Drinnen

Ich bin kein Rudelführer.

30. April 2015

Seit Jahren kämpfen Hundeliebhaber gegen die Vermenschlichung von Hunden. Es wird Zeit, dass mal jemand gegen die Verhundelung von Menschen angeht.

Die Hundeliebhaberwelt hat etwas aufzuholen. Jahrzehntelang wurden Hunde mit Essensresten gefüttert, mampften Königsberger Klopse und Hawaiitoast. Sie durften auf die Couch und hatten Halsbänder mit Herzchen und Näpfe mit Namen.

Heute greift eine alles erschlagende Floskel um sich, die sich der Vermenschlichung von Hunden entgegenstemmt: „Nicht artgerecht!“ Der Hund ist nunmal kein Mensch, rufen die Hundeliebhaber aus und lehren uns, wie ein Hund zu denken. Der Hund stammt vom Wolf ab, jawohl und so müssen wir ihn auch betrachten. Damit wir ihm uns überhaupt nähern können, müssen wir vor allem eins: Rudelführer werden! An der Spitze der Rudelführer-Bewegung: „Hundeflüsterer“ Cesar Millan. In einer Art Casting-Show mit Hundehauptpreis lässt er Menschen gegeneinander antreten, die ihren Namen in die Kamera rufen und den Zusatz: „Und ich möchte Rudelführer werden!“ hinterherschleudern. Auch „Hundeflüsterin“ Maja Nowak (vielleicht gibt es ja irgendwo ein Hundeflüsterer-Nest) arbeitet nur mit dem Rudel-Prinzip. Jeder Hund, so sagt sie, hat eine angeborene Position in einem Rudel, unabhängig von seiner Rasse oder Geschichte. Sie lässt Hundebesitzer hintereinander Gassi gehen, den Hund in der Mitte, damit er seine Rudelposition als „mittlerer Wächter“ ausleben kann.

Als Rudelführer muss man natürlich ein paar Dinge beachten. Niemals darf man den Hund zuerst durch eine Tür gehen lassen. Sonst ist man in den Augen des Hundes eine Flasche und nicht der Chef. Der Hund darf auch nicht vor dem Rudelführer seine Mahlzeit bekommen. Der Hund soll nicht erhöht liegen und wenn man falsch mit ihm kuschelt, verliert man den Respekt des Hundes. Der Hund darf nie vor einem gehen, am besten immer einen Schritt hinter dem Rudelführer.

Fragen über Fragen.

Als Hundeneuling seh ich mir das natürlich alles an. Und das Fragezeichen über meinem Kopf wächst. Wie kann das gehen? Wenn ich der Rudelführer bin, ist dann Panini das Rudel? Ist ein Hund nicht ein bisschen wenig für ein Rudel? Sind eine Triangel und eine Geige ein Orchester?

In ihrem Buch „Das andere Ende der Leine“ weist Patricia B. McConnell darauf hin, dass Wölfe gar nicht in einem Rudel leben. Zumindest nicht so, wie man sich das vorstellt. Sie leben in einem Familienverband aus höchstens drei Generationen, wobei die beiden Kindergenerationen von ein und dem selben Elternpaar stammen. Die Rudelführer sind ganz einfach die Eltern. Das verwirrt mich nun noch mehr. Wie passt das alles zusammen? Soll Panini denken, ich wäre ihre Mutter?

Und ich mache schon wieder alles falsch. Gleich hinter unserer Haustür sind innen drei Stufen. Panini nimmt verletzungsbedingt immer ein bisschen Anlauf und fetzt diese Stufen nach oben. Vor mir. Ich hab sie ja an der Leine. Anders wäre es sehr unpraktisch. Ich müsste sie sitzen lassen, die Tür aufschließen, die Tür festrasten, die Treppen mit der Leine hochgehen, dann den Hund nachrufen, wieder sitzen lassen und die Treppen wieder hinuntergehen, um die Tür zu schließen.

