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Hundehaltung im Alter – unbezahlbar.

4. Mai 2016

Vor einigen Tagen berichtete Tierarzt und Blogger Ralph Rückert bei Facebook über eine aus seiner Sicht besorgniserregende Entwicklung. Immer mehr Tierkliniken wandern in den Besitz skandinavischer Tierklinik-Ketten. Die Aufkäufe haben System und führen zu einer unübersehbaren Marktmacht einiger weniger, profitorientierter „Anbieter“. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um die kommende Entwicklung vorherzusehen: Die medizinische Behandlung von Tieren wird teurer, und zwar deutlich.

Nun wird ja bekanntlich alles fortwährend teurer, Strompreise, Mieten und andere existentielle Dinge. Und doch hat diese Nachricht eine ganz eigene Brisanz. Ich muss ein bisschen ausholen, um zu erklären, was ich meine.

In diesen Tagen diskutieren wir lebhaft über das Thema „Altersarmut“. Unabhängig davon, wie exakt die Zahlen der dabei zitierten Studie tatsächlich sein mögen, kann jeder geistig wache Mensch leicht feststellen, dass es für die meisten von uns schwer werden wird, den Lebensstandard im Alter zu halten. Gleichzeitig sehen wir uns im Alter mit zwei weiteren Phänomenen konfrontiert: Demenz und Einsamkeit. Zum einen werden wir bekanntermaßen immer älter, womit auch der Prozentsatz derer, die im Oberstübchen ein bisschen verrutscht sind, steigt. Zum anderen gibt es so viele Single-Haushalte wie nie zuvor und damit eine steigende Zahl derer, die auch im Alter alleine leben werden. Zwischen beiden Phänomenen gibt es einen bemerkenswerten Zusammenhang. Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass körperliche Bewegung und Sozialkontakte die wichtigsten Faktoren sind, um Depressionen und Demenz aktiv vorzubeugen. Nun fügen sich langsam die Puzzlesteinchen zusammen.

Jeder, der schon einmal längere Zeit in Tierarztwartezimmern verbracht hat und dort mit älteren Menschen spricht, weiß, wie wichtig das Tier für diese Menschen ist. Es ist Lebens- und Schmusepartner, es bringt sie (im Falle von Hunden) an die frische Luft und in Bewegung, es ist Aufgabe und Bestätigung und es sorgt für immer wieder neue Sozialkontakte. Oft wird genau das auch so von den Tierhaltern berichtet. Hundehaltung im Alter bedeutet Glück und Lebensmut. Ich empfehle dazu an dieser Stelle die kleine Doku „Ich hab’ nur noch meinen Hund“

Der Vierbeiner sorgt für das Wohlbefinden und die Gesundheit seiner älteren Herrchen und Frauchen. Die Tierhaltung im Alter ist unbezahlbar – denn keine Pille oder Spritze könnte je einen so umfassenden und nachhaltigen Effekt auf das Wohlergehen von Menschen haben wie das Zusammenleben mit dem geliebten Fellhaufen. Was aber soll aus alten Menschen werden, wenn die Versorgung eines Tieres im ganz anderen Sinne unbezahlbar wird?

Die Tiertafel Frankfurt hat im vergangenen Jahr einen großen tierärztlichen Check für die älteren Vierbeiner ihrer Kunden organisiert. Viele größere und kleinere Leiden konnten dabei gelindert werden, die jahrelang unbehandelt geblieben sind. Die Tierhalter (Menschen mit kleiner Rente, Obdachlose, Menschen mit Hartz IV und andere) konnten sich den Besuch beim Tierarzt einfach nicht leisten. Schon heute. Was wird aus Halter und Hund, wenn die Notoperation einer Magendrehung nicht mehr 1.000,-, sondern 4.000,- kosten wird – ein realistischer Preissprung, wie Ralph Rückert schreibt? Wie soll sich das ein Mensch mit 1.300,- Einkommen leisten? Wie soll Hundehaltung im Alter mit durchschnittlichen Renten möglich sein?

Rückert rät, eine OP-Versicherung abzuschließen. Doch die ohnehin kleine Schar der Tier-Versicherer hat in den letzten Jahren kräftig die Zügel angezogen. Die Beiträge steigen, das Leistungsniveau sinkt. Ältere Hunde haben es schwer, überhaupt aufgenommen zu werden bzw. einen entsprechenden Schutz zu bekommen, „Risikorassen“ müssen mit Aufschlägen rechnen, Hunde mit Fehlbildungen wie Patellaluxation sind ausgeschlossen. Panini war schon nach dem ersten Kreuzbandriss in den Augen der Versicherer nicht mehr schutzwürdig.

