ich zu. Und zwar dann, wenn es sich wirklich um nichts als persönliche Erfahrungen handelt und sie auch als solche erkennbar sind. Doch das ist bei weitem nicht immer so und deshalb sehe ich das mit der Verantwortung ein bisschen anders.

Der Blogger als Influencer: Vertrauensbonus durch Unabhängigkeit

Nun gibt es gute und schlechte Blogs und man könnte sich als Leser einfach die guten aussuchen. Fertig. Doch das ist heute gar nicht mehr so leicht. Dank der Fülle an hübschen Blogthemes haben viele Blogs heute ein professionelles Erscheinungsbild. Private Blogs lassen sich von denen der Profis kaum unterscheiden. Laien arbeiten sich so intensiv in Themen ein, dass beispielsweise die Aussagen eines interessierten Hundehalters zur Ernährung mindestens so fundiert sein können, wie die auf der Webseite eines (vielleicht selbsternannten) Hundeernährungsberaters. Private Blogs genießen obendrein einen besonderen Vertrauensbonus. Schließlich weiß der Leser, dass mit den Aussagen keine kommerziellen Interessen verbunden sind. Es ist also gar nicht abwegig, dass Leser einem gut gemachten privaten Blog viel Vertrauen entgegenbringen – möglicherweise mehr als er verdient.

Selbst schuld! Mag manch einer rufen. Schließlich haben wir gelernt, dass wir alles überprüfen, nachgoogeln, absichern müssen, was wir lesen. Dafür wird heute zu viel Unfug in die Welt gesetzt. Aber kann man das wirklich immer? In Wahrheit sind wir alle heute heillos überfordert mit den Informationen und Fragen, die auf uns einströmen, wenn wir es wirklich richtig machen wollen. Ist Knoblauch giftig für Hunde? Ab welcher Menge? Gibt es Ausnahmen? Welches Hundegeschirr sitzt gut und verrutscht nicht? Darf ich meinem Hund ein Geweih zum Kauen geben oder schädigt es die Zähne? Und das sind jetzt nur drei Fragen den Hund betreffend. Solche Fragen gibt es für jeden und alles in unüberschaubarer Zahl. Und hier kommt der gern gelesene, reichweitenstarke Blogger ins Spiel. Eine unabhängige, sympathische Stimme mit viel persönlicher Erfahrung. Diese Stimme hat als Orientierung in einer unübersichtlichen Welt Gewicht und das sollten wir sehr ernst nehmen.

Unternehmen nennen Blogger „Influencer“, Menschen, die andere in ihren Entscheidungen beeinflussen. Und genau das sind wir. Ob wir diese Rolle ablehnen oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle. Wir haben sie nun mal. Das heißt natürlich nicht, dass unsere persönlichen Erfahrungsberichte auch für andere gelten müssen. Aber wie eingangs schon gesagt, müssen sie dann als solche erkennbar sein. In den drei nachfolgenden Fällen ist das ganz bestimmt nicht der Fall.

Der Ton macht die Musik: Blogs als fachliche Ratgeber

Mir sind in den letzten Monaten einige Blogs aufgefallen, die sich sehr eindeutig im Ratgeberton an ihre Leser wenden. Sie schreiben: „Ich berichte euch heute, was ihr tun müsst, damit …“. Oder: „Hier die fünf wichtigsten Tipps, mit denen ihr XY künftig vermeiden könnt“. So etwas verbuche ich nicht unter „persönliche Erfahrung“ sondern unter Ratgeber. Wer so etwas schreibt, muss damit rechnen, dass andere der Empfehlung folgen und übernimmt damit auch Verantwortung, dass er nichts Gefährliches empfiehlt. Mein Eindruck ist, dass viele Herrschaften sich dieser Verantwortung absolut nicht bewusst sind, zumal lässt das der Bullshit vermuten, der sich zuweilen in solchen Ratschlägen verbirgt. In Foren passiert so etwas ständig, aber da ist in der Regel schnell ein weiteres Forenmitglied zur Stelle, das die Sache korrigiert. Im Blog aber stehen solche Dinge in einem professionell aufgemachten Layout, mit hübschen Fotos, die die Qualität des Textes oft weit überragen.