Das Tier bekommt zuerst sein Fressen. So ist sie satt und schläft, während ich in Ruhe kochen kann. Oder zum Bäcker gehen. Ich kann bei der Arbeit frühstücken und mir einen zweiten Kaffee kochen, ohne daran zu denken, dass der Hund jetzt auch mal langsam … Das Tier läuft oft vor mir. So sehe ich, wie sich ihr Bein heute macht, ob sie unrund läuft oder humpelt. Ich sehe, ob sie locker ist oder vom Schwimmen Muskelkater hat. Ich sehe, wie sie auf einen entgegenkommenden Hund reagiert und ob ich sie kurz halten muss. Ich sehe, wie sie einem Schmetterling nachschaut und überprüft, ob die Katze zuhause ist, die an der Ecke wohnt und oft innen auf dem Fensterbrett sitzt. Ginge der Hund hinter mir, würde ich nicht mal gleich mitkriegen, wenn er mal muss. Eigentlich bräuchte ich gar keinen Hund. Ich könnte ja einfach eine Leine in die Hand nehmen und mir vorstellen, ich hätte einen. Sehen würde ich ihn ja so oder so nicht.

Nicht artgerecht!

Aber so lebt das Tier überhaupt nicht artgerecht. Sie wird nicht gebarft (nicht artgerecht!), liegt in einem orthopädischen Hundebett (welcher Wolf tut das schon?) und bekommt zum Schwimmen eine Schwimmweste an (nicht artgerecht!). Und ich bin eine Versagerin als Rudelführerin. Ich trage sie auf den Treppen (eine erhöhte Position verstärkt Machtgefühle!) und sie kann immer noch nicht bei Fuß gehen. Ich umarme sie (Hunde hassen umarmen – nicht artgerecht!) und rede mit ihr (nicht artgerecht!).

Das liegt alles daran, dass ich ein Mensch bin. Was ja auch so eine Art Art ist. Zuallererst achte ich darauf, dass ich artgerecht lebe. Und für Menschen ist es nun mal artgerecht, dass sie in ganzen Sätzen sprechen. Selbst mit Tieren. Und dass sie essen, wann es ihnen passt und Hunden dabei zusehen, wie sie die Welt entdecken. Wie es scheint, achtet auch Panini drauf, dass ihr Mensch artgerecht lebt. Sie holt sich aus ganzen Sätzen das wichtigste raus und macht es einfach. Sie drängelt sich unter meiner Achsel hindurch und bringt sich selbst in die Position, umarmt zu werden. Und oft wartet sie beim Spazierengehen auf mich, damit ich lahmer Mensch aufholen kann.

Vielleicht ist es super Rudelführer zu sein, wenn man ein Rudel hat. Wenn man einen einzigen handelsüblichen und nicht weiter verhaltensauffälligen Hund hat, sollte es doch irgendwie genügen, der liebevolle Kumpel zu sein, auf den man sich verlassen und dem man vertrauen kann. Und der deshalb auch die Entscheidungen trifft. Ich bin und bleibe Mensch, der die Welt mit Menschenaugen sieht. Rudelführung überlasse ich gerne tatkräftigen und dazu begabten Hyänen.

Diese und viele weitere Panini-Geschichten gibt es jetzt auch im E-Book “Ein Hund namens Brötchen”

Titelbild: ©AdrianHillman – istockphoto.com

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8 Kommentare

  • Antworten Sabine Fuchs 14. Juli 2016 um 9:31

    Yess!!!
    Ich habe zwei Hündinnen – lang domestizierte Haushund-Mischlinge, keine Wölfe.
    Sie lieben es, umarmt zu werden, von mir und besonders den Kinder.
    Sie können es nicht leiden, von Fremden auf dem Kopf gestreichelt zu werden, daher verhindere ich es.
    Sie versuchen sich vor mir durch die Tür zu drängeln, was ich verhindere, weil ich Drängler nicht leiden kann.
    Sie laufen beim Spazieren Gehen vor mir, weil ich Freude daran habe, ihre schönen Bewegungen zu sehen und SIE sich umdrehen müsse, wenn wir kommunizieren und nicht ICH 😉
    Wir essen abends vor ihnen, weil sie mehr Geduld haben als die Kinder und wir, wenn wir hungrig sind. Tagsüber mal so mal so.
    Hundehaare auf dem Sofa mag ich nicht, aber die kleinere passt gerade noch auf meinen Schoß und darf das manchmal abends.
    In der Erziehung muss ich konsequent sein mit dem, was ich erlaube und was nicht, sonst bilden sie sich ein, sie können machen, was sie wollen (vor allem andere Hunde anrüffeln).
    Ich finde, man sollte das Ganze (wie du beschreibst) mit etwas fachlichem Hintergrund vor allem pragmatisch und individuell handhaben und glaube, dass meine Hunde ungefähr so hundegerecht leben wie ich menschengerecht lebe (davon sind viele ja auch sehr weit weg).