Ich finde all das sehr bedrückend und als Zukunftsperspektive macht es nicht eben Mut. Ich habe leider keine all umfassende Lösung parat. Aber ich denke, es müsste ein Umdenken stattfinden angesichts der Fakten:

  • Haustiere haben einen großen Einfluss auf das physische und psychische Wohlbefinden ihrer Besitzer. Der Effekt ist umso größer, wenn Menschen alt sind und alleine leben.
  • Heute muss alles einen wirtschaftlichen Nutzen haben. Deshalb: Ja, Haustiere ersparen der Gemeinschaft Ausgaben, aus dem oben genannten Grund
  • Haustiere füllen eine Lücke, die unsere Gesellschaft achtlos klaffen lässt: Sie sind bei denen, bei denen sonst niemand ist
  • Haustiere nehmen so ganz nebenbei wichtige gesellschaftliche Aufgaben wahr. Indem sie für Einzelne da sind, nutzen sie der Gemeinschaft.

Es wird Zeit, dass diese Fakten anerkannt werden und dass unsere Tiere als Gegenleistung für das, was sie für uns tun, nicht einfach Profitinteressen zum Fraß vor geworfen werden. Wenn die Tierarztkosten steigen, geht das vor allem auf Kosten der Schwächsten: Der Alten, Kranken, Einsamen, Mittellosen und natürlich der Tiere selbst. Deutschland ist stolz auf sein Gesundheitssystem. Es wäre bahnbrechend, aber aus meiner Sicht vollkommen richtig, wenn wir heute darüber diskutieren würden, inwieweit die Gesundheitsversorgung unserer Haustiere ein Teil davon sein kann.

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Titelbild: ©Mark_KA – istockphoto.com

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5 Kommentare

  • Antworten Günther Hermes 5. Mai 2016 um 12:02

    dieser Bericht mit Video geht zu Herzen.Auch mein Hund Jacky ,ein Jack Russel Terrier,ist mittlerweile der Teraphiehund von unserer an Demenz erkrankte Oma geworden.Sie spricht mit ihm,kuschelt im Bett und erfreut sich bei seinem Anblick.Die Regierung sollte hier für alte arme Menschen dasein das sie nicht ihren Lebensinhalt,das Haustier,verlieren müssen anstatt Geld nach Griechenland,in die Türkei oder sonstige Instutionen zu pumpen.

  • Antworten Socke-nHalterin 5. Mai 2016 um 15:22

    Wenn wir sehen, wieviel Freude Socke meinen Schwiegereltern macht, wenn sie einmal in der Woche einen Tag dort verbringt, dann geht mir das Herz auf. Gerade meine Schwiegermutter fiebert dem Tag entgegen, der sie – nach ihren eigenen Angaben – aus ihrer Routine reißt. Es gäbe immer etwas zu staunen und zu lachen. Man kommt sogar mit den Nachbarn ins Gespräch. Und als wir heute dort angerufen haben, da berichteten sie, dass sie auf der Terasse sitzen und über den gestrigen Betreuungstag geredet haben. Socke hat nämlich bei der Gartenarbeit geholfen und mit dem einen oder andere Schleck und dem Blick durch die Beine ihre Herzen aufgehen lassen.

    Wir freuen uns, dass die beiden Socke so gerne mag und sich dort so wohlfühlt. Sie ist auch ausgelastet, denn am Folgetag total platt.

    Insofern finde ich Deinen Beitrag sehr gelungen und wünsche mir, dass viele alte Menschen in den Kontakt mit Tieren kommen dürfen.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

  • Antworten Kris 17. Juni 2017 um 22:35

    Liebe Heidi,
    ich hab Deinen Blog heute über einen Freund auf FB entdeckt und bin begeistert. Vielen Dank für diese wunderbaren, meistens herzerfrischenden Beiträge, Gedanken und Geschichten. Ich antworte nun auf diesen Beitrag, weil mich das Thema schon sehr lange begleitet. Wir lebten damals in West-Berlin und ich wollte so gerne einen Hund. Doch meine Mutter hatte Angst vor Hunden und so blieb es bei dem Wunsch und 2 “Pflegehunden”, mit denen ich regelmäßig mehrmals in der Woche Gassi und mit einem von ihnen auch zum Hundetraining ging. Dann zogen wir nach Schleswig-Holstein … und ich bekam eine Katze . Im Alter von 25 Jahren erkrankte ich von heute auf morgen schwer. Ich wurde im Verlauf der chronischen Erkrankung berentet und für schwerbehindert erklärt. Meine Katze starb. Vor etwa 16 Jahren trennte ich mich von meinem Lebensgefährten und meine zweite Katze (die Tochter meiner ersten Katze) starb schließlich vor etwa 10 Jahren. Seitdem lebe ich alleine. Ich bin wunderlich geworden.

    Ich hätte noch immer gerne einen Hund und es gibt einige Menschen, die meinen, dass mir ein Hund gut täte. Doch … ich kann es mir einfach nicht leisten. Ich leiste mir ein Auto (weil Mobilität bei meinen vielen Be- und Einschränkungen ausgesprochen wichtig ist). Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wie ich es anstellen könnte, habe auch einige Versuche unternommen, wie bsp. den, dass ich mich über ein Portal als Hundesitterin oder Gassigeherin angeboten oder auf Inserate geantwortet habe. Mein Eindruck war, dass die Hunde mich ganz “cool” fanden. Ein Labbi legte bsp. mal seinen Kopf demonstrativ auf meine Füße, als ich noch mit Frauchen im Flur stand und gehen wollte … nach dem Motto: “Das ist MEIN neues Spielzeug, ich will, dass sie bleibt.” Aber Frauchen wollte wohl nicht. Kann es sein, dass man heute schon ein Hundediplom vorzeigen sollte, wenn man sich als Hundesitterin zur Verfügung stellen möchte? Jetzt fahre ich gelegentlich in die umliegenden Tierheime und trabe hinter einem dieser Geschöpfe her. Das ist in Ordnung, aber natürlich auch etwas ganz Anderes, als ein eigener Hund, der MIR gut tun könnte.

