Draußen

Brief an einige mir unbekannte Südländer.

12. Dezember 2018
Hunde in Italien

Manchmal muss man Briefe schreiben, auch wenn man die Adressaten nicht kennt und die Briefe nie ankommen.
Es wird viel geschimpft auf die Länder, aus denen unsere Tierschutzhunde kommen. Viele wissen nicht, dass es ein sehr fortschrittliches Tierschutzgesetz in Italien gibt – dessen Umsetzung allerdings den Hunden zum Nachteil gereicht. Kein Hund darf getötet werden. So weit so gut. Doch für die Hunde bedeutet das, dass sie niemand erlöst. Dass sie am Leben bleiben müssen, auch wenn das Wort schon lange nicht mehr treffend ist. Sie werden vielerorts zum Geschäftsmodell. Jeder Hund bringt Geld von der Gemeinde, wenn auch nicht viel. Je schlechter er versorgt wird, desto mehr bleibt beim Tierheimbetreiber hängen. Menschen ohne Mitgefühl horten Hunde, um an ihnen zu verdienen. Eine Vermittlung ist nicht erwünscht. Doch es gibt viele Italiener, die die Sache anders sehen. Die das Beste versuchen, auch wenn es nie ausreicht. Die Hunde lieben und gut behandeln. Solche Menschen hat mein Hund getroffen als er ein Welpe war. Zeit, um Danke zu sagen.

Liebe Italiener,

vor sechs Jahren seid ihr einem kleinen Hund begegnet. Einem sehr kleinen. Er hatte riesige braune Augen und lustige Ohren und ihr fandet ihn niedlich. Ihr habt euch um ihn gekümmert, ihn gefüttert, mit ihm gespielt und mit ihm gekuschelt. Er lernte viele Dinge bei euch kennen. Straßen, Autos, Motorräder, Kinderwagen. Aber vor allem lernte er, dass Menschen gut sind. Ihr habt den kleinen Hund freundlich behandelt. Vielleicht gehörte er zu eurer Familie, vielleicht kam er nur ab und zu vorbei. Ich hoffe sehr, dass letzteres zutrifft. Das andere würde nämlich bedeuten, dass ihr ihn nicht mehr mochtet, als er größer wurde. Dass er euch lästig war. Das will ich nicht glauben.

Irgendwann kam der kleine Hund in ein Tierheim. Er war noch sehr jung und hatte nicht viel Ahnung vom Leben. Zuvor hatte er sich schlimm verletzt, vielleicht hatte er sich in Stacheldraht verfangen oder war in eine Falle geraten. Ihr habt seine Wunde versorgt und das Schlimmste verhindert. Im Tierheim traf er weitere von euch, die gut zu ihm waren. So gut, wie es die Umstände eben zuließen. Als der junge Hund von anderen Hunden übel zugerichtet wurde, habt ihr ihn verarztet. Ihr konntet ihm keine besondere Behandlung ermöglichen, es gab bei euch viel zu viele Hunde, die Hilfe brauchten. Ihr hattet kein Geld für Decken oder gar Körbchen. Und eure Gehege waren im Herbst ein Sumpf, das Wasser lief einfach nicht mehr ab.

Panini in Italien

Panini im Matschzwinger

Der junge Hund balancierte am Rand des Zauns entlang, weil er den Matsch so leid war. Er machte das so geschickt, dass er das Mitleid und die Aufmerksamkeit einer deutschen Tierschützerin erregte. Ihr habt ihn reisefertig gemacht und wart froh, dass es fortan einen kleinen Fresssack weniger unter euren Bewohnerscharen gab. Dann hat er euch verlassen.

Heute lebt dieser Hund bei mir. Er ist älter geworden und er weiß jetzt eine Menge über das Leben. Über Schmerzen, über Hunde und über Menschen. Aber wenn er mich heute liebt, liebt er in Wahrheit immer noch euch. Ihr habt ihm gezeigt, wie Menschen sein können: zugewandt und voller Mitgefühl für Tiere. Es ist euer Verdienst, dass mein Hund keine Angst hat vor fremden Dingen, vor Geräuschen oder vor Menschen. Es ist euer Verdienst, dass er Menschen jederzeit vertraut, in ihnen das Beste sieht, was einem Hund passieren kann. Hättet ihr euch nicht liebevoll um meinen Hund gekümmert, ihm die Welt näher gebracht – ich könnte es heute nicht mehr nachholen. Mein Hund wurde nicht gut ernährt, seine Bedingungen für ein glückliches Leben waren denkbar schlecht. Aber ihr habt dafür gesorgt, dass aus ihm trotzdem ein ausgeglichener und fröhlicher Hund geworden ist, der Menschen mit Neugier und Freude begegnet. Dafür danke ich euch sehr.

Alles Beste

Heidi Schmitt

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6 Kommentare

  • Antworten Inken 12. Dezember 2018 um 18:33

    Liebe Heidi, da habe ich glatt ein paar Tränchen im Auge – hoffentlich übersetzt das Jemand den Südländern.

  • Antworten Elli Radinger 12. Dezember 2018 um 19:10

    Schnief … Danke an alle Kümmerer, die die Welt besser machen!

  • Antworten Antje 14. Dezember 2018 um 10:17

    Sehr berührend! Auch ich bin froh, dass es Menschen gibt, die sich kümmern. Die nicht wegsehen und ihr möglichstes tun um zu helfen. Auch meinen Hunden aus der Türkei und aus Ungarn hat es das Leben gerettet. Nur so konnten sie letztendlich ein tolles Leben führen und umsorgt sein. Danke an Alle die nicht wegsehen – im Ausland aber auch bei uns in Deutschland! Meine Bitte an jedermann/-frau: Fühlt Euch zuständig – sonst tut es keiner.

  • Antworten Christoph 15. Dezember 2018 um 17:28

    Ein Brief den wir sofort unterschreiben können. Ohne die Menschen die nicht wegsehen sondern handeln wäre unser Telmo wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Im Gegensatz zu dir kennen wir die Menschen die eingegriffen und geholfen haben und sind glücklich, immer noch Kontakt zu ihnen zu haben. Wir hoffen und sich auch zuversichtlich, das ihre Zahl zunimmt, egal in welchem Land. Gäbe es nicht diese Menschen, die Welt wäre ein ganzes Stück ärmer.

  • Antworten Christine Lönnecke 16. Dezember 2018 um 1:39

    Schluck! So wahr <3 Wir haben auch Hunde aus dem Ausland und ich bin jeden Tag sehr dankbar, dass wir sie bei uns haben dürfen.

  • Antworten Sabine 25. Dezember 2018 um 10:08

    Auch meine Hunde verdanken solchen aufopferungsvollen Menschen ihr Leben, ihr Leben bei mir. Du hast Recht, allen, die die Welt ein bisschen besser machen gebührt DANK!

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