  • Antworten Kimberly 7. Juli 2017 um 10:58

    Danke! Du sprichst mir aus der Seele!

    Da musste ich doch glatt meine Freundin etwas anschnauzen, als Sie meinte mein Hund dominiere mich in dem er seine Pfote auf meine Hand gelegt hat, als ich neben ihm saß … auf dem Boden 🙁 ich schlechte Rudelführerin.

    Er hat das von Anfang an gemacht und damit unsere Nähe gesucht, auch im Auto. Wenn kuscheln nicht ging oder zu warm war.

    Ihr Blick… aber sie hat ja alle Cesar Mellan Videos auf Youtube gesehen … 😀

  • Antworten Erwin Polreich 19. Oktober 2017 um 8:33

    Liebe Heidi,
    du sprichst mir auch aus der Seele.
    Ich habe einen Eurasierbuben namens Milow, der jetzt zwei einhalb Jahre alt ist.
    Meine Hundetrainerin hat mir vor kurzem einmal gesagt, dass sie mich am Anfang belächelt hat, weil ich meinem Hund immer allles erklärt habe, was wir jetzt machen und auch schon mal mit ihm verhandelt habe. Aber, hat sie gemeint, jetzt lächelt sie nicht mehr, weil sie sieht, was ich für Erfolge damit habe.
    Wir sind zwei Kumpel geworden, wo der eine sich in der Natur deutlich besser auskennt und der andere sich in der Menschenwelt besser auskennt. Und jeder kann vom anderen lernen.
    Und dann kann es schon passieren, dass er wenn ich an einer befahrenen Straße stop sage vor dem Überqueren, er steht und wartet bis ich sage “gehen wir”, hingegen in unserer Gasse wo dreimal am Tag ein Auto fährt, ich stop sage, er stehen bleibt, links und rechts schaut und wenn nichts kommt mich innerlich kopfschüttelnd ansieht und losgeht. Im Siedlungsgebiet ist er aber immer an der Leine, weil eine Katze auf der anderen Straßenseite, wäre in Grund voll durchzustarten. Außerdem schreiben das die Hundehaltungsgesetze vor…

  • Antworten Ulrike Arndt 10. Februar 2018 um 23:16

    Hallo,

    kommt wohl drauf an was man für einen Hund hat. So würdest Du bei
    meinem Boxer jedenfalls nicht weit kommen, lach….

    Gruß Ulrike

  • Antworten T 10. Mai 2018 um 11:36

    Sehr gut geschrieben, Heidi,…… Endlich, es gibt auch Hundebesitzer die nicht alles so machen wie die Hundepromies, im TV, es uns vormachen wollen.
    Gruß , Tina

  • Antworten T 10. Mai 2018 um 11:37

    Sehr gut geschrieben, Heidi,…… Endlich, es gibt auch Hundebesitzer die nicht alles so machen wie die Hundepromis, im TV, es uns vormachen wollen.
    Gruß , Tina

  • Antworten Stephan 16. Oktober 2018 um 15:19

    Ich habe an manchen Stellen herzhaft gelacht. Manches sollte man wirklich nicht so streng sehen. Natürlich braucht ein Hund Führung und wenn er dir vertraut und merkt, dass du ihn beschützt, wird er sich an dir orientieren. Es ist halt oft nicht so leicht, einen für beide Seiten akzeptablen Weg zu finden. Aber wenn sich mein Hund halbwegs normal benimmt, kann ich ja nicht so falsch liegen.

  • Antworten Stephie Richter 10. Januar 2019 um 13:40

    Amen, bin ganz Deiner Meinung!

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