    Was mich an meiner und der Situation im Allgemeinen so traurig macht ist, dass Tiere selbstverständlich einen großen Gewinn für die Lebensqualität mancher Menschen innerhalb unserer Gesellschaft darstellen können. Und während es in südlichen Ländern immernoch undenkbar wäre, dass sich jemand, der einen Hund an seiner Seite haben möchte, sich keinen leisten kann, habe ich im Laufe der Jahrzehnte hier in Deutschland den Eindruck gewonnen, dass es zunehmend tatsächlich erschwert wurde, Hundehalter zu sein.

    Damals, in Berlin, gab es unglaublich viele Hunde. Klar, das führte auch zu Problemen und es hat vielleicht auch Vorteile, dass nicht “jeder” enen Hund haben kann. Doch, wenn ich mich hier so umschaue (ich lebe wieder in einer Großstadt), dann sind es hauptsächlich Menschen, die sich einen Hund tatsächlich finanziell leisten können. Man könnt meinen, der Hund ist fast Statussymbol. In einer sozialschwachen Wohngegend zähle ich etwa 2 Hunde auf 50 Wohnparteien.

    Hunde werden heute auch zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Es gibt zahlreiche Studien die belegen, dass sich die Lebensqualität von Menschen verbessert (natürlich besonders, wenn sie in irgendeiner Form beeinträchtigt sind … Alter, Krankheit, Behinderung u.a.). Es gibt bemerkenswerte Programme, bsp. in den USA, wo kriminelle junge Erwachsene ein Tier (in ihrer Zelle) aufnehmen und sich darum kümmern.

    Nur irgendwie … habe ich noch immer keinen Hund. Und ich befürchte langsam, dass ich das in diesem Leben wohl auch nicht mehr umsetzen können werde. Schade eigentlich, oder?

    Liebe Grüße,
    Kris

    • Antworten Heidi 18. Juni 2017 um 19:26

      Liebe Kris,
      danke für Deinen langen Kommentar. Ich weiß nicht recht … vielleicht solltest Du nicht aufgeben. Es gibt doch manchmal so etwas wie Dauerpflegestellen von Hunden, die nicht so leicht zu vermitteln sind, etwa weil sie ein Handicap haben. Ich nehme an, das würde Dich – ohne an die Kosten zu denken – nicht stören. Dabei werden u.U. die Kosten für den Hund von der Tierschutzorganisation übernommen bzw. von einem “Paten”, der selbst keinen Hund halten kann oder will. Könnte das nicht etwas für Dich sein? Das Konzept wäre hier eben, dass mehrere Menschen für den Hund sorgen – der eine mit seiner Zeit, Pflege und Aufmerksamkeit, der andere finanziell. Ich habe mal bei jemandem angefragt, der sich mit sowas auskennt, wenn ich irgendetwas Hilfreiches höre, melde ich mich nochmal. Aber vielleicht lohnt es sich, das auch mal zu googeln? z.B. unter Dauerpflegestelle gesucht o.ä.?
      Liebe Grüße
      Heidi

      • Antworten Kris 19. Juni 2017 um 13:02

        Liebe Heidi,
        ich danke Dir für Deine Ideen. “Ein behinderter Hund zu einer Behinderten”, mag auch nach einer ganz guten Idee klingen. Ich denke jedoch nicht, dass das gut für mich wäre. Ein behinderter Hund ist meines Erachtens am besten in einer Familie aufgehoben, in der bereits Tiere (Hunde) vorhanden sind. Ich habe auch schon mal überlegt, einen Hund aufzunehmen, der als Therapiehund ausgebildet werden soll. Einen Welpen aufzunehmen und ihn dann doch abgeben zu müssen … hm. Außerdem kann ich zur Sozialisierung keine Familie anbieten, sondern eben nur … mich.
        Ich denke, dass ich (m)einen Hund am ehesten über einen Tierarzt oder Tierheim finden würde. Für mich wäre ein Hund mit einer ruhigen Energie gut, mittelgroß, ein Hund, der seine Halter verloren hat bsp. Die Chemie muss stimmen. Doch, was die Kosten der Haltung angeht … ich bin es leid, Anträge zu stellen. Ehrlich. Übrigens unterstütze ich selbst auch verschiedene Projekte und Organisationen, auch im Tierschutz. Aber auch, wenn ich das lassen würde, reicht es eben nicht für die Hundehaltung. Alles Liebe für Dich …
        Kris

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