Draußen

Entscheidend ist, was hinten rauskommt.

19. Februar 2020

Neulich musste ich auf einer unserer Frischluftrunden plötzlich unvermittelt stoppen. In einiger Entfernung spielte sich eine Szene ab, die mich faszinierte und ich wollte einerseits nichts verpassen, andererseits nicht als Gaffer enttarnt werden, was beim Weitergehen sicher geschehen würde. Eine Frau mit einem mittelgroßen Hund hatte sich in die Tasche gegriffen und zwei Kacksackerl zutage befördert. Umständlich hatte sie beide ineinandergestülpt, so dass ein doppelwandiges Modell entstanden war. Danach griff sie abermals in die Tasche und holte einen großen, grünen Gummihandschuh heraus. Sie zog ihn sich auf die rechte Hand, schlüpfte damit in das nicht mehr gefühlsechte Doppeltütchen, bückte sich und versuchte nun offenbar einen Hundehaufen aufzusammeln. Da sie um größtmögliche Distanz zum Geschehen bemüht war, gestaltete sich die Sache aufwendig. Panini wurde unruhig an unserer Leine und so ging ich weiter. (Ich habe gelegentlich das Gefühl, das Tier glaubt, mich an der Leine zu führen und so ist es wohl „unsere“ Leine). Was mag die Frau zu derartigen Vorsichtsmaßnahmen bewegt haben? Eine Hundehaufenallergie? Hatte der Hund Plutonium gefressen? Oder war sie einfach nur ein besonders ausgeprägtes Exemplar der Kategorie „Igittigitt“?

Das ist doch unwürdig!

Als ich mich mit dem Gedanken trug, Alltag, Wohnstatt und Konto mit einem Hund zu teilen, gab es ein geteiltes Echo in der Bekanntschaft. Grob gesagt variierten die Reaktionen zwischen „Hurra!“ und „Oa, nee, in der Stadt muss man ja immer die Haufen aufsammeln…“, ein Entscheidungskriterium, was bei mir auf Platz 736 rangierte. Danach kommen nur noch Überlegungen wie: „Da muss man ja einen Napf kaufen!“ oder „Und was, wenn der Hund mal rülpst?“ Im Laufe der Zeit habe ich dann festgestellt, dass die Haufensache für erstaunlich viele Menschen eine große Rolle spielt. Insbesondere Männer neigen dazu, sich erniedrigt zu fühlen, wenn sie als menschliche Klospülung gefragt sind. Tatsächlich scheint es dabei nicht um Ekel zu gehen, sondern darum, als Ranghöherer in gebückter Position unwürdige Tätigkeiten ausführen zu müssen. Hätte die natürliche Rangfolge Bestand, müsste eigentlich das Tier die Sanitäranlagen des Menschen säubern, nicht andersherum. Während es die meisten Katzenbesitzer als vollkommen natürlich empfinden, Bedienstete ihrer Tiere zu sein, tut sich der Nichttierbesitzer schwer, ausgerechnet einem hündischen, also unterlegenen Wesen, im biblischen Sinne die Füße zu waschen. Dabei hat der Hund von der Sammelei keinerlei Vorteile – wohl aber die Mitmenschen, die von den Hinterlassenschaften verschont bleiben. Aber auch der Dienst an der Gemeinschaft widerspricht offenbar dem Selbstverständnis vieler Menschen, wie jeder tagtäglich feststellen kann.

Kein Scheiß!

Ihnen wäre sicher schwer zu vermitteln, dass es mühelos gelingt, ein neutrales, ja sogar ausgesprochen freundliches Verhältnis zu dem zu entwickeln, was jeden Morgen den Hund verlässt. Nichts gibt mir so zuverlässig Aufschluss über den unsichtbaren Teil der Hundegesundheit. Innere Organe humpeln schließlich nicht. Ich kann mich vergewissern, dass die von mir selbst zusammengestellten Hundemahlzeiten verträglich sind und was gegebenenfalls unverdaut zurückbleibt. Ich kann sofort erkennen, wenn etwas nicht stimmt, weiß, wie viel Knochenanteil passend ist und ob ich dem Tier erlauben kann, von den Rüben im Feld zu naschen. Ich bemerke erleichtert, dass das aufgenommene Bonbonpapier zwar ohne den vormaligen Inhalt, aber vollständig den Weg nach draußen gefunden hat. Wer jemals einen Hund mit schlimmem Durchfall hatte, versteht, wie glücklich einen Menschen ein gestalteter, solider Haufen machen kann. Wie sonst sollte ich in kürzester Zeit erkennen, ob Wesentliches im Tier funktioniert oder nicht? Ob es mehr trinken sollte oder ein Wurmtest fällig ist, ob die Bauchspeicheldrüse auf Zack ist und ich die Gelenktabletten weiter geben kann? Ich bin dankbar für den frei Wiese gelieferten Gesundheitsbeweis. Macht das Tier öfter hintereinander auf freies Feld oder geht eine andere Person Gassi, werde ich unruhig, weil mir der selbstverständliche Check fehlt.