Quellen und Studien: Blogposts mit wissenschaftlichem Anstrich

Manche Blogger verwenden auch Studien und wissenschaftliche Quellen, um ihre Aussagen zu untermauern. Das unterstreicht natürlich auch die Glaubwürdigkeit des Artikels insgesamt. Welche Studien weggelassen und übersehen wurden, sieht der Leser natürlich nicht. Dennoch ist er oft geneigt, dem Blogger besonders zu vertrauen, denn welches Interesse sollte der haben, etwas zu verschweigen? Er ist ja nicht kommerziell involviert. Auch hier sehe ich besondere Verantwortung. Natürlich kann der Blogger wissenschaftliche Quellen verwenden. Aus meiner Sicht wäre es aber gut, dann z.B. zu schreiben: „Das hier hat mich besonders beeindruckt. Wenn das wirklich so ist, hätte das Produkt enorme Vorteile.“ Anstatt: „Das hier beweist eindeutig, dass das Produkt allem anderen überlegen ist.“

Das beste Beispiel, wie sehr Leser Bloggern vertrauen, bin ich in diesem Zusammenhang übrigens selbst. Das berühmte und wohl schwergängige Werk zur Ernährung von Hunden von Meyer/Zentek steht nicht in meinem Regal, ich habe es selbst nie gelesen. Alles, was ich darüber weiß, habe ich aus zweiter Hand, aus populären Büchern, aber auch aus Blogs.

Lang lebe copy & paste: Die Produkttests

Diese Kategorie hat mir in letzter Zeit schon öfter den Blutdruck in die Höhe getrieben. Selbstverständlich kann jeder testen, was er möchte, gut finden, was er will und loben, was er für lobenswert hält. Die Frage ist allerdings, wie das passiert. Wenn jemand etwa schreibt: „Mich hat die Zutatenliste überzeugt. Der Hund hat es sehr gern gefressen und hervorragend vertragen. Ich würde das Futter jederzeit bedenkenlos weiterempfehlen“, finde ich das vollkommen in Ordnung. Daraus leitet sich keineswegs ab, dass andere Hunde das Futter ebenso gut vertragen oder die Zutatenliste tatsächlich überzeugend ist.

Allerdings bin ich verblüfft, wie leichtherzig sich manche Blogger als pure Reichweitenverlängerer von Unternehmenshomepages betätigen. Nicht nur, dass die Original-Superlative der Produkt-Werbetexte übernommen werden wie „einzigartige Zusammensetzung“, „überragende Qualität“ oder „unübertroffene Reinheit“. Es werden auch komplette und längere Textpassagen per copy & paste in den eigenen Blog gehievt. Und zwar nicht als erkennbares Zitat wie „Der Hersteller schreibt dazu:“, sondern so, dass absolut nicht erkennbar ist, wo der Produkttext des Herstellers aufhört und der Blogtext anfängt. Ich habe neulich den Text aus einem Blog zitiert, nicht wissend, dass es sich um Text der Hersteller-Homepage handelt. Da werde ich kiebig. Dass man fremde Texte als solche kennzeichnen muss, kann man ja durchaus in der Schule gelernt haben.

Hier könnte ja nun wieder jemand einwenden, dass Produkttests bekanntermaßen subjektiv sind und ohnehin mit Vorsicht zu genießen. Und manchmal steht ja sogar noch „Werbung“ drüber. Leider entspricht das aber nicht dem hohen Anspruch, den Blogger an sich selbst haben. Jeder Blogger legt in der Regel großen Wert darauf, dass seine Tests absolut unabhängig und unbeeinflusst sind. Das widerspricht der copy & paste-Nummer aber ganz schön.

An dieser Sache ärgern mich zwei Dinge: 1. Wie leichtfertig Blogger hier mit dem oben erwähnten Vertrauen umgehen, das ihnen Leser entgegen bringen, indem sie Worte eines Herstellers nicht erkennbar mit den eigenen mischen. 2. Wie einzelne Blogger den Ruf der Blogger insgesamt negativ beeinflussen. Nicht nur, dass Leser irgendwann den Eindruck gewinnen könnten, Blogger wären „eh alle gekauft“, ein Vorwurf, mit dem wir ohnehin schon leben müssen. Nein, auch viele Unternehmen verstehen Blogger als „Marketing-Instrumente“, die stumpf die Hersteller-Botschaften verbreiten, sogar mit den original Texten, nur gewürzt durch persönliche Fotos und mit dem notwendigen Sahnehäubchen des glaubwürdigen, unabhängigen Umfelds. Das sehe ich sehr kritisch.

Ich würde mir wünschen, dass sich Blogger bewusst sind, wie schnell sie bei ihren Lesern Vertrauen genießen, wenn sie sympathisch sind und einen hübsch gemachten Blog haben. Dass sie verstehen, dass sie mit ihren Worten Einfluss auf ihre Leser nehmen und dass sie umsichtig und sorgfältig mit dieser Verantwortung umgehen. Aus meiner Sicht ist das leider oft nicht der Fall.

