Draußen Drinnen

Die neue Normalität.

1. Mai 2020
Die neue Normalität

Feiertag, herbstliche Kühle am ersten Maitag. Zum ersten Mal seit Wochen. Das Tier und ich sind also nicht auf der Flucht vor unüberschaubaren Mengen von Spaziergängern wie sonst. Alle gehen jetzt von morgens bis abends Gassi, vor allem die, die keinen Hund haben. Spazierengehen und Essen sind die Hobbys der Stunde. Wer zu viel isst, muss um so schneller spazierengehen, spazierenlaufen gar. An Wochentagen sind dort, wo sonst niemand ist, Menschen in nennenswerter Zahl. Wenn sie nicht spazieren, stehen sie wie angewurzelt irgendwo herum und schreien sich etwas zu. Dabei handelt es sich nicht um einen lautstark ausgetragenen Konflikt, sondern ein Schwätzchen, was jetzt wegen der Abstandsregeln ein Schreichen ist. Wir müssen also immer die Angewurzelten umsurfen und das, wo Panini und ich schon vor Jahren in der Hundeschule keine „Acht“ laufen konnten. Ich halte also die Luft an, tauche unter dem Schwätzchen-Aerosol hindurch und hoffe, dass das Tier nicht gerade jetzt eine aus einem Kinderwagen gefallene Reiswaffel am Wegesrand entdeckt und stehen bleibt. Überall gibt es jetzt Kinderwägen und Reiswaffeln. Gassi gehen ist nicht mehr dasselbe.

Manchmal wechsle ich selbst auf die Seite der Angewurzelten und halte ein kleines Schreichen. Schließlich gehören die Hundeleute im Viertel jetzt zum Kreise der wenigen Menschen, mit denen man sich trifft, wenn auch nur zufällig und ohne Vorsatz. Dann versichern wir uns gegenseitig, wie froh wir sind, dass wir unsere Tiere haben, was wir uns allerdings früher schon versichert haben. „Man ist ja im Grunde nie allein“, sagen wir dann und nicken uns verschwörerisch zu. Und die Hunde stupsen uns oder setzen sich auf unsere Füße, um zu demonstrieren, was sie von Kontaktbeschränkungen halten. Das Brötchen legt sich bei solchen Gesprächen manchmal auch gleich hin, denn es hat Heuschnupfen und ist deshalb schnell erschöpft. Die kleine gescheckte Gummistoppernase läuft oft ebenso wie die Tränen aus den braunen Augen und abends schnarcht Panini, als wollte sie Bulldoggen Konkurrenz machen. Ich versuche es mit Vitalpilzen, Homöopathie und einem Luftreiniger. Ein Geduldsspiel. Aber was ist derzeit keines? Manchmal niest mich das Tier herzhaft an und anders als auf der Straße bin ich von dem Geräusch nicht unangenehm berührt, sondern wische im Zweifelsfall die angenieste Hand gedankenverloren an den Jeans ab. Panini kennt keine „Nies-Etikette“ und bei den Hygieneregeln im Hundehaushalt ist noch Luft nach oben.

Ich gehe jetzt überhaupt nicht mehr weg, außer kurz zum Einkaufen, was das Tier toll findet. Genaugenommen findet es, wir sollten sowieso alles zusammen machen. Denn das würde bedeuten, dass es auch jedes Mal etwas essen bekommt, wenn ich etwas esse. Ich esse oft, für das Tier würde sich das richtig lohnen. Und vor allem soll ich schlafen gehen, wenn das Tier schlafen gehen möchte, also zwischen 21 und 21:30 Uhr. Panini ist der Meinung, dann ist der beste Zeitpunkt gekommen, noch einmal kurz in den Garten zu pieseln, einige Schlapps Wasser zusichzunehmen und zwei Kekse zu essen. Auf das Pieseln würde sie bei mir nicht bestehen, aber von den Keksen würde sie mir sogar welche abgeben. Entscheidend ist allerdings, dass ich dann mit ins Schlafzimmer gehe und mich ins Bett lege. Mache ich das nicht, werde ich eindringlich ermahnt. Sind wir dann endlich beide bereit, den Tag zu beenden, klettert das Tier ins Bett, wischt seine feuchte Nase an meinem Hals ab und lässt sich mit Schwung auf meinen Oberarm fallen, der infolgedessen langsam abstirbt. Nein, man ist wirklich nie allein. Zum Glück.

Das könnte dich auch interessieren

15 Kommentare

  • Antworten Marion 1. Mai 2020 um 18:39

    Eben bekommen, sofort gelesen und für mega-gut befunden. Genau das hätte genauso aus meiner Feder fließen können! Ebenfalls sind wir (auch ohne Corona) immer viel allein im Wald, bevorzugen Waldecken ohne viele Touristen, halten Schwätzchen mit Hundebesitzern von denen man meistens nur die Hundenamen und nicht die der Besitzer kennt.
    Man umläuft sich, hält grundsätzlich Abstand. Die meisten jedenfalls. Es gibt immer Leute, die samt Hund auf einen zurennen als wollen sie einen komplett umnieten. Genau die mag ich weniger. Aber auch so ist es auch im Supermarkt, in den man ja notgedrungen muss. Manchmal habe ich das Gefühl ich laufe ständig Slalom und nehme Reißaus vor anderen. Jetzt kann ich meinen Hund (der es auch nicht mag wenn er fixiert wird oder wenn jemand direkt auf ihn zuläuft) komplett verstehen!
    Kuscheln im trauten Heim, mit 2 Leckerlis zum Einschlafen (momentan isst noch jeder verschiedene) ist doch das GRÖSSTE!