Not my business?

Und auch das stimmt: Der Output MEINES Hundes ist nicht irgendeiner. Das, was ich selbst zuvor in einen Napf gegeben habe, hat den Körper meines geliebten Tieres durchwandert und was nicht gebraucht wurde, kommt nun zum Vorschein. Wie könnte mir davor ekeln? Fremde (kalte!) Haufen aufzusammeln ist dagegen noch immer bäh, ich mache es trotzdem gelegentlich. All die oben angeführten Vorteile fehlen dabei. Es bleibt nur der Dienst an der Gemeinschaft und am Ruf des Hundehalterkollektivs. Das ist unterm Strich aber gar nicht mal so wenig. Oder um es mit Helmut Kohl zu sagen, der im Laufe seines Lebens etliche Hunde besaß: Entscheidend ist, was hinten rauskommt.

 

Titelbild © HeatherPhotographer – istockphoto.de

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13 Kommentare

  • Antworten Jürgen Morath 19. Februar 2020 um 18:08

    🙂

    Sehr schön!

  • Antworten Eva roithmeier 19. Februar 2020 um 21:19

    Hallo Heidi,
    Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe auch schon fremde Haufen aufgesammelt, weil die halt auf unserer Strecke lagen.
    Und ich freue mich immer so, wenn das Output unseres Hundes sozusagen in Ordnung ist. Deswegen werde ich auch nie verstehen,warum, nicht nur manche, sondern viele Hundebesitzer ihre vermeintlich SO GELIEBTEN Vierbeiner zwingen, am Fahrrad mitlaufend ihr Geschäft zu verrichten. Man möchte doch meinen, so viel Zeit muss sein. Remember dog dödelimg

  • Antworten Niedergesäss 19. Februar 2020 um 21:25

    Genau so ist es.Wie immer sehr treffend und lustig geschrieben.Mein Hund hatte mal einen Dammbruch-seitdem rase ich zu der Stelle wo er sein Kacka abgelegt hat und suche wo es denn nun ist und ob er wirklich gemacht hat oder eine Verstopfung hat oder oder oder.Dabei werde ich etwas besorgt von meinem Hund beobachtet.Er versteht irgendwie nicht welche große Bedeutung sein Kacka für mich hat.Ob es wohl ein Leckerchen für Menschen ist ? 🙂

  • Antworten Anja Scharf 20. Februar 2020 um 11:41

    Bei deiner Schilderung musste ich schmunzeln. Da unser Rüde gerade als Junghund auch alles mögliche auf Essbarkeit testete, hab ich mir bei ihm auch angewöhnt, öfter mal genauer hinzuschauen. Die Hinterlassenschaften unserer beiden Hunde sind auch bestens unterscheidbar.
    Ich frage mich öfter mal, wenn ich sehe, wie die Leute um die Hundehaufen herumeiern oder sie mit Missachtung strafen, wie haben die ihre Kinder großbekommen. Ist doch eigentlich nichts anderes. Wenn ich mit meiner jüngsten Tochter (13 Jahre und pubertierend ohne Ende) und den Hunden unterwegs bin, besteht sie sogar darauf, dass sie selbst das einsammelt, was die von ihr geführte Hündin fallen lässt. Die wird das Problem später definitiv nicht haben.

  • Antworten Lena 20. Februar 2020 um 17:02

    Danke für deine Schilderung! Schön, dass es Gleichgesinnte gibt 🙂

  • Antworten Socke-nHalterin 20. Februar 2020 um 17:22

    Auch wir heben die Hinterlassenschaften von Socke auf und ich schaue sie mir auch an…..
    Damit habe ich kein Problem. Fremde Hinterlassenschaften ekeln mich und ich lasse sie liegen, wenn ich nicht schon vorher beim Aufsammeln in diese getreten bin….