 

Bild © twinsterphoto – istockphoto.com

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6 Kommentare

  • Antworten Christiane 8. Juli 2016 um 16:50

    Sehr guter Artikel!
    Ich versuche immer, bei meinen Posts möglichst sensibel mit solchen Dingen umzugehen.
    Übrigens habe ich allen Ernstes mal mitten im Text eines Bloggers, den ich bis dahin eigentlich gerne gelesen hatte die Worte “PRESSEMITTEILUNG SEITE 2/3” gelesen. Das fand ich dann schon sehr peinlich. Es handelte sich in dem Fall auch um einen Produkttest, der dadurch natürlich unglaublich glaubwürdig rüberkam.
    Grüße an das Brötchen! 🙂

  • Antworten Andrea 8. Juli 2016 um 19:42

    Also ich weiß nicht. Ich bin dann doch schon eher Nicoles Ansicht, dass die Verantwortung ganz bei mir liegt, welche Informationen ich aus Hundeblogs für mich und insbesondere für meinen Hund übernehme. Und wenn ich schon nach Informationen im Netz suche, dann bestimmt nicht nur auf einem Medium. So viel Zeit muss sein…

    Vorbildfunktion?! Ich habe ja eher den Eindruck, das hätten die meisten Hundeblogger gerne, dass man sie so sieht und wahrnimmt! Dabei ist das meiste, was man so zu lesen kriegt, doch einfach nur ungefiltert dahingeschludert – von professionellen Fotos ganz zu schweigen. Vielleicht ist deshalb auch copy & paste so beliebt. Wer sitzt schon ne Woche an seinen Artikeln und recherchiert diese ausgiebiegst. Beim Bloggen kann es ja dem Blogger um viele Dinge gehen, warum er tut, was er da tut, aber das Beste für seine Leser zu wollen, dürfte bei den meisten ganz sicher nicht an erster Stelle stehen. Dann sollte man nämlich meiner Meinung nach lieber gar nichts bloggen. Wer hat schon den Überblick über seine gesamte Leserschaft und hat deren persönliche Situation jemals live vor Ort gesehen. Wie kann man da von irgendwelchen allgemeingültigen Ratschlägen reden, die kann es gar nicht geben. Ne, die Verantwortung liegt schon bei mir selber…

    Keine Ahnung, aber ich habe noch nie einen Blog aus Deiner oben gelisteten Perspektive betrachtet. Da gibt es sicher lustiges, interessantes, skurriles und hoffentlich auch in Zukunft noch vielfältiges zu finden. Aber einen besonderen Vertrauensbonus hat bei mir niemand. Warum auch, sind es doch immer nur eigene Erfahrungswerte oder die anderer Personen, die wiedergegeben, zitiert oder eingefügt werden – egal in welchem Look der Blog erscheinen mag.

    Das einzige, worauf ich vertraue, ist, das meine Leser ihren eigenen Kopf benutzen…, aber ich weiß, mein Blog gehört ja auch nicht in die Kategorie DER GUTEN, obwohl ich schon auch das ein oder andere zu sagen habe… lach

    Liebe Grüße

    Andrea mit Linda

  • Antworten Sabine Fuchs 14. Juli 2016 um 9:10

    Ganz viel tolle Anregungen zum Weiterdenken, Danke!!! Jetzt rattert es ordentlich in meinem Kopf 😉

  • Antworten Danni 1. Oktober 2016 um 16:19

    Hallo Heidi! Ich stieß gerade “nachträglich” auf deinen Post hier und muss sagen: du sprichst mir aus der Seele. Mindestens mal was den Punkt mit der Verantwortung betrifft. Mich fixen vor allem die Pseudo-Erziehungsratschläge wie “Welpenspielgruppe braucht man nicht wirklich” und “ein Hund sollte sich frei entfalten können” an…ich wollte demnächst ebenfalls einen Artikel dazu verfassen und freue mich nun einen tollen Linkverweis setzen zu können.
    Ganz liebe Grüße
    Danni

  • Antworten Birgit Jaklitsch 24. September 2018 um 18:10

    Liebe Heidi,
    da hast Du es ja mal wieder auf den Punkt gebracht. Du hast mir aus der Seele gesprochen.

    Ich übergehe diese “5-Gründe-warum-Dein-Hund…” Artikel mittlerweile ganz und gar. Denn wer glaubt, er kann so ein komplexes Thema wie Hundeerziehung oder Hundeverhalten auf 5 Tonics reduzieren, der kann es nicht können. Ich sehe es wie Du – persönliche Erfahrungsberichte müssen nicht wissenschaftlich korrekt sein, wenn sie nicht als Expertentipis “verkauft” werden.

    Liebe Grüße
    Birgit

  • Antworten Fünf Gründe... drei Tipps... ein Schnarch... - goodfellows 29. September 2018 um 10:23

    […] treffenden Artikel über die Verantwortung von Bloggern geschrieben. Den ganzen Artikel könnt Ihr HIER! […]

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