  • Antworten Emilie Meißner 2. Mai 2020 um 10:43

    Mein Hund hat Hausstauballergie – weißt Du, was Du unbedingt bei Panini ausprobieren musst? Schwarzkümmelöl (hilft bei Allergien, Heuschnupfen & Co.) – ich wünsche eine baldige Genesung für die Kleine 🙂

    • Antworten Heidi 2. Mai 2020 um 11:42

      Hab ich sofort gegeben, danke für den Tipp! Ich hab davon schon mal gehört … Hast du damit bei deinem Hund gute Erfolge erzielt?

      • Antworten Marion 2. Mai 2020 um 13:45

        Hilft das auch beim Menschen?

        • Antworten Heidi 2. Mai 2020 um 13:48

          Angeblich ja! Es gibt sogar ein paar ordentliche Studien dazu …

          • Socke-nHalterin 2. Mai 2020 um 19:36

            Bitte vorsichtig sein mit dem Schwarzkümmelöl. Wir haben es für Socke zur Vermeidung von Zecken gegeben. In der Tierklinik riet man uns davon ab, da der Einsatz zu Leberschäden führen kann. Ich wollte es Euch wissen lassen…..

            Viele liebe Grüße
            Sabine mit Socke

          • Heidi 3. Mai 2020 um 23:01

            Hallo Sabine, danke für deinen Hinweis! Ja, das weiß ich, dass es die Leber belasten kann. Ich denke aber, wenn man auf eine vorsichtige Dosierung achtet, geht es.
            Liebe Grüße!

      • Antworten Emilie Meißner 3. Mai 2020 um 22:52

        nutze es noch nicht sooo lange bei meiner kleinen Omi, kann also noch keine Langzeitwirkung benennen 😉 aber was ich schon lange nutze und einfach LIEBE ist auch für Allergiker und Sensibelchen geeignet, nämlich das Limes-Spray von Marengo, einfach klasse 🙂

        • Antworten Heidi 3. Mai 2020 um 22:59

          Hab mir das Spray gerade angesehen. Klingt sehr gut. Aber in wiefern hilft es Allergikern? Hautprobleme hat Paninchen ja nicht …

  • Antworten Angelika Hoyer 2. Mai 2020 um 11:13

    Liebe Heidi, immer wieder nett, von Euch zu lesen! Mach weiter so und grüß das Brötchen.

  • Antworten Lena 2. Mai 2020 um 15:56

    Danke, Heidi, finde klasse, wie du schreibst 🙂 Immer wieder gerne!
    Danke Emilie für deinen Tipp! Bin selbst von Heuschnupfen betroffen und glaube, dass mein Hund auch etwas in dieser Richtung haben kann (seine Nase läuft und er niest oft ) 🙁

  • Antworten Miriam 4. Mai 2020 um 8:58

    Heuschnupfen ist nicht schön. Hab ich selber auch. Was bei mir geholfen hat, war Honig im Winter zu essen, der aus der direkten Region kommt. Mein Körper scheint sich so über den Winter an die Pollen gewöhnt zu haben.
    Liebe Grüße
    Miriam

  • Antworten Claudia 4. Mai 2020 um 9:57

    Wirklich sehr schöne Beiträge, ihr beiden! Freuen uns schon immer auf den nächsten! Viele Grüße, Pauli mit Frauchen
    (Wie es mir so mit meinen Menschen geht, erzähle ich übrigens auf http://www.der-glueckshund.de … )

  • Antworten Carmen 11. Mai 2020 um 11:36

    Gerade die Seite entdeckt und bereits das eine oder andere gelesen.

    Und hier für den Moment:
    Ich dachte immer, dass nur mein Hund abends zur Schlafenszeit ruft. Leider kann ich nicht immer darauf eingehen, liebe es jedoch, wenn er sich ankuschelt und zufrieden einen Seufzer von sich gibt.

    Übrigens, dass hat er schon mit sechs Monaten gemacht. Bin auch selbständig, habe viel nachts am Schreibtisch gesessen. Er kam dann exakt dreimal, um mich abzuholen. Zweimal liess er sich auf einen Platz schicken, beim dritten Mal blieb er neben dem Stuhl sitzen. Also, Arbeit beenden, innerlich lächeln und dem Hund danken für so viel weise Voraussicht. Das war 2006, heute ist er 14 Jahre alt und der beste Begleiter, den ich mir wünschen konnte!

    Weiter viel Freude mit Panini!

  • Antworten Thorsten Lapsit 19. Mai 2020 um 13:30

    Tja, zu Zeiten von Corona findet das Rudel eben wieder zusammen, wie in de guten alten Zeit, als die Menschen noch in Höhlen wohnten ☺

    Thorsten Lapsit
    Hundetrainer mit Herz

  • Hinterlasse einen Kommentar