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

  • Antworten Angelika Hoyer 23. Februar 2020 um 11:50

    Wieder mal toll geschrieben und ein Thema, dass uns alle angeht. Ich lese Deinen Blog immer mit Vergnügen.

  • Antworten Barbara 23. Februar 2020 um 17:48

    Hallo Heidi,
    mir geht es genauso, nachdem meine kleine immer wieder mit Verdauungsproblemen zu tun hatte, kontrolliere ich jeden Haufen und freu mich wenn dieser gut aussieht. Die Haufen des eigenen Hundes gehören doch irgendwie zur “Familie” 😉, die sind nicht grauslich.
    Ich muß aber auch sagen, Hut ab vor der Dame mit dem Doppelsackerl und den Handschuhen, denn offensichtlich graust es ihr sehr, aber sie räumt die Hinterlassenschaften trotzdem weg.
    Freu mich schon auf deinen nächsten Beitrag
    Dane

  • Antworten Heidrun 26. Februar 2020 um 18:01

    Was bin ich froh, nicht allein mit (m)einem Kakakontrollettitick dazustehen 😉

    Selbstverständlich wird der Output der Hunde auf Farbe, Konsistenz und bei Bedarf sogar auf Inhaltsstoffe geprüft! Ist doch auch irgendwie spannend, wenn aus einem Hundehaufen mal Bandwurmglieder winken oder der beim Buddeln verspeiste Sand die greifende Hand vor neue Herausforderungen beim Aufsammeln stellt…

    Den Ekel vor kalten Fremdhundehaufen kann ich übrigens voll und ganz nachvollziehen – da würde ich auch am liebsten mit Gummihandschuhen und Doppelkacktüte arbeiten.

  • Antworten Miriam 2. März 2020 um 8:44

    Mit einem chronisch kranken Hund ist es wichtig zu wissen, wie der Kot aussieht. Von daher sind wir hier sehr erpicht darauf die Hinterlassenschaften unserer Hündin zu sehen.
    Mit dem Kot fremder Hunde tu ich mir aber auch schwer muss ich zugeben.
    Liebe Grüße
    Miriam

  • Antworten Angelika Hoyer 4. März 2020 um 12:35

    Ich finde es wunderbar, wie Du das Leben mit “Brötchen” speziell und mit Hunden allgemein beschreibtst und gehöre zu jenen Lesern des Blogs, die immer schon auf den nächsten Beitrag warten. Hab dich deshalb auch auf meiner Seite verlinkt.

  • Antworten Foehnlocke 5. März 2020 um 15:21

    Wieder so witzig zu lesen & schön zu sehen, dass es nicht nur hier in der Schweiz so ”Spezialisten” gibt, welche sich einen Hund anschaffen, aber sich zu bequem sind, die Kakehaufen aufzusammeln.
    Ich frage mich manchmal, wie es wohl für Ausenstehende aussehen mag, wenn ich neben meinem Hund stehe, der gerade sein Geschäft verrichtet, ich mir nebenbei das Kake-Säckli bereit mache, um den Haufen einzusammeln und danach zu kontrollieren. xD Die denken alle bestimmt, ich habe einen Knall. Aber so ein täglicher Check ist einfach zur Tagesroutine geworden.
    Liebe Grüsse zu Euch.

  • Antworten Stefan Fiege 3. Oktober 2020 um 8:23

    Wir halten’s so, wie Reinhard Mey es in einem seiner Lieder verewigt hat:

    “Lieber Gott!

    Zu gerne würd’ ich richtig toben
    auf ’nem wilden Acker
    und nicht immer nur von oben …

    … vom Balkon im 10. Stock auf den versifften Spielplatz sehen,
    um am Abend nur für drei Minuten kurz mal runterzugeh’n.

    … um am ersten armen Baum, der mit dem Hundekot-Tod ringt,
    weil hier jeder seinen Hund zur Notdurft zwingt,

    … einmal nach Herzenslust herum schnuppern in den Mäusewinkeln
    und nicht an der Leine weggezerrt werden mitten im Pinkeln.

    Lieber Gott im Himmel: Etwas Muße und ein eigner Baum –
    Das wär’ mein Traum